Solidarität
Gleich tuts nicht mehr weh!
Könnte ich dir doch nur helfen, sagt man zu Kranken. Und wenn das wirklich ginge, mit einer Schmerzapp? Ein Gedankenexperiment
Illustration einer Figur, die auf einem Nagelbrett sitzt. Die Nägel sind aber Menschen, die die Figur auf ihren Händen tragen
Könnte ich doch nur Kranken helfen und die Schmerzen übernehmen
Francesco Ciccolella
Christian O. Bruch
19.01.2024
6Min

Du hast starke Schmerzen. Ich denke manchmal, ich würde dir gern etwas abnehmen davon. Vielleicht zehn Prozent. Oder 15. Eins von den vielen Schmerzpaketen, die du da mit dir rumträgst. Das könntest du mir rüberreichen, dann ginge es dir etwas besser. Und mir ginge es gut, weil ich dir ein bisschen helfe und ich das kleine Paket gar nicht groß spüre.

Christian O. Bruch

Christian Sauer

Christian Sauer ist Autor und Coach in ­Hamburg. Seine ­Bücher "Draußen ­gehen. Inspiration und Gelassenheit im ­Dialog mit der Natur" und "Regen. Eine ­Liebeserklärung an das Wetter, wie es ist" sind im Verlag ­Hermann Schmidt ­erschienen.

Vielleicht sollte es eine App geben, mit der man sich am Ertragen von Schmerzen beteiligen kann. Ich logge mich ein, wische so lange auf dem Bildschirm, bis ich eine sympathische Person mit passendem Schmerz gefunden habe, übernehme fünf Prozent ihrer Kopfschmerzen, sie bedankt sich, alles prima. Jemand anders nimmt drei Prozent, eine Frau aus Berlin sogar zwölf. Für, sagen wir, zwei Stunden sind wir auf diese Weise verbunden. Bei mir würde es heute Nachmittag passen, wenn ich in diesem blöden Meeting sitze. Dann hätte das wenigstens einen Sinn.

Ich nehme an, das merke ich gar nicht. Fünf Prozent von einer sympathischen Person mit chronischen Schulter­schmerzen. Vielleicht ein Bauarbeiter Anfang 60. Der trägt keine Speiseimer mehr, kann nicht mehr arbeiten, sitzt mit kleinem Geld zu Hause. Da kann ich doch mal sagen, okay, ich hatte es besser, ich habe keine Schmerzen, ich übernehme da was.

Natürlich nur, wenn das technisch sicher ist. Ich meine, das wird doch wahrscheinlich so funktionieren, dass die Schmerzimpulse, die seine Schulternerven losschicken, quasi abgezweigt und in mein Hirn umgelenkt werden. Wahrscheinlich kriegt er Sensoren auf die Schulter geklebt, und ich müsste irgendeinen Chip unter der Kopfhaut haben, der auf mein Gefühlszentrum wirkt. Die Frage ist, ob sich da jemand reinhacken könnte. Trolle aus Petrograd oder so. Das möchte man sich nicht vorstellen. Oder dass jemand im Vorbeigehen Zugriff auf den Chip in meinem Kopf kriegt, mir einen Schmerzstoß in die Schulter jagt und ich gehe schreiend zu Boden. Die Leute denken: ein epileptischer Anfall. Aber ich weiß, da hatte jemand den Code. Die App braucht extreme Firewalls und die Chips dürfen nicht in China produziert werden, das ist mal klar.

Swish-App in Schweden: Digitale Spaltung oder Zukunftstechnologie?

Aber das kann man doch alles organisieren. Dann ­können wir das Schmerzniveau ein bisschen ausgleichen, quer durch die Gesellschaft. Dann kriegt die topfitte Unternehmerin Ende 50 einen Schub Schmerzen von der gleichaltrigen Putzfrau ab, die morgens um sechs ihr Büro putzt. Ich meine, freiwillig, also dass die Unternehmerin das so möchte und gern tut, weil sie ja ahnt, wie schwer die Putzfrau es hat mit ihren zwei Jobs und ihren drei Kindern und der zu kleinen Wohnung im fünften Stock.

Bloß kann es ja auch sein, dass die Unternehmerin das nicht ahnt, wenn sie morgens ihr Cabrio vor der Firma abstellt und gegen 8.15 Uhr ihr Eckbüro mit den cremefarbenen Ledermöbeln betritt. Oder dass sie es gar nicht ­wissen will. Da müsste man überlegen, ob die Schmerzen der Putzfrau quasi per richterlicher Anordnung in den ­Rücken der Unternehmerin übertragen werden sollten. Ganz leicht natürlich, nur fünf Prozent oder so.

Jeder kann mit dem kleinen Unbehagen umgehen

Wenn alle, wirklich alle über 18 die Pain-Sharing-App quasi vorinstalliert bekämen und alle per Chip an das Schmerznetz angeschlossen wären, dann könnte man eine echte Gleichverteilung garantieren. Der schwer bewachte Rechner einer Bundesbehörde würde dafür sorgen, dass sich die Schmerzen chronisch kranker Bürger auf alle ­Gesunden übertragen, aber in winzigen Portionen. Das wäre nicht mehr als ein gelegentliches Unbehagen bei den Gesunden, aber eine Riesenerleichterung für die ­chronisch Kranken, die dann nicht mehr gelähmt wären durch das Ziehen, Bohren, Sägen in ihrem Kopf, ihrem Körper. Das kleine Unbehagen bei uns Normalos wäre eigentlich ­genau das, was wir jetzt auch schon spüren, wenn wir einer ­Bettlerin einen Euro in den Pappbecher werfen.

