- Anmelden, um Kommentare verfassen zu können
Man sieht sie nicht, man schmeckt sie nicht, man kann sie nicht fühlen: Ewigkeitschemikalien oder auch PFAS, das ist die Abkürzung für per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen. PFAS gäbe es ohne uns Menschen nicht, wir haben sie geschaffen. Mehr als 10.000 verschiedene Verbindungen gehören zu dieser Stoffgruppe. Sie sind nützlich, weil sie Wasser, Fett und Schmutz abweisen, zudem noch langlebig und stabil. Sie sind aber leider auch gefährlich – und überall, längst auch in unseren Körpern.
Vor einigen Jahren kam ich nach Hause und die Familie war dabei, Bratpfannen mit Teflon-Beschichtung auszusortieren. Als ich nach dem Grund fragte, hörte ich erstmals vom Problem mit den Ewigkeitschemikalien. Ehrlicherweise dachte ich: Oh nein, bitte nicht noch das nächste Umweltproblem! Das Klima reicht doch! Ich habe das Thema dann auch eine ganze Weile verdrängt – wie es viele Mitmenschen mit der menschengemachten Erderwärmung auch zu machen scheinen.
Bis mir ein Buch auffiel, das am kommenden Mittwoch erscheint und dessen Titel auf den ersten Blick wenig Raum für Zuversicht lässt: "Die Vergiftung der Welt". Geschrieben hat es die US-amerikanische Investigativjournalistin Mariah Blake, die unter anderem schon für die New York Times oder The Atlantic gearbeitet hat.
Blake begleitet seit acht Jahren Menschen aus Hoosick Falls, einem Dorf im US-Bundesstaat New York. 2014 hatte einer der Einwohner einen Verdacht. Er heißt Michael, und er trauerte um seinen Vater Ersel, der an Nierenkrebs gestorben war. Ersel war ein Schulbusfahrer, der in der ganzen Gegend für seine liebenswerte Art bekannt war. Als er beerdigt wurde, bildeten sich Menschenschlangen. Seinem Sohn fiel auf, dass viele Menschen in Hoosick Falls ein ähnliches Schicksal erlitten; sie wurden krank oder starben sogar, oftmals viel zu jung. Es gab doch die Chemiefabrik im Ort, die Teflon herstellte. Hatte sie etwas damit zu tun?
In ihrem Buch erzählt Mariah Blake die Geschichte nach, verschränkt persönliche Schicksale wie das von Ersels Familie mit Rückblicken in die Geschichte der Chemie. Über Strecken liest sich das Buch fast wie ein Roman - nämlich immer dann, wenn Blake den Protagonisten nahekommt, wie man es als Reporterin wohl wirklich nur schaffen kann, wenn man Menschen über Jahre begleitet. Dann wieder wirkt das Buch wie eine Art historischer Krimi. Denn die Geschichte der Ewigkeitschemikalien ist lang.
Ihre Ursprünge liegen in der Zeit geheimer Rüstungsprojekte zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges. Nach Kriegsende witterten diverse Konzerne ein großes Geschäft, eben weil Chemikalien aus der Stoffgruppe der PFAS so nützlich waren. Dabei war früh klar, dass Gefahren von den neu entdeckten chemischen Stoffen ausgehen. Laut Umweltbundesamt haben Untersuchungen für bestimmte PFAS mittlerweile gezeigt, dass sie negative Effekte auf die Leber, das Immunsystem, den Hormonhaushalt, den Stoffwechsel und die Fortpflanzung haben können.
Der unwahrscheinliche Aktivist
Ich verabrede mich mit Mariah Blake für ein Videogespräch, weil ich erfahren möchte, wie sie mit meinem ersten Gedanken umgeht, der mich damals überkam, als ich von der Gefahr erfuhr. Oh nein, bitte nicht noch das nächste Umweltproblem! "Ich verstehe das!", sagt mir eine fröhliche Frau, die auf der anderen Seite des Atlantiks in einem lichtdurchfluteten Raum sitzt. "Heute ist das Problem weltweit bekannt. Das ist wichtig. Und es ist noch zu wichtiger zu erkennen, warum das so ist: Michael, der Mann, der Versicherungen verkauft und der Angst hatte, öffentlich zu reden. Der sich weder für Politik noch für Umweltfragen interessierte und der Typ Mensch war, der gern Bier trinkt und Football guckt – dieser Mann nahm den Kampf an. Gegen Behörden, gegen multinationale Konzerne, damit die Menschen in seiner Heimat sauberes Wasser haben. Er bekam Hilfe von anderen "unlikely acitvists", zum Beispiel von seinem Hausarzt, Marcus. Sie haben alle möglichen kleinen Schritte gemacht, bis sie sehr mächtig waren. Alle hatten ihre Stärken und Schwächen, in der Gruppe aber haben sie zusammengefunden. Sie sind für mich echte Vorbilder."
