Umschlag Feldpost
Umschlag ohne Inhalt, die Mutter warf Vaters Feldpost weg
Privat
Familiengeheimnisse
Das Hitler-Bärtchen war weg, aber die Gesinnung?
chrismon-Leser Walter S. erinnert sich an die Feldpost-Briefe seines Vaters, die lagen immer im Wäscheschrank der Eltern. Als er sie später lesen wollte, waren sie nicht mehr da. Nur ein paar Umschläge hatte die Mutter aufgehoben. Eine Spurensuche
01.05.2024
4Min

Die Feldpost-Briefe meines Vaters aus dem Krieg waren Grüße, vielleicht auch einfach Lebenszeichen an unsre Mutter. Vielleicht aber auch mehr. Sie wurden im elterlichen Wäscheschrank im obersten Fach aufbewahrt und von Umzug zu Umzug mitgenommen. Ich habe sie als Kind im Wäscheschrank wahrgenommen, aber nie weiter hinterfragt.

Ich bin 1945 geboren. Als ich drei Jahre alt war, lebten wir in der Mansardenwohnung eines Hauses, das einer alleinstehenden alten Frau gehörte, die mir durch ihre kreischende und gegen alles rebellierende Art meine ersten kindlichen Ängste bescherte. Die Wohnung bestand neben den beiden Schlafzimmerchen aus einem Vielzweck-Raum, in dem geheizt, gekocht, gewaschen, gebadet, gegessen und musiziert wurde, und in dem sich die täglichen familiären Rituale vollzogen.

Dieser Text ist Teil einer Serie von Familiengeheimnissen, in der wir auch Zuschriften von Leserinnen und Lesern veröffentlichen. Lesen Sie hier weiter

Eines dieser wiederkehrenden Abläufe ist mir in besonderer Erinnerung geblieben: Vaters Rasur. Es gab eine mir riesig erscheinende und dickwandige Porzellantasse, die mit heißem Wasser gefüllt wurde. Vater tauchte seinen Rasierpinsel dort ein, gab einen kleinen Strang Tubenseife auf die Pinselspitze und legte los. Wenn genügend Schaum im Gesicht verteilt war, kam der Rasierer zum Einsatz, dessen Klinge, Marke ‚Mocuto’, mit kratzendem Strich die Bartstoppeln entfernte. Den Abschluss der Prozedur vollzog er mit einem angerosteten Scherchen, um den kleinen Oberlippenbart in Form zu bringen.

Jahre später fiel mir auf, dass sich die Form des Schnäuzers, die mir vertraut war, von der Form auf frühen Familienfotos unterschied. Zu Vorkriegs- und Kriegszeiten hatte der Oberlippenschmuck meines Vaters das gleiche Aussehen wie der von Adolf Hitler. In der Nachkriegszeit wurde der Schnäuzer nicht entfernt, aber modifiziert und dem Zeitgeist angepasst.

Vater war Beamter, aber noch nicht wieder ‚im Dienst’. Er hatte bei der Gemeindeverwaltung seine Lehre absolviert und die weiterführende Verwaltungsschule ‚mit Auszeichnung’ abgeschlossen und konnte seine Laufbahn nicht fortsetzen, weil er NSDAP-Mitglied gewesen war. Vorerst durfte er nicht als Beamter tätig sein.

Lesen Sie hier auch über das Familiengeheimnis von Nicole Läderach

Er hat es dennoch geschafft, seine Familie mit uns vier Kindern über die Runden zu bringen. Geholfen haben ihm wohl seine Kontakte zu einem Arzt und zur ortsansässigen Apotheke, denen er bei der monatlichen Abrechnung behilflich war. Das Zeug dazu hatte er offensichtlich, hat er doch seine spätere Beamten-Karriere als Stadtkämmerer erfolgreich abgeschlossen. Zuvor jedoch musste er entnazifiziert werden und den von Zeugen bestätigten Nachweis erbringen, dass er an keinerlei Parteiaktivitäten beteiligt war und sich nichts hatte zuschulden kommen lassen. Er wurde mit Hilfe von Fürsprechern aus dem Freundeskreis entlastet.

