Krieg in Israel und Gaza: Wie geht es Palästinensern im Westjordanland?
Im Westjordanland wird gekämpft
Jaafar Ashtiyeh/AFP/ Getty Images
Wie geht es Palästinensern im Westjordanland?
"Die Wut wächst und wächst"
Die Lage war schon vor dem 7. Oktober schwierig, jetzt gibt es noch mehr Gewalt, sagt der Ökobauer Issa A. im Westjordanland. Was ihm trotzdem Hoffnung macht
Maria Sturm
07.12.2023
8Min

Wie hat sich das Leben im Westjordanland seit dem 7. Oktober verändert?

Issa A.*: Die Dinge waren schon vorher ziemlich angespannt und wirklich schlimm. Jetzt gibt es noch mehr Gewalt und noch mehr Rassismus, auch im Westjordanland. Mehr Tote, mehr Verhaftungen. Und unsere Mobilität wurde stark eingeschränkt. Wenn wir zum Beispiel das Dorf verlassen wollen, um an einen anderen Ort zu fahren, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass man in einen Checkpoint gerät. Dann kann es sein, dass man Stunden dort verbringen muss. Die Menschen gehen so gut wie nicht mehr auf die Straße. Mein eigener persönlicher Tagesablauf ist völlig durcheinandergeraten. Die Bilder und Nachrichten überwältigen einen. Wir wachen mit dem Telefon in der Hand auf und gehen mit dem Telefon in der Hand schlafen. Die Herausforderung besteht darin, den Tag zu überstehen, ohne die schrecklichsten Bilder zu sehen – die von toten Zivilisten. Die von toten Kindern. Von Vätern und Müttern, die die Leichen ihrer Kinder tragen. Und das Klagen und Weinen. Diese Dinge, die Tag für Tag geschehen, zermürben einen. Es zerreibt die Essenz dessen, wer oder was man ist.

Können Sie jetzt auf Ihre Felder gehen?

Ja, wir hatten Glück. Wir wurden bisher kaum von der israelischen Armee oder von den Siedlern gestört. Auch nicht während der Olivenernte, mit der wir bis vor kurzem beschäftigt waren. Diese Arbeit war ein kleiner Segen, denn es ist sehr heilsam für die Psyche rauszugehen, Oliven zu ernten und seine Zeit mit einem Baum zu verbringen. Wenn es zu Militäroperationen hier in der Nähe kommt, dann meist spät in der Nacht oder früh am Morgen. Es gab zum Beispiel Konfrontationen zwischen einem Militärstützpunkt und einem Flüchtlingslager. Da wurde mit Tränengaskartuschen geschossen und ein Feuer brach aus. Außerdem gab es bei einigen anderen Bauern in unserem Dorf Zwischenfälle. Eine Familie wurde zum Beispiel fünf Stunden lang auf ihrem Land aufgehalten. Und wenn ich sage "aufgehalten", dann meine ich damit, dass die ganze Familie vier oder fünf Stunden lang aufgereiht auf den Knien und mit den Händen auf dem Kopf warten musste, weil die israelische Armee Sicherheitsbedenken wegen ihrer Anwesenheit hatte.

Wie gehen die Landwirte mit diesen Herausforderungen um? Tun sie sich zusammen?

Die Bildung von Gemeinschaften ist Teil unserer Erziehung, Teil unseres Widerstands und unserer Resilienz gegen die Besatzung. Manchmal gelingt es, meistens aber nicht. Denn es ist extrem schwierig, Gemeinschaft zu bilden, wenn man ständig angegriffen wird. Ich meine nicht nur die physische Gewalt, sondern auch die psychologische, soziale und wirtschaftliche Gewalt. Meine persönliche Gemeinschaft besteht aus palästinensischen Christen, palästinensischen Muslimen und jüdischen Kameraden und Kollegen, die die palästinensische Sache unterstützen.

Issa A.

Issa A. ist Palästinenser und Christ. Er ist in seinen 40ern und arbeitet im landwirtschaftlichen Betrieb seiner Familie. Aus Sicherheitsgründen wollte er seinen richtigen Namen nicht nennen. Er lebt in einem Dorf in der Nähe von Ramallah.
Maria Sturm

Elisabeth Weydt

Elisabeth Weydt wurde1983 geboren und ist Journalistin. Im September 2023 erschien ihr Buch "Die Natur hat Recht: Wenn Tiere, Wälder und Flüsse vor Gericht ziehen – für ein radikales Umdenken im Miteinander von Mensch und Natur" im Knesebeck-Verlag.

Wie reagiert die Palästinensische Autonomiebehörde?

Die Palästinensische Autonomiebehörde ist eine Erweiterung der israelischen Besatzung. Eine kostensparende Version der israelischen Besatzung. Sie ist viel billiger als das, was es die israelische Armee kosten würde, wenn sie das Westjordanland allein besetzen würde. Die Palästinensische Autonomiebehörde tut alles, was in ihrer Macht steht, um jeden einzusperren, der sich mit den Menschen in Gaza solidarisch zeigt. Sie hat alles getan, um Kritiker dieses ungleichen, ungerechten Status quo, in dem wir derzeit leben, an den Rand zu drängen. Die Mitarbeiter tun das nicht aus politischer Überzeugung, sondern weil sie süchtig nach Macht sind, auch wenn es sich um eine unbedeutende Macht handelt. Und weil sie finanziell davon profitieren. Ihre Taschen sind voll. Sie müssen nie hungern. Ihr Strom wird nie abgestellt. Sie haben immer Wasser. Sie sind immer in Sicherheit, bis Israel entscheidet, dass sie es nicht mehr sind. Die Palästinensische Autonomiebehörde ist kein repräsentatives Organ. Es ist ein verrottetes System.

