In der ersten Folge der Serie stellt sich Pia vor. Lesen Sie hier.
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Wann kämpfen, wann loslassen? Das ist hier die Frage.
Seit Beginn meiner Krebstherapie verstehe ich, dass Loslassen DAS Skill ist, das unfassbar hilfreich ist. Auf so vieles in meinem Leben kann ich gerade keinen Einfluss nehmen. Deshalb ist für mich so wichtig zu wissen, wann ich kämpfen muss und wann ich loslassen kann.
Was wird nach meiner Krebstherapie sein? Wird der Krebs wiederkommen? Welchen Einfluss wird meine Krankheit auf meiner Tochter haben? Wird die Leichtigkeit zurückkommen?
Nobody knows but Jesus.
Pia Pritzel
Jetzt kommt mein Meditationseinhorn zum Einsatz. Ich schalte die Plastiklampe ein, in der das Fabelwesen untergebracht ist und mit Glitzer umspült wird, sobald der Schalter an ist. Setzte mich im Schneidersitz vor meine Meditationsbegleitung: Ooooom. Einatmen und laaaaaange Ausatmen. Den Parasympathikus aktivieren. Das Nervensystem beruhigen und loooooslassen.
Aber dann: Weniger Zeit zum Nachdenken bedeutet weniger kreisende Gedanken. Das heißt: ablenken! Der Kampf beginnt. Ich baue mir eine Wochenstruktur auf und schleppe mich Tag für Tag durch sie hindurch:
Montags töpfern und Chor. Dienstags Therapietag, mittwochs arbeiten, donnerstags Chemo, freitags arbeiten. Und nachmittags natürlich die Betreuung meiner Tochter. Puh, das schlaucht! Ich brauche Pausen. Funktioniere nicht wie sonst. Schaffe es nicht, meine Tochter von der Kita abzuholen. Meine Schwiegereltern ziehen bei uns ein, um mich und meinen Partner zu entlasten. Jetzt ist wieder das Loslassen gefordert:
Belaste ich meine Familie zu sehr? Wann werde ich wieder mehr Kraft haben? Leiste ich genug auf der Arbeit? Bin ich so noch eine gute Mutter?
Hallo Meditationseinhorn: Einatmen, ausatmen. Loslassen.
Meine Therapeutin sagt, Loslassen ist mit das Schwerste im Leben. Sie begleitet mich und übt es mit mir. ‚Der Boden trägt mich.‘, ‚Vertraue ins Außen‘ und ‚Es gibt Gründe, weswegen es mir so geht. Ich gebe mein Bestes‘ sind Sätze, die mein Nervensystem beruhigen sollen, wenn es mal wieder am Durchbrennen ist, weil ich zu viel Druck verspüre.
Druck zu funktionieren. Druck, andere nicht zu belasten. Druck, diese Zeit als Vorzeigekrebserkrankte, die immer gut drauf ist, zu durchleben.
Doch da liegt genau der Hund begraben:
In unserer Leistungsgesellschaft sind nur diejenigen GewinnerInnen, die in diesem System Erfolg haben. Vital sind. Produktiv sind.
Doch wie viele von uns sind dabei am Limit? Und ist es nicht viel stärker, Schwäche zu zeigen, loszulassen und mal nicht zu funktionieren?
