Judenfeindlichkeit
"Keine Schule darf Antisemitismus bagatellisieren"
Es passiert im Internet, auf der Straße – und auf dem Schulhof und im Klassenzimmer. In Würzburg lernen Lehramtsstudierende, wie sie mit Judenhass umgehen können. Interview mit der Religionspädagogin Ilona Nord
Margot Friedländer, Holocaust-Überlebende, gratuliert bei der Verleihung des Margot-Friedländer-Preises einer Schülerin der Gesamtschule Waldbröl
Die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer mit einer Schülerin der Gesamtschle Waldbröl in Nordrhein-Westfalen
Fabian Sommer/picture alliance/dpa
Tim Wegner
Aktualisiert am 03.04.2024
6Min

Wer an der Uni Würzburg Fächer auf Lehramt studiert und das "Zertifikat der Antisemitismuskritischen Bildung für Unterricht und Schule" erwerben möchte, muss in drei Semestern zusätzliche Zeit investieren. Trotzdem ist die Nachfrage groß. Warum?

Ilona Nord: Viele Studierende wissen aus ihrer Schulzeit oder aus ihrem Fachstudium bereits einiges über den Holocaust. Aber wie sie mit dem heutigen Antisemitismus umgehen sollen, der ihnen zum Beispiel auf dem Schulhof begegnet, ist darum noch längst nicht klar. Es gibt viel Unsicherheit, die die angehenden Lehrkräfte mitbringen. Seit dem 7. Oktober, dem Terrorangriff der Hamas auf Israel, kommt bei vielen ein weiteres Interesse hinzu.

Welches?

Die Studierenden fragen sich: Kann ich in diesem Konflikt nur auf einer Seite stehen? Oder muss ich auch das Leid der palästinensischen Bevölkerung wachhalten, auch wenn der Terrorakt der Hamas einen Vernichtungswillen gezeigt hat, den sie in ihrer Charta auch offen ausdrückt? Warum empfinden viele Menschen so, als gebe es eine Art Sperre, sich mit der jüdischen Bevölkerung zu solidarisieren?

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Ilona Nord

Ilona Nord ist Professorin am Institut für Evangelische Theologie und Religionspädagogik an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Dort hat sie ein Zentrum für antisemitismuskritische Bildung (CCEA) initiiert und einen Zusatzstudiengang aufgebaut: Zabus - Zertifikat der Antisemitismuskritischen Bildung für Unterricht und Schule - gibt es seit dem Wintersemester 2022/2023. Die Einrichtung gilt bundesweit als Vorzeigemodell, erste Unis beginnen, sich am Würzburger Vorbild zu orientieren.

Was antworten Sie?

Was wir am 7. Oktober erlebt haben, war der blanke Terror. In den vergangenen Monaten haben wir täglich in den Medien gesehen, dass die israelische Armee Städte und auch Infrastruktur im Gazastreifen zerstört. Das führt zu einer starken Emotionalisierung. Der Anlass zu diesem Krieg ist der 7. Oktober, der Terror der Hamas gegen das jüdische Israel. Dieser Grund geht vielen dabei verloren. Ist unsere Neigung, aufseiten der Palästinenser zu stehen, auch ein Produkt der Dynamik, die diese Bilder von all dem Elend herbeiführen müssen?

Aber diese Bilder sind omnipräsent.

Nicht, dass wir sie nicht sehen sollten. Das ist nicht mein Punkt. Mein Punkt ist: Der Konflikt erscheint absolut aussichtslos, der Kampf gegen die Hamas ohne einen Zeitplan, der überschaut werden könnte. Es gibt keine bekannte Strategie und keine internationale Gemeinschaft, die sagt: "Hier sind die drei Schritte, die wir gehen können, und so binden wir die Parteien auf diesem Weg ein." Die Nachrichten geben uns kurz gesagt keine Perspektive. Vielleicht können sie die auch gar nicht oder haben auch nicht die Aufgabe. Aber wir wissen nicht, wie es im Nahen Osten weitergehen kann und es ist nur menschlich, wenn man sagt, dass der Krieg und die Zerstörung aufhören sollen. Im Grunde müssen wir also einen Schritt zurücktreten von diesen medialen Kommunikationen und neu überlegen: Was ist der Aspekt des Konflikts, den wir in unseren Klassenzimmern bearbeiten sollten und können? Welche Maßnahmen helfen da?

In Deutschland gibt es Haushalte, die emotional in einer anderen Welt leben – auch in einer anderen Medienwelt

Ilona Nord

Kann man den Schülerinnen und Schülern mitgeben, wie gefährlich Judenhass immer war?

Das würde voraussetzen, schon eine gewisse Empathie mitzubringen. Aber es gibt in Deutschland Haushalte, die emotional in einer anderen Welt leben – auch in einer anderen Medienwelt. Das können Kinder und Jugendliche aus Haushalten sein, die aus arabischen Kulturen kommen. Das muss aber nicht so sein. Auch in Deutschland gab und gibt es immer Antisemitismus. Kinder und Jugendliche können in Familien aufgewachsen sein, in denen antisemitische Argumente und auch offener Judenhass einfach dazugehören. Die hebelt man nicht einfach schnell mal aus. Aber ganz generell gesprochen: Für Kinder und Jugendliche ist es wichtig, in einem Weltbild zu Hause zu sein, eine Bindung an ein solches für die eigene Orientierung zu haben.

Wie meinen Sie das?

Manche sehen sich zwischen den Welten. Sich der Irritation auszusetzen, dass etwas anders zu beurteilen sein könnte als das, was man zu Hause gehört hat, kann sehr schwierig sein, weil es irritiert. Gerade in so unsicheren Zeiten, wie wir sie jetzt auch mit dem Krieg in Europa, in der Ukraine erleben, ist das Gefühl, dass man irgendwo fest dazugehört, so wichtig. Die eigene Community zu kritisieren, ist nicht so einfach, egal ob der Antisemitismus von rechts oder auch von links kommt, ob er in der deutschen Traditionskultur zu Hause ist oder migrationskulturell begründet ist.

Hat, wer Ihren Studiengang absolviert hat und ins Lehramt wechselt, eine Art Fahrplan in der Tasche: Was tue ich, wenn ich in der Schule eine antisemitische Äußerung aufschnappe?

Es gibt Leitplanken. Wenn es in einer Klasse zum Beispiel Kontroversen zum Nahen Osten gibt – die Situation kann sehr plural sein: Christliche, muslimische, jüdische oder weltanschaulich nicht gebundene Schülerinnen lernen gewöhnlich zusammen in einem Klassenraum –, ist das Prinzip: Wir lassen es nicht zu, dass die Gräben untereinander noch größer werden. Ja, der Nahostkonflikt schwappt vor allem über die Medien zu uns. Aber wir sind nicht im Nahen Osten. Wir können diesen Konflikt hier nicht lösen. Wir können aber gemeinsam überlegen, was den Konflikt zwischen uns so wichtig macht. Das ist das Erste. Das Zweite ist: Die Lehrkräfte müssen eine Sicherheit ausstrahlen, dass sie Konflikten im Klassenrum souverän gegenüberstehen. Das geht zum Beispiel mit Classroom-Management oder mit kollegialer Fallberatung. Beides wird im Lehramtsstudium schon gelehrt, aber wir brauchen mehr davon und ein sicheres Umgehen mit diesen Tools.

Was ist das?

Beim Classroom-Management gibt es verschiedene Möglichkeiten, Kontroversen in der Klasse sichtbar zu machen, damit sich Schülerinnen und Schüler darüber austauschen können. Man muss sie nicht lösen können, sie können auch als Kontroverse stehen bleiben. Aber solche Gespräche schaffen Sicherheit darüber, um was es eigentlich geht, und sie üben Respekt ein und stiften dabei etwas Vertrauen. Vertrauen fassen zu können, ist wiederum ein guter Schritt, um Differenzen anzuerkennen.