Sind Sie auch wütend auf die Hamas?

Diese Frage finde ich problematisch. Sie testet meine Moral und Menschlichkeit. Ich wüsste nicht, womit die westlichen Länder oder Institutionen das Privileg verdient hätten, meine Moral und Menschlichkeit zu testen. Die westlichen Länder haben so gut wie nichts für den palästinensischen Freiheitskampf erreicht, aber stattdessen das israelische Militär und über Umwege selbst die illegalen Siedler verteidigt, finanziert, unterstützt und bewaffnet, die mein Volk töten, inhaftieren und foltern, und das schon seit Jahrzehnten. Bevor ich also diese Frage beantworte, möchte ich zunächst wissen: Ist Deutschland wütend auf Israel?

Sie haben psychologische Gewalt erwähnt. Meinen Sie zum Beispiel die Flugblätter und Onlinedrohungen, in denen Palästinenser aufgefordert werden, das Westjordanland zu verlassen und nach Jordanien auszuwandern?

Die Flugblätter sind sehr stark auf bestimmte Gebiete konzentriert, in denen die israelische Regierung besonders viele Palästinenser vertreiben möchte. Man findet sie zum Beispiel häufig in der Gegend um Hebron und Ostjerusalem. Es gibt nichts, was die israelische Regierung mir sagen oder antun könnte, was mich dazu bringen würde zu gehen. Wir sind schon einmal gegangen und sehen noch heute die Auswirkungen: Ein großer Teil unseres Volkes lebt seit 1948 in Flüchtlingslagern.

Diese Flugblätter sind eine Bedrohung, gleichzeitig sind sie ziemlich lächerlich. Die Menschen hier - mich eingeschlossen – sehen es als ein israelisches Ziel an, uns transferieren zu wollen. Sie benutzen dieses harmlose Wort dafür. Aber es geht um den Exodus der Palästinenser. Und mit israelisch meine ich speziell zionistisch-israelisch. Denn die Nuancen hier sind wichtig, nicht wahr? Wir haben Genossinnen und Genossen in Israel, die auf unserer Seite stehen, die unsere Sache anerkennen und die mit uns kämpfen. Die Zionisten stellen für mich das Problem dar. Nicht die Juden an sich. Aber wir Palästinenser haben es geschafft, unseren Humor zu bewahren. Wenn man sich nur einige Videos aus Gaza anschaut: Die Menschen machen eine Menge Witze über die israelische Propaganda und über Regierungsvertreter. Ein Teil des Widerstands besteht darin, dass wir in der Lage sind, über sie und manchmal auch über uns selbst zu lachen.

"Wir weinen, wir sind deprimiert"

Worin sehen Sie den Unterschied zwischen Zionisten und Juden?

Das müsste Ihnen wahrscheinlich ein Jude beantworten, der kein Zionist ist. Für mich ist ein Zionist jemand, der eine Million Wege gefunden hat, um die andauernde Besetzung Palästinas zu rechtfertigen und - ohne einen zweiten Gedanken - auf den Ruinen zu leben, die sie geschaffen haben.

Wie kommen Sie durch die Tage?

Die Olivenernte war sehr nützlich. Man wacht um sechs Uhr auf und ist den ganzen Tag über beschäftigt. Aber selbst da flogen einem Drohnen über den Kopf, und man hörte die israelischen Militärjets kommen und gehen. Es war schon vor dem 7. Oktober keine friedliche Zeit. Aber jetzt ist es wirklich schwierig. Wir weinen, wir sind deprimiert, und die Wut wächst und wächst. Man kann sie in der Luft spüren. Das ist es, was Israel nicht verstehen will oder ignoriert. Mit jeder Kugel, die sie abfeuern, mit jeder Gräueltat, die sie begehen, und mit jedem Siedler, den sie auf uns loslassen, erzeugen sie Wut.

Was ist Ihre Hoffnung für die Zukunft?

Ich persönlich glaube an die Einstaatenlösung. Und damit ein Staat für alle Menschen hier Realität werden kann, muss der Rassismus verschwinden und das politische und juristische System, das die zionistischen Israelis gegenüber den Palästinensern privilegiert, sogar auf Kosten unserer jüdischen Genossen. Die werden als sich selbst hassende Juden und Verräter angegriffen, weil sie Empathie oder Solidarität mit dem palästinensischen Volk bekunden.

Sie sagten, die Wut wachse. Wie kann dann eine Koexistenz funktionieren?

Wenn wir wirklich zu einem gemeinsamen Staat kommen, werden als Erstes alle, die diese Idee verabscheuen, ihre Sachen packen und gehen. Es werden die bleiben, die bereits jetzt mit uns zusammenleben. Wir können uns ja auch jetzt schon zusammensetzen und ein zivilisiertes Gespräch führen, weil wir die Menschlichkeit aller anerkennen. Leider sind diese Menschen aber nicht die, die im israelischen Staat die Macht haben.

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Und was ist Ihre Hoffnung für die nächsten Wochen? Was könnte dazu führen, dass der Krieg aufhört?

Ich habe Hoffnung in die internationale Gemeinschaft der Menschen. Nicht in die Regierungen. Ich misstraue fast allen Regierungen, insbesondere denen in Europa und den Vereinigten Staaten. Die zweite Quelle meiner Hoffnung liegt in der Unerschütterlichkeit des palästinensischen Volