Achtsamkeit und Natur
Wie ich zur Ruhe komme, wenn ich Vögel beobachte
In der Natur zu sein, tut vielen Menschen gut. Unsere Autorin Lena Wrba hat an einer "achtsamen Vogelbeobachtung" teilgenommen - und kann jetzt sogar Zugverspätungen etwas abgewinnen
Der Große Brachvogel mit seinem langen Schnabel im Watt
Ein Großer Brachvogel im Watt
Gunther Zieger/LBV
Lena WrbaGerald Matzka / ProjectImages
03.11.2026
6Min

Wie eine gewöhnliche Ente im Stadtpark – nur auf Stelzen und mit zu lang geratenem Schnabel: Ungefähr so sieht der Vogel aus, dem ich gerade dabei zuschaue, wie er durch den schlammigen Wattboden stakst. Auf langen Beinen bahnt er sich seinen Weg durch den Schlick und stößt dabei in unregelmäßigen Abständen seinen Schnabel in den Boden. Hin und wieder scheint er auf diese Art etwas Essbares zu finden. Ich kann nicht erkennen, was es ist, aber ich sehe, wie sich seine Kehle ausbeult, wenn er schluckt.

Ich weiß nicht, welchen Vogel ich da bei seinem Frühstück beobachte, aber darum geht es hier auch nicht. Ich bin im Vareler Watt, rund 30 Kilometer von Wilhelmshaven entfernt, bei einer Veranstaltung mit dem Titel "Im Hier und Jetzt: Achtsame Vogelbeobachtung". Die Veranstaltung ist eine von über 350 im Rahmen der Zugvogeltage im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer. Der Ankündigungstext verspricht die Möglichkeit, Watvögel zu beobachten, dabei vom Alltag abzuschalten und sich "mit der natürlichen Welt" zu verbinden. "Keine Vogelkenntnisse nötig." Perfekt.

Bevor es losgeht, schließen wir die Augen

In den vergangenen Jahren habe ich Natur mehr und mehr als Ressource zur Entspannung für mich entdeckt. Nach einer langen Wanderung oder einem Waldspaziergang fühle ich mich ähnlich erholt wie nach einem Saunatag. Dass ich mitten in Berlin wohne und der nächste ausgedehnte Wald nicht gerade vor der Haustür liegt, macht das mit den Wanderungen im Alltag allerdings etwas kompliziert. Dafür schauen in meinem Hinterhof regelmäßig Amseln, Krähen und ein Taubenpaar vorbei. Inwiefern mir auch ein achtsames Beobachten dieser kleinen Besucher zu Entspannung verhelfen könnte, will ich heute herausfinden.

Dazu bin ich kurz nach Sonnenaufgang zum Treffpunkt auf eine Art Aussichtsturm für Vogelinteressierte gestiegen. Um mich herum kilometerweit Wattflächen und jede Menge Vögel auf Futtersuche. Viele von ihnen Zugvögel, die das Wattenmeer im Herbst nutzen, um sich auf ihrem oft mehrere Tausend Kilometer langen Weg in warme Überwinterungsgebiete auszuruhen und zu stärken. Ideale Voraussetzungen also, um mich frei von jeglicher Ablenkung auf die Vogelbeobachtung einzulassen.

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