Seit Februar 2022 wurden laut einem neuen Bericht im Ukrainekrieg 1,2 Millionen russische Soldaten verwundet oder getötet. Auf ukrainischer Seite sollen es 500.000 bis 600.000 Soldaten sein. Man lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man davon ausgeht, dass diese insgesamt über 1,7 Millionen Menschen gelitten haben oder, im Falle der Verwundeten, bis heute leiden. Dasselbe gilt für alle, die bisher weder verwundet noch gestorben sind und immer weiter kämpfen. Und für alle Ukrainerinnen und Ukrainer. Auch hier: so viel Leid. Hat das einen Sinn?
Die Frage ist aus der Distanz nicht zu beantworten. Es wäre sogar zynisch, es nur zu versuchen und zu sagen: "Euer Leid hat einen Sinn" oder "es ist sinnlos". Denn in fast allen leidvollen Situationen ließe sich Sinn herbeierzählen: die lange Leidenszeit vor dem Krebstod? Hat die Familie wieder näher zusammengebracht. Die Schmerzen durch den dritten Bänderriss? Haben gezeigt, dass es außer Fußball auch noch andere wichtige Dinge im Leben gibt. Sinn ist nichts, was außerhalb unserer selbst einfach vorhanden sein könnte. Jede und jeder muss ihn erleben. Im Übertragenen kann man auch sagen: Wir müssen ihn uns erzählen.
Wer weiß, ob die ukrainischen Verteidiger sich nicht völlig sinnentleert gefühlt haben, bevor sie starben? Vielleicht, weil ihr Bemühen so vergeblich zu sein scheint. Wer weiß, ob die russischen Angreifer sich nicht erfüllt gefühlt haben? Vielleicht, weil sie durch ihre Arbeit als Soldat für russische Verhältnisse gut verdienen und ihrer Familie ein besseres Leben verschaffen.
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