Mein ältester Bruder war da anderer Ansicht. Er war 15 Jahre älter als ich und sagte, dass es sehr wohl Aufgaben in der Partei gegeben habe, die Vater gern übernommen habe, und der er sich durchaus hätte entziehen können. Es habe in dieser Zeit sogar eine außereheliche Affäre gegeben, und es habe sich um eine schwarzhaarige resolute Parteikollegin gehandelt, die in einem Büro in einem Nachbarort arbeitete – wo genau blieb im Unklaren, ist auch nicht so wichtig.

Das politische Zeugnis entlastete den Vater

Wichtig bleiben die Standpunkte meiner Eltern, und da spielt Mutter wohl eine größere Rolle mit einem auch nachhaltigen Einfluss. Wann immer ich in kindlicher Neugier Fragen stellte zum Krieg, zu Verbrechen an Juden, Andersdenkenden und Kritikern des Regimes, spulte sie die ihr anerzogenen Auffassungen ab: Hitler habe die "Faulenzer" und Arbeitslosen von der Straße geholt, die Autobahn gebaut, die "Kriminellen" eingelocht. Man habe wieder die Haustürschlüssel im Schloss stecken lassen können, ohne befürchten zu müssen, dass jemand einbricht. Was das mit den Juden war? Na ja, die Juden hätten immer mit Geld gehandelt, die finanziellen Nöte ihrer Mitbürger ausgenutzt, horrende Zinsen verlangt und ihre Schuldner ausgenommen. Aber von den Konzentrationslagern habe man angeblich nichts gewusst.

Lesen Sie hier ein Interview mit chrismon-Leser Michael Wörle, dessen Großvater ein Förderer von KZ-Arzt Josef Mengele war

1949 konnte Vater nach der Entnazifizierung seine Beamtenlaufbahn fortsetzen und kurz vor seiner Pensionierung noch das fünfzigjährige Dienstjubiläum feiern. Er wurde ehrenvoll in den Ruhestand verabschiedet und vorher noch zum Oberverwaltungsrat befördert. 1980 starb er mit 76 Jahren, und ein befreundeter Künstler wurde mit dem Entwurf und der Herstellung des Grabsteins beauftragt. Jahre später erinnerte sich ein Mitbürger an Vaters politische Vergangenheit und beschmierte den Grabstein mit einem Hakenkreuz.

In mir keimte ein Gedanke auf und führte mich zurück zu den Feldpost-Briefen. Mutter war längst aus dem gemeinsamen Haus aus- und wiederholt umgezogen. Und so fragte ich nach dem Bündel Kriegserinnerungen aus dem Wäscheschrank. Sie habe es nicht mehr, sagte sie, sie habe es weggeworfen. Wie das? Er war ihr Partner, sie hatten Goldhochzeit gefeiert, sie hatte jahrelang um ihn getrauert – und ein Bündel Erinnerungen aus schwieriger Zeit schmeißt sie einfach weg?

Ja, sie hat immer gern weggeschmissen, wenn sie sich über etwas geärgert hat. Hat sogar aus Familienbildern Personen mit der Schere entfernt, mit denen sie sich irgendwann überworfen hatte, von denen sie beleidigt oder einfach enttäuscht war. Sie hat Nichtigkeiten zum Anlass genommen, um Jahrzehnte alte Freundschaften aufzukündigen. Was aber mag das Motiv gewesen sein, die Briefe zu entsorgen, die mehr als ein Vierteljahrhundert aus gutem Grund aufbewahrt worden waren? Geblieben sind nur ein paar Umschläge. Was stand darin, was keiner der Nachkommen hätte lesen sollen? Dazu fällt mir nur das Hakenkreuz auf dem Grabstein ein.