Vor kurzem erhielt ich meine neue Geburtsurkunde. Da stand der Vorname, den ich selber gewählt habe. An meinem jetzigen Namen finde ich gut, dass er nicht binär ist, weder weiblich noch männlich, so wie ich auch. Diesen Namen dort offiziell zu lesen, dazu die Namen meiner Eltern, das hat in mir eine unglaubliche Freude ausgelöst. Das bin jetzt ich.
Die Geburtsurkunde brauche ich für den Pass, den ich beantragt habe. In dem wird mein Geschlechtseintrag gestrichen sein. Das Selbstbestimmungsgesetz, das seit Ende 2024 gilt, ist ein großes Ding. Ich habe mir trotzdem gut überlegt, ob ich wirklich Namen und Geschlechtseintrag ändern soll. Mit diesem Pass werde ich wohl nicht in Länder wie Russland oder die USA einreisen können. Und ich möchte auch nicht so gern auf irgendeiner Art von "Liste" stehen. Aber am Ende wollte ich einfach nicht mehr mit meinem alten Namen leben.
Jede nicht binäre Person hat eine eigene Geschichte, das hier ist meine: Geboren wurde ich als Mädchen. Als Kind trug ich oft die Kleidung meiner Brüder. Meine Tante zog mir manchmal Kleider an und überhäufte mich dann mit Komplimenten: "Du bist so schön, du siehst aus wie ein Model!" Die Anerkennung, die ich für Mädchenkleidung bekam, stand im starken Gegensatz zu meinem eigenen Empfinden. Trotzdem habe ich versucht, mich anzupassen, und getragen, was die anderen Mädchen trugen.
All meine Bemühungen, dazuzugehören, haben nicht funktioniert. In der Schule war ich nie Teil der Klassengemeinschaft, wurde auch gemobbt. Ab der siebten Klasse war Schulzeit für mich die Zeit, die ich überstehen musste, um danach zu den Pfadfindern zu gehen, was ich sehr geliebt habe. Dort trugen alle die gleichen weiten Hemden und Wollpullis, Geschlecht spielte nicht so eine große Rolle, und es ging nicht die ganze Zeit um Klamotten, Make-up und Aussehen. Ich leitete die Pfadi-Ortsgruppe. Dort wurde ich selbstbewusst. Weil ich gemocht wurde, wie ich war.
Mit Anfang 20 hatte ich erste Beziehungen mit Jungs. In meiner Schulzeit wurde ich ignoriert, keiner wollte was mit mir zu tun haben. Das war jetzt anders, ich bekam viel Aufmerksamkeit von Jungs, von Männern. Ich machte mich auch schön, nähte mir selber Kleider, solche Sachen. Und trotzdem hatte ich immer das Gefühl, nicht richtig zu sein, nicht ganz zu passen. Das Frausein nur zu behaupten.
Ich bin einfach keine Frau. Ich werde nie richtig reinpassen, auch in 20 Jahren nicht. Niemand sucht sich das aus. Mein Leben wäre so viel einfacher, wenn ich einfach eine Frau oder ein Mann wäre.
"Jedes Falschgendern ist wie ein kleiner Mückenstich"
Flyn
Mit meinem Körper bin ich okay, für mich kommt eine Operation oder Hormontherapie nicht infrage. Für mich war es ein großer Schritt, meine Beine nicht zu rasieren, mir die Haare kurz zu schneiden. Und neulich habe ich mir meinen ersten Anzug gekauft.
Ich habe lange gebraucht, um mich vor alten Freundinnen zu outen. Für meine Mutter war es sehr schwer. Ich war einfach ihre Tochter für sie. Sie hatte meinen alten Namen ausgesucht und ihn sehr gemocht. Sie gab sich Mühe, aber "misgenderte" mich oft, sprach also von mir als "sie".
Ich wünsche mir, dass für mich keine Pronomen verwendet werden, weder das männliche noch das weibliche. Weil es für mich einfach nicht stimmt, wenn mich jemand als Frau bezeichnet. Oder als Mann. Wenn mich Leute auf der Straße sehen, "lesen" sie mich meistens als weiblich und sprechen mich dann auch so an. Jedes Falschgendern ist wie ein kleiner Mückenstich. Einen Mückenstich am Tag steckt man gut weg, aber wenn das dauernd passiert, macht es müde. Weil ich mich nicht erkannt fühle, weil ich als jemand angesprochen werde, der ich nicht bin.
Ich verbringe viel Zeit mit anderen queeren Menschen. Da muss ich mich nicht dauernd erklären. Auch mein Beziehungsmensch ist nicht binär. Ich selber bin bisexuell. Meine ersten Liebesbeziehungen hatte ich mit Männern; dass ich immer wieder auch in Freundinnen verliebt war, habe ich erst viel später gecheckt.
Ich habe auch eine weibliche Seite. Ich würde gern mein altes Ich und mein neues Ich mehr miteinander verbinden. Ich habe meine alte Nähmaschine repariert, vielleicht nähe ich mir irgendwann wieder mal ein Kleid. Neulich habe ich ein Latzhosenkleid getragen, das fühlte sich ganz gut an.
*Name geändert