Lesetipp: So lässt sich das Krebsrisiko senken
Blake hat daraus eine Lehre gezogen: Persönliches Engagement, sich mit anderen zusammen zu tun und dabei darauf zu achten, dass jede und jeder das in die Gruppe einbringt, was sie oder er besonders gut kann – all das könne sehr nachhaltig sein, auch wenn es Jahre dauere, bis sich der Erfolg einstellt. Mittlerweile musste der Chemiekonzern DuPont den Menschen in Hoosick Falls Millionen an Dollar zahlen, unter anderem für regelmäßige Gesundheitschecks und eine sichere Trinkwasserversorgung. Und selbst vom Trumpismus geprägte Bundesstaaten in den USA hätten strenge Regeln erlassen, um die Belastung zu begrenzen.
PFAS gibt es auch in Deutschland
Und doch: Das Problem mit den Ewigkeitschemikalien bleibt, denn es wurde buchstäblich verweht in alle Richtungen. Es gibt wohl keinen Ort mehr auf der Welt, an dem sie sich nicht nachweisen ließen. Blake setzt ihre Hoffnungen in zwei Entwicklungen. In das Vorbild, das vom Montreal-Protokoll ausgeht. Und in die Europäische Union, die PFAS verbieten will. "Wenn das Verbot in Europa klar, eindeutig und stark ist, dann wird sich weltweit etwas tun, denn dann müssen die exportorientierten Unternehmen im Rest der Welt ihre kompletten Lieferketten durchforsten. Und dann kommt der Kipppunkt schnell, weil es lukrativ wird, mit Alternativen zu arbeiten", sagt Mariah Blake. So sei es auch beim Kampf gegen das Ozon-Loch gewesen, das zu einem internationalen Abkommen führte, dem Montreal-Protokoll. Schlagartig war es rentabel, mit Ersatzstoffen zu arbeiten, die die Ozonschicht nicht schädigten. "Das ist auch bei den PFAS möglich", meint Blake.
Für Menschen, die sich Sorgen um ihr Trinkwasser und ihre Gesundheit machen, hat sie einige Tipps:
- So wenig Plastikboxen wie möglich nutzen, und wenn doch, solle man sie nicht in die Mikrowelle zum Erwärmen verwenden und sie auch nicht der prallen Sonne aussetzen, damit die Beschichtung sich nicht löse
- Für Wasser Glasflachen nutzen
- Zurückhaltung üben bei allen Materialen die mit Wasser- und Schmutzfestigkeit werben
- Kein Popcorn essen, das in der Mikrowelle zubereitet wird (klingt merkwürdig, aber Popcorn-Verpackungen waren einschlägig aufgefallen)
- Auf Fast-Food-Verpackungen verzichten, dazu zählen auch Instant-Produkte aus eingeschweißten Verpackungen.
Wer recherchieren will, ob am eigenen Wohnort schon PFAS nachgewiesen wurden, kann das beispielsweise auf der Karte des Forever Pollution Projects tun.
Mariah Blake ist optimistisch, dass wir das Problem lösen werden - und daraus lässt sich auch Hoffnung für andere Herausforderungen wie den Klimawandel schöpfen. Sie wird mit ihren Protagonisten in Kontakt bleiben. "Ich habe sie schon auf zu viele Beerdigungen begleitet, aber zum Glück auch schon besucht, wenn gerade ein neuer Mensch geboren worden war."
Das Forever Pollution Project untersucht, wo PFAS in Europa vorkommen.
Hier geht es zur Karte des Forever Pollution Projects.
Mariah Blake: Die Vergiftung der Welt. Der globale PFAS-Skandal und wie er vertuscht wird, ISBN: 978-3-98726-515-0, 336 Seiten, übersetzt von Karsten Petersen, Erscheinungstermin: 25.02.2026, bis dahin läuft eine Vorbestellaktion.
