Heidi Kessner (Jahrgang 1953):
Dass ich Krankenschwester werden wollte, wusste ich früh. Mit zehn Jahren hatte ich mir beim Schlittschuhlaufen das Bein gebrochen und lag in einem Achtbettzimmer voller kichernder Mädchen, herrlich. Die Krankenschwestern waren so nett zu uns. Ich ging auf eine katholische Schule und sonntags gerne in die Messe, Nächstenliebe war immer wichtig für mich. Und da ich ein behütetes Kind war und nicht mal wusste, wie man Geld abhebt, lag eine Ausbildung im örtlichen Krankenhaus nahe. "Eure Aufgabe ist das Dienen" wurde uns beigebracht: Der Patient stehe immer im Mittelpunkt. Die Arbeitszeiten waren härter als heute, ich hatte Schichten von 6 bis 12 und von 16 bis 19 Uhr. Aber ich liebte es!
Mit 20 beschloss ich, etwas von der Welt zu sehen. Ich bewarb mich nach Island. Saß zum ersten Mal in einem Flugzeug, lernte Isländisch, badete in heißen Quellen. Weil es dort zu wenige Ärzte gab, durften wir viel mehr machen als zu Hause: Schmerzen behandeln, spritzen, Medikamente geben. Ich wurde viel selbstständiger. Und meine Reiselust war geweckt. Ich arbeitete danach an tollen Orten: auf Sylt, im Wallis und in Indien auf einer Leprastation.
Als ich zurück nach Deutschland kam, hatte sich in den Kliniken mittlerweile einiges zum Guten entwickelt. Die Ärzte fragten auch mal uns Schwestern: "Wie geht’s dir?" Und auf der Neurologie, wo ich jetzt arbeitete, hatte man mit interessanten Fällen zu tun.
Aber es gab viel weniger Zeit für die Patienten. Die Diagnostik nahm zu, wir fuhren jetzt die Patienten mehrfach am Tag zu Untersuchungen. Die Digitalisierung nahm Fahrt auf, da bin ich oft nicht mitgekommen. Und wir hatten immer weniger Zeit für die Pflege.
Das ehemals kirchliche Haus wurde dann vom Land übernommen. Auf einer Betriebsversammlung hieß es ausdrücklich: Hotelstandard optimieren, Pflege reduzieren. Im Klartext: Für die Privatpatienten sollten wir uns Mühe geben, für die anderen schnell, schnell machen.
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Ich bin doch Krankenschwester geworden, um zu pflegen! "Einer trage des andern Last", das ist mein Lebensmotto. Es hängt bis heute über meinem Sofa. Und nun sollte ich nur wenige Minuten bei sterbenden Menschen am Bett verbringen. Klar, ich konnte dann die Seelsorgerin ans Sterbebett rufen, aber ich habe es schier nicht ausgehalten. Ich habe mich regelrecht schuldig gefühlt.
Meine Rettung war, dass neben der Klinik ein Hospiz aufmachte
Von einem Tag auf den anderen kam ich morgens nicht mehr aus dem Bett. Erschöpfungsdepression. Ich war lange krankgeschrieben, ging in eine Klinik. Und konnte die Schwelle dieses Krankenhauses, in dem ich so viele Jahre gearbeitet hatte, einfach nicht mehr übertreten. Das ging erst wieder nach vielen Therapiestunden. Nach der Krankschreibung ging ich in Frührente, mit Abschlägen.
Meine Rettung war, dass 2016 gleich neben der Klinik ein Hospiz aufmachte, ich bewarb mich sofort und bin von Anfang an dabei, als ehrenamtliche Helferin. Wir haben acht Gäste. In der ersten Zeit ging ich in die Zimmer und verbrachte Zeit mit den Sterbenden. Ich kann so viel Zuwendung geben, wie es eben braucht. Einmal habe ich einen 45-jährigen, also noch relativ jungen Mann begleitet, der ein schweres Leben hinter sich hatte. Er sagte mir: "Ich hatte es noch nie im Leben so schön wie hier." Ich weiß, Schuld ist das falsche Wort, aber trotzdem: Mir war, als könnte ich endlich Schuld wiedergutmachen von den letzten Jahren im Krankenhaus.
Seit einiger Zeit bin ich für die Angehörigen da, das ist genauso wichtig. Immer montags bin ich die "Kaffeeliesel". Noch nie habe ich gefehlt. Da kommen Kinder, Ehegatten und Freunde der Gäste, wir reden über Gott und die Welt. Die wollen erzählen, und wie! Übers Sterben, wie das geht, was da noch kommt. Aber manchmal auch einfach über ihren Alltag. Neulich haben zwei Angehörige festgestellt, dass sie sich aus früheren Zeiten kennen – die wollen sich jetzt öfter treffen. Das hat mich gefreut.
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Wir lachen viel. Ja, lachen. Letzten Sommer machten wir einen Ausflug mit den Ehrenamtlichen und den Angehörigen auf dem Bodensee, der Bootsverleiher war misstrauisch, ob wir alle in Schwarz und mit Trauermiene kommen. Hat der sich gewundert, wie lustig wir es miteinander hatten!
Wenn die Familien nach so einem Nachmittag sagen: "Schön, dass Sie da sind!" – dann weiß ich einfach: Jetzt passt es für mich.
Protokoll: Ursula Ott