Und kollegiale Fallberatung?

Kollegiale Fallberatung bedeutet: Eine Lehrkraft hört von einem antisemitischen Vorfall und bittet drei, vier Kolleginnen, diesen Konflikt mit ihm oder ihr zu durchdringen. Das können auch Lehrer einer anderen Schule oder Expertinnen sein. Die Zeit, das zu tun, gibt es in der Schule, das ist durchaus realistisch. In einer 15-Minuten-Pause auf dem Schulhof kann man das Thema aber ohnehin nicht bearbeiten. Das gilt es auch erst einmal wirklich zu verstehen. Was klar sein muss, was das Wichtigste ist: Keine Schule darf Antisemitismus bagatellisieren. Schimpfwörter oder einfach auch kurze Sätze, die Ressentiments zeigen, müssen als Konflikte ernst genommen werden. Jede Schule muss sagen: "Es gibt keine Kulanz, wir wollen nicht, dass solche Konflikte in unserer Schule schwelen. Die werden besprochen und so erhalten sie einen Ort, an dem sie sichtbar und öffentlich erkennbar bearbeitet werden."

Lesen Sie hier, wie Sie Antisemitismus bei sich und anderen erkennen können.

Antisemitismus ist ein Problem in sozialen Netzwerken wie Tiktok, die Schülerinnen und Schüler nutzen. Haben Sie einen Inhalt vor Augen, bei dem die Alarmglocken schrillen müssen: Das ist antisemitisch!

Ein User mit einem starken Followerkreis postete sinngemäß: "Wollt ihr deutschen Jugendlichen für die Israelis kämpfen?" Damit catcht man die jungen Menschen durchaus.

Wirklich? Das ist doch absurd!

Aber es verunsichert Schüler, es macht ihnen Angst. Es geht ans persönliche Leben: "Du wirst auch Soldat, wenn das so weitergeht! Die ziehen dich ein!" "Die" ziehen uns alle mit in diesen Krieg rein!

Was daran ist antisemitisch?

So eine Aussage setzt "die Juden" mit der Politik der amtierenden Regierung im Staat Israel gleich, das ist antiisraelischer Antisemitismus. Die Aussage verkennt, dass es durchaus unterschiedliche, widerstreitende Meinungen in Israel zum Nahostkonflikt gibt und dass Israel eine Demokratie ist, in der nicht nur eine homogene wie auch immer ultraorthodoxe jüdische Bevölkerung lebt, sondern gerade auch sehr diverse jüdische Kulturen gelebt werden, mit starkem Religionsbezug, aber auch ohne Bezug zur Religion. Außerdem klingen diese Posts auch wie ein antisemitisches Geraune darüber, dass "die Juden die ganze Welt in einen Konflikt stürzen" wollen.

Was könnten Lehrerinnen und Lehrer erwidern?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Ein Realschullehrer erzählte mir, dass er sich entsprechende Videos in Ruhe mit seinen Schülerinnen und Schülern ansieht und analysiert. Voraussetzung ist dabei natürlich, dass sie selbst davon berichten. Dazu gehört Vertrauen. Gemeinsam überlegen sie: Macht das Sinn, was dort erzählt wird? Ist es inhaltlich plausibel? Wie soll ich handeln, wenn ich dem Video folge? Und: Welches Gefühl soll dieses Video bei mir erzeugen?

Wut, Verunsicherung, Angst ...

... und die Ablehnung des Staates Israel, genau. Aber: Ist es vernünftig zu denken, dass ich mit 15, 16 Jahren, der ich gar nicht bei der Bundeswehr bin, eingezogen werde, um in Israel gegen die Hamas zu kämpfen? Ist das wirklich realistisch? Das ist doch extrem unwahrscheinlich! Wieso sollten wir das glauben? Nach einem Gespräch, das wirklich in der Tiefe die Jugendlichen erreicht, verfangen solche antisemitischen Posts nicht mehr so einfach.

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