Brustkrebs
Kämpfen und loslassen - beides ist wichtig
Die Hamburger Fotografin Pia Pritzel, 38, hat Brustkrebs – und erzählt hier jeden Dienstag in ihrer Bildserie, wie es ihr gerade geht
Die Hamburger Fotografin Pia Pritzel sitzt zwischen Chemotherapie, Arbeit und Familienalltag. In ihrer Bildserie beschreibt sie, wie schwer – und zugleich notwendig – es ist, Kontrolle abzugeben, Hilfe anzunehmen und loszulassen, ohne den Halt zu verlieren
Pia Pritzel / chrismon
Im Gartenprivat
06.01.2026
2Min

In der ersten Folge der Serie stellt sich Pia vor. Lesen Sie hier.

Alle weiteren Folgen finden Sie auf dieser Themenseite.

Wann kämpfen, wann loslassen? Das ist hier die Frage.

Seit Beginn meiner Krebstherapie verstehe ich, dass Loslassen DAS Skill ist, das unfassbar hilfreich ist. Auf so vieles in meinem Leben kann ich gerade keinen Einfluss nehmen. Deshalb ist für mich so wichtig zu wissen, wann ich kämpfen muss und wann ich loslassen kann.

Was wird nach meiner Krebstherapie sein? Wird der Krebs wiederkommen? Welchen Einfluss wird meine Krankheit auf meiner Tochter haben? Wird die Leichtigkeit zurückkommen?

Nobody knows but Jesus.

Im Gartenprivat

Pia Pritzel

Pia Pritzel, geboren 1987, ist Mutter und Fotografin aus Hamburg. Sie ist an Brustkrebs erkrankt und erzählt hier und als @pia_pritzel auf Instagram von Diagnose, Behandlung, Heilung, von Schönem und von Schrecklichem. Die meisten Fotos ihrer Serie "Cancer me softly" sind von ihr selbst gemacht, analog.

Jetzt kommt mein Meditationseinhorn zum Einsatz. Ich schalte die Plastiklampe ein, in der das Fabelwesen untergebracht ist und mit Glitzer umspült wird, sobald der Schalter an ist. Setzte mich im Schneidersitz vor meine Meditationsbegleitung: Ooooom. Einatmen und laaaaaange Ausatmen. Den Parasympathikus aktivieren. Das Nervensystem beruhigen und loooooslassen.

Aber dann: Weniger Zeit zum Nachdenken bedeutet weniger kreisende Gedanken. Das heißt: ablenken! Der Kampf beginnt. Ich baue mir eine Wochenstruktur auf und schleppe mich Tag für Tag durch sie hindurch:

Montags töpfern und Chor. Dienstags Therapietag, mittwochs arbeiten, donnerstags Chemo, freitags arbeiten. Und nachmittags natürlich die Betreuung meiner Tochter. Puh, das schlaucht! Ich brauche Pausen. Funktioniere nicht wie sonst. Schaffe es nicht, meine Tochter von der Kita abzuholen. Meine Schwiegereltern ziehen bei uns ein, um mich und meinen Partner zu entlasten. Jetzt ist wieder das Loslassen gefordert:

Belaste ich meine Familie zu sehr? Wann werde ich wieder mehr Kraft haben? Leiste ich genug auf der Arbeit? Bin ich so noch eine gute Mutter?

Hallo Meditationseinhorn: Einatmen, ausatmen. Loslassen.

Meine Therapeutin sagt, Loslassen ist mit das Schwerste im Leben. Sie begleitet mich und übt es mit mir. ‚Der Boden trägt mich.‘, ‚Vertraue ins Außen‘ und ‚Es gibt Gründe, weswegen es mir so geht. Ich gebe mein Bestes‘ sind Sätze, die mein Nervensystem beruhigen sollen, wenn es mal wieder am Durchbrennen ist, weil ich zu viel Druck verspüre.

Druck zu funktionieren. Druck, andere nicht zu belasten. Druck, diese Zeit als Vorzeigekrebserkrankte, die immer gut drauf ist, zu durchleben.

Doch da liegt genau der Hund begraben:

In unserer Leistungsgesellschaft sind nur diejenigen GewinnerInnen, die in diesem System Erfolg haben. Vital sind. Produktiv sind.

Doch wie viele von uns sind dabei am Limit? Und ist es nicht viel stärker, Schwäche zu zeigen, loszulassen und mal nicht zu funktionieren?

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