Wenn wir jetzt nicht beherzt nach der Pain-Sharing-App greifen, dann landet sie auf dem gleichen Müllhaufen, wo schon der Marxismus verrottet. Dann bleibt uns wieder nichts als der uralte Appell an die christliche Nächs­tenliebe. Davon wird kein Schmerzpatient froh.

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Schade wäre das. Die App würde uns genau das zurückbringen, woran es offensichtlich mangelt. Es fehlt an Mitgefühl, sagt doch jeder. Die Gesellschaft braucht mehr ­Zusammenhalt. Die Spaltung schreitet voran. Aber niemand tut was, wir driften immer weiter auseinander. Und hier ergibt sich die Chance, dass wir die Gemeinschaft ­stärken, ganz konkret. Wir teilen unsere Schmerzen. ­Keiner bekommt mehr davon, keiner weniger. Wir tragen das zusammen.

Alles nur Prinzip Hoffnung

Wenn das mit der Umverteilung von Einkünften und Besitz schon nicht klappt, nicht mal mit der Bildungs­gerechtigkeit, wenn wir also dauernd an der Chancengleichheit scheitern – warum machen wir dann nicht einen Neuanfang bei den körperlichen Schmerzen? Das ließe sich sehr konkret und gerecht organisieren. Alle für einen. Alle für alle. Schluss mit Zufall und Schicksal. Du wirst krank, ich bin gesund, Glück gehabt, Pech gehabt, so ist das Leben. Klingt gut, solange man selbst zu den Schmerzfreien gehört. Alles nur Prinzip Hoffnung. ­Morgen bin ich dran, übermorgen du, das ist die Realität.

An genau diesem Punkt sind sie doch alle gescheitert, die Sozialreformer. Genau hier fahren die Religiösen ­dazwischen und die Ethiker. Dann heißt es, wir sollen es dem lieben Gott oder Allah oder sonst wem überlassen, wer Schmerzen zu ertragen hat und wer nicht. Oder dass es unethisch wäre, Menschen Schmerzen zuzufügen, wenn die Ursache dafür nicht bei ihnen selbst liegt. Sehr schön, das heilige Individuum wieder mal. Diese Menschenrechte sind immer nur die Rechte einer Person auf Kosten einer anderen. Was hilft das denen, die vor sich hinwimmern oder rumdämmern, zugedröhnt mit Morphium?

Hinter der App würde eine bestens trainierte KI stecken, die das individuelle Schmerz­niveau aller Beteiligten einberechnen könnte, durch Millionen von Feedbackschleifen. Dann könnte die KI den weniger Empfindlichen auch ein ­bisschen mehr von der Gesamtmenge der Schmerzen zuteilen als den Hochsensiblen. Es kommt wirklich nur darauf an, das intelligent zu organisieren und den Ethikbeirat hochkarätig zu besetzen. Schwerpunkt: Ethik des Gemeinwohls. Nächste Stufe der gesellschaftlichen ­Evolution übrigens.

Wenn das so funktioniert, wie es funktionieren muss, und da gibt es eigentlich keinen Zweifel, dann wären körperliche Schmerzen nur der erste Schritt. Im zweiten Schritt würde die App auch die psychischen Schmerzen statistisch gleich verteilen. Nehmen wir an, deine Oma, die du sehr geliebt hast, ist kürzlich gestorben. Dir geht es übel, du vermisst sie, du trauerst. Jetzt könnte die App sagen, hei, nach vier Wochen ist es jetzt langsam gut, wir zweigen mal ein bisschen von dem Schmerz auf jemanden ab, der seit Jahren keine Verluste und keine Schicksalsschläge erlitten hat. Da nehmen wir so einen eher hartgesottenen Typen, dem tut das vielleicht sogar gut, das erdet den.

Oder wenn jemand ein Kind verloren hat, dann könnte die App sagen, hier gibt es Leute unter uns, die waren nie psychisch krank. Keine Schizophrenie, keine Psychose, keine Depression. Keine Verwirrung, kein Runterzieher, nichts. Jetzt übernehmt ihr 66 Strunzgesunden mal jeder ein Prozent von der Mutter, die um ihr Kind weint. Und der geht es ein bisschen besser, die kriegt mal kurz den Kopf frei, die kommt für einen Tag wieder auf die Füße und rettet vielleicht noch ihre Beziehung, die gerade an dem Verlust zerbricht. Ihr tut also eine Menge Gutes und merkt von alldem gar nichts. Oder fast. Eben nur so ein kleines Ziehen in der Brust vielleicht, ein mysteriöser Anflug von Trübsal. Ein halber Tag, dann seid ihr wieder die Alten. Keine Midlife-Crisis, nichts Ernstes. Kleiner Seelenausschlag, der gleich wieder verschwindet.

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Okay, mal sehen. Ich weiß nicht, ob wir als Gesellschaft den Mut zu so viel Ausgleich und Gerechtigkeit haben. Wahrscheinlich wieder mal nicht. Alle wollen weiter­machen nach dem Prinzip: Wird mich schon nicht treffen. Sollen die anderen mit Krankheit, Schicksal und Schmerz klarkommen.
Gut, dann lassen wir es halt, obwohl es technisch doch schon quasi in Reichweite wäre. Oder es kommt ­demnächst einfach eine mächtige KI, die das besser entscheiden kann als wir Menschen, weil sie emotionslos auf die Gesamtheit der Beteiligten schaut. Und dann wird das doch umgesetzt, weil es eben klüger ist. Ich denke, das werde ich noch erleben.

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