Klimakrise und Psychologie
Die fiesen Drachen der Untätigkeit
Sie haben gerade die Flugreise in den Urlaub gebucht, obwohl Sie doch wissen, dass Fliegen die Erde erhitzt? Warum tun Sie das? Weil unser Kopf uns immer wieder einen Streich spielt! Lesen Sie hier, warum das so ist
Tim Wegner
11.03.2024

Eis über dem Ärmelkanal! Wie kann das denn sein? Vor zwei Wochen habe ich darüber berichtet, dass der Kollaps des Golfstroms keine haltlose Befürchtung mehr ist. In Modellrechnungen gelang der Nachweis, dass Meeresströmungen kippen, wenn der Mensch die Erde weiter erhitzt. Die Folge wäre, ironischerweise, eine dramatische Abkühlung hier bei uns in Europa.

Warum spielt die Menschheit mit dem Feuer? Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass der Klimawandel eben nicht nur ein Wandel, sondern eine gefährliche Krise ist. Es ist nicht so, dass nichts vorangeht; Vordenker der Energiewende wie Hans-Josef Fell betonen die Fortschritte. Aber der Bremsweg ist lang. Wie kann das sein angesichts der Gefahren? Wo bleiben die Sondersendungen, die Eilmeldungen angesichts solch dramatischer Forschungsergebnisse?

Katharina van Bronswijk ist Psychologin, Verhaltenstherapeutin und Sprecherin von Psy4F. 2022 erschien ihr Buch „Klima im Kopf“. Katharina van Bronswijk stellt in ihrem Buch die „Drachen der Untätigkeit“ vor, "entdeckt" hat sie Robert Gifford, ein kanadischer Umweltpsychologe, der sie auf seiner Internetseite vorstellt. In der Übersetzung von Katharina van Bronswijk haben sie sperrige Namen, aber es sind auch sperrige, sture Tiere. Und das Blöde ist: Sie wohnen in unseren Köpfen, wir können ihnen nicht ausweichen. Doch Katharina van Bronswijk erklärt auch, womit man diese Drachen vertreiben oder wie man sie zähmen kann. 

Zwei Beispiele: Eine Drachengattung hört auf den Namen „Begrenztes Denkvermögen“. Was heißt das? Wir Menschen sind nicht so toll, wie wir denken. Unser Gehirn lässt uns immer wieder im Stich. Dieser Drache kann sehr viele Formen annehmen. Eine davon: Wir wissen zwar, dass die Klimakrise sehr gefährlich ist. Aber der Drache macht uns vor: Diese Gefahr hat auf uns persönlich keine Auswirkungen. Das nennt man „Optimism Bias“ – es wird schon alles werden, mich trifft diese Krise nicht! Wir kennen das aus dem Gesundheitsbereich: Denn natürlich wissen wir, dass wir uns schaden, wenn wir rauchen, Alkohol trinken, immerzu fett und viel essen. Aber doch denken wir: Naja, mir passiert schon nichts, Helmut Schmidt war auch Raucher und wurde sehr alt. Damit tricksen wir jede Statisktik aus, die das Gegenteil besagt. Wir blenden die Gefahr aus. 

Was hilft gegen diese Drachengattung? Zu sehen, dass sich andere Menschen auch lange von ihrem begrenzten Denkvermögen haben einlullen lassen – nun aber doch etwas tun. Also: Auf Klimademos gehen, erkennen, dass es viele Menschen gibt, die sich für die Energiewende einsetzen. Solarpartys besuchen, Infotreffen zu Balkonkraftwerken recherchieren… Die Auswahl ist grenzenlos, und all das schmeckt dem Drachen gar nicht. 

Zweites Beispiel für eine fiese Drachengattung: „Vergleiche mit anderen Menschen“. Wir sind soziale Wesen, ohne Bezug zu anderen können die Wenigsten von uns existieren. Ich habe keine besseren Worte dafür gefunden als die Autorin selbst, also zitiere ich Katharina van Bronswijk: „Wenn die soziale-Vergleiche-Drachen auftauchen, kriegen wir Angst, als ‚der komische Ökospinner‘ von anderen ausgelacht zu werden oder ‚die einzige Dumme‘ zu sein, die was ändert.“

Und dieses Gefühl hassen wir, dann lassen wir das mit dem Klimaschutz am besten bleiben, und wenn der Golfstrom dreimal kippt. Wir sprechen noch nicht einmal mehr über die Krise, obwohl sie uns Angst macht (was auf Dauer nicht gesund sein kann). 

Wie lässt sich dieser Drache zähmen? Er trägt das Gegengift schon in sich. Normen können sich wandeln. Es kann „out“ sein, nichts fürs Klima zu tun. Diesen Effekt sieht man in vielen Siedlungen: Erst hat eine Familie eine Photovoltaikanlage auf dem Dach – und nach einigen Jahren fast alle. Die Norm hat sich verändert, Solarenergie zu nutzen, gehört zum guten Ton.

Forschende haben herausgefunden: Wenn man Menschen in Briefen darüber informiert, dass sie – verglichen mit ihren Nachbarn – viel Strom verbrauchen, strengen sie sich an, ihren Energieverbrauch zu drosseln. Und zwar viel stärker, als wenn man ihnen ganz rational vorrechnet, was sie sparen könnten. Es ist der Vergleich mit Dritten, der alles ändern kann. Die Anderen können fiese Drachen sein – aber eben auch Vorbilder.

Ich kann dass Buch „Klima im Kopf“ nur empfehlen. Wer es liest, versteht besser, wie organisierte Interessen die Drachen als Verzögerungsstrategien missbrauchen, damit wir noch länger viel Geld für Kohle, Öl und Gas bezahlen. Die Autorin erklärt schlüssig, dass sich die Klimakrise ohne Psychologie nicht wird lösen lassen können. 

Und meine persönliche Schlussfolgerung ist: reden, reden, reden! Das mögen die "Drachen der Untätigkeit" überhaupt nicht. Jede Art von Gemeinschaft, in der wir uns über die Klimakrise austauschen, hassen diese Tiere, weil sie uns dann nicht mehr einreden können, wie toll all die Ausreden doch sind.

 

 

 

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