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Kürzlich habe ich im Museum ein paar Menschen richtig provoziert, weil ich ewig vor einem Bild stand und die Sicht versperrte. Aber das war es absolut wert! In der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden hängt das "Portrait einer alten Frau mit einem grünen Halstuch" und spielt ganz oben in der Champions League der Malerei. Wie kann man einen Menschen dermaßen plastisch auf einer zweidimensionalen Fläche darstellen?
Verglichen mit diesem Werk wirkt die "Mona Lisa" so unscharf, als würde man sie in einer Raucherkneipe betrachten. Der Detailgrad ist unglaublich, fast wie bei einem Foto. Jede winzige Falte um die Augen ist exakt erfasst, ich hoffe, dass nie jemand meine Falten so genau unter die Lupe nimmt. Jedes einzelne Haar schimmert im Licht, der wässrige Glanz in den Augen könnte nicht feiner sein.
Aber als ich vor dem Original stand, irritierte mich etwas an dem Gemälde. Irgendwie wirkte alles ein bisschen zu glatt, als hätte man einen vereinheitlichenden Filter über das Gesicht gelegt. Und dann wurde mir klar, woran mich die Ästhetik erinnerte: Das Ganze sah aus, als wäre es ein KI-Bild – generisch ausgespuckt von einem Algorithmus. Doch erstaunlicherweise stammt dieses Werk aus dem 18. Jahrhundert, es wird datiert vor 1768 und damit lange vor Erfindung der Fotografie.
Trotz der phänomenalen Qualität des Gemäldes ist der Künstler weitestgehend unbekannt. Christian Seybold (1695–1768) wurde in Deutschland geboren und hatte zehn Geschwister – mit ihm zusammen hätten die Kinder also eine komplette Fußballmannschaft stellen können.
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Über seine Ausbildung gibt es kaum Informationen, irgendwann zog er nach Wien und wurde dort Hofkammermaler. Zu seinen Lebzeiten war es üblich, idealisierende Porträts zu malen, klassische Beauty-Bilder. Dass Seybold die Altersspuren seiner Dargestellten offen zeigte, war damals eine Besonderheit.
Das Schaffen des Malers fällt in die Epoche des Barocks, die gegen Mitte des 18. Jahrhunderts auslief. Der Barock bestand sowohl aus actionreichen Szenen als auch beruhigenden Stillleben – er war gewissermaßen das Koks und Valium der Kunst.
Augentäuschende Malerei (bekannt als Trompe-l’Œil) war im Barock sehr beliebt, was ich vor ein paar Jahren selbst schmerzlich erfahren musste. Ich war in Kassel und schlenderte entspannt durch die Sammlung der Alten Meister, bis ich plötzlich richtig erschrocken bin. An der Wand hing ein eingeschlagenes Bild, und da mir das Wohlergehen von Kunstwerken sehr am Herzen liegt, bin ich sofort wie ein Bilderbodyguard ein paar schnelle Schritte auf das Werk zugelaufen, bis ich realisierte: Die Scherben waren nur gemalt. Ein rund 250 Jahre altes Gemälde hatte es geschafft, mich ordentlich zu verarschen. Chapeau!
Im Barock konnte es auch vorkommen, dass Künstler die Rückseiten von Gemälden malten, so dass man den Drang verspürt, die Werke umdrehen zu wollen. Seybold befindet sich mit seiner minutiösen Malerei also durchaus in guter Gesellschaft und schafft es bis heute, uns in tiefes Staunen zu versetzen.


