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Wenn die Gegenwart mir – wie gerade – den Atem verschlägt, versuche ich, Abstand zu gewinnen, um ein bisschen weiter und tiefer zu sehen, über den engen, scharfkantigen Rand der erregten Menschenwelt hinaus. Dabei hilft mir auch der Blick in die gute alte Bibel. Besonders beglückend ist es, wenn ich dabei eine Seh- und Lesehilfe bekomme, die mir einen Sinn-Aspekt zeigt, den ich vorher übersehen habe.
So erging es mir, als ich das neue Heft der Zeitschrift "Kunst und Kirche" las. Es widmet sich dem Atem. Kann es ein grundlegenderes Thema geben? Mit einem ersten Atemzug beginnt das eigene Leben auf dieser Erde, und mit einem letzten endet es.
Es ist ein Zeichen unserer atemlosen Zeit, dass viele Menschen der Atem-Therapie bedürfen, weil ihnen das Selbstverständlichste fremd geworden ist. Darüber will ich mich nicht lustig machen, auch wenn es allerlei Esoterisches auf dem Atem-Markt gibt. Ich selbst habe als stotterndes Kind sehr von den Atemübungen meines Logopäden profitiert. Deshalb fand ich es besonders faszinierend zu lesen, wie Künstlerinnen und Künstler sich heute mit dem Atem beschäftigen, der für mich eben nichts Selbstverständliches ist.
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Auf das Schönste lehrreich fand ich zudem einen Aufsatz der Berner Alttestamentlerin Nancy Rahn, der die zweite Schöpfungsgeschichte über den Atem und die mit ihm verbundenen Organe des Menschen aufschließt. Diesen Mythos mag ich besonders, weil ich den Eindruck habe, dass ein Bauer ihn erzählt hat.
Ihn interessiert nur das Leben auf der Erde, das Leben der Menschen, Pflanzen und Tiere. Über den Kosmos macht er sich keine Gedanken. Wie Himmel und Erde entstanden sind, erzählt er nicht. Sie sind einfach da. Seine Geschichte beginnt – typisch für einen Bauern im Nahen Osten – mit dem Wasser. Es kommt ein Nebel und befeuchtet die Erde. Jetzt können Pflanzen wachsen. Da nimmt Gott Erde vom Acker und formt mit seinen Händen aus ihr den Menschen. Aber der Mensch ist nur Erde, ein Stück Lehm. Erst als Gott ihm seinen Atem und Geist durch die Nase einbläst, kommt Leben in ihn.
Man versteht diese Geschichte besser, wenn man drei hebräische Wörter bedenkt. Das erste ist "nefesch" und bezeichnet die "Kehle". Durch sie geht der Atem hinein und hinaus. "Nefesch" meint aber nicht nur das bloße Organ, sondern auch die mit ihm verbundenen Gefühle: "die hörbare, rufende, krächzende, gierige, nimmersatte, hungrige, durstige, nach Luft schnappende Kehle", wie Rahn schreibt. Wenn Gott seinen Atem in einen Menschen bläst, wird dieser zu einer "lebendigen nefesch". So wird "Kehle" zu einem Wechselbegriff von "Seele". Da der Glaube in der Welt des Alten Testaments immer etwas Leibhaftiges ist, könnte man einen berühmten Psalmvers auch mit "Lobe den Herrn, meine Kehle" übersetzen.
Das führt zu einem zweiten hebräischen Wort: "ruach". Es wird zumeist mit "Geist" übersetzt. Doch das ist zu eng und zu spirituell. "Ruach" heißt auch: Atem, Odem, Hauch, Sturm, Kraft, Bewegung. Im ersten Schöpfungsmythos heißt es, dass diese "ruach" über den Urwassern schwebte, bevor Gott mit seiner Arbeit begann. Mit ihr verwandt ist drittens die "neschama", der "Hauch" Gottes, den dieser wie ein Notfallsanitäter in den leblosen Menschen bläst.
Was ich an diesen Worten so schön finde, ist, wie sie das Seelische und das Körperliche, das Göttliche und das Menschliche verbinden. Wir sind mit Gott durch Kehle, Nase und Mund verbunden. Indem wir Atem holen, fährt seine Lebendigkeit in uns ein. Indem wir ihn wieder abgeben, sind wir Teil eines unendlichen Gebens und Nehmens. Das ist ein Wunder, für das wir nichts tun müssen. Im Gegenteil, wenn wir beim Atmen Gewalt anwenden, schaden wir uns selbst. Es ist auch gar nicht nötig.
Die Luft ist da, wir müssen sie nur empfangen. Alles, was es dazu braucht, sind ein bisschen Aufmerksamkeit, Ruhe, Geduld und Dankbarkeit – und dies alles würde uns in unserer gegenwärtige Atemverschlagenheit sehr gut tun.




