Mobilität
Warum Medizinchecks für Senioren wichtig sind
Immer wieder verursachen ältere Autofahrende schwere Unfälle. Weil es mehr Senioren gibt, führt an Medizinchecks kein Weg vorbei. Wer sie reflexartig ablehnt, lenkt gern von einer anderen Debatte ab
Älterer Mann am Steuer eines Pkw
Viele ältere Menschen fürchten, ohne Auto vom öffentlichen Leben ausgeschlossen zu sein
Jose Luis Pelaez/Getty Images
Tim Wegner
Aktualisiert am 03.04.2024
2Min

Im März fährt eine 82 Jahre alte Frau in München eine Fußgängerin um, die unter das Auto geriet. Die Seniorin hatte Gas und Bremse verwechselt. Im gleichen Monat fuhr ein 83 Jahre alter Mann in Berlin Mutter und Kind tot. Ende Januar kam der Radaktivist Andreas Mandalka, bekannt unter dem Namen "Natenom", ums Leben. Ein 77 Jahre alter Autofahrer hatte ihn im Enzkreis auf einer Landstraße erfasst.

Drei Nachrichten, alle aus dem ersten Quartal dieses Jahres. Es ist heikel, aus Einzelfällen einen Trend abzuleiten. Aber bekannt ist: Unter den älteren Menschen (65 und älter), die 2021 als Fahrerin oder Fahrer in einen Unfall verwickelt waren, trugen sie in mehr als zwei Dritteln der Fälle die Hauptschuld; unter den mindestens 75-Jährigen waren es sogar 75 Prozent.

Ebenfalls im ersten Quartal dieses Jahres hat das EU-Parlament beschlossen: Ob es regelmäßige, verpflichtende Medizinchecks für Autofahrende geben soll, dürfen die EU-Länder entscheiden. Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) lehnt sie ab. Seine Begründung: Der bürokratische Aufwand sei zu hoch. Das ist absurd. Wer fahren möchte, stellt sich regelmäßig einer Untersuchung – sonst ist der Führerschein weg. Wo ist da der Aufwand?

Schwerer wiegt ein anderes Argument. Viele ältere Menschen fürchten, ohne Auto vom öffentlichen Leben ausgeschlossen zu werden. Und es gibt - zum Glück - immer mehr Menschen, die alt werden. Während die gesamte Bevölkerung zwischen 1991 und 2022 in Deutschland um etwa 4 Millionen Personen gewachsen ist, ist die Zahl der 65-Jährigen und Älteren seit 1991 von zwölf auf 18,7 Millionen im Jahr 2022 deutlich schneller gestiegen. Heute ist bereits mehr als jede(r) Fünfte in Deutschland älter als 65 Jahre. Diese Entwicklung wird sich fortsetzen, denn die geburtenstarken Jahrgänge, die "Babyboomer", werden älter.

Die Antwort auf diese Entwicklung kann in Zeiten der Klimakrise und Rekordstaus nicht sein: fahren, bis der Tod kommt. Sondern: klimaverträgliche Mobilität für alle ermöglichen - auch für ältere Menschen, die nicht mehr selbst fahren möchten. Und dafür gibt es viel zu tun: Rufbusse auf dem Land müssen flächendeckend her, damit Seniorinnen und Senioren in die nächstgelegene Stadt fahren können. Die öffentlichen Verkehrsmittel müssen barrierefrei zugänglich, verlässlich und einladend sein. Die Verkehrsbetriebe brauchen fair bezahltes Personal, das all diese Dienste abdecken kann.

Diese Liste an Aufgaben zeigt, warum alle am Führerschein hängen: Die Politik hat Jahrzehnte alles dafür getan, dass das Auto Verkehrsmittel Nummer eins ist. Nun sind wir abhängig, wie Süchtige. Diese Abhängigkeit müssen wir angehen, damit alle in Zukunft sicher mobil sein können.

Fahrtauglichkeitsuntersuchungen sind nur ein kleiner Baustein auf diesem Weg. Wer sie reflexartig ausschließt wie der Bundesverkehrsminister, macht es sich bequem - weil man doch ganz übersieht, dass noch viel mehr zu tun ist.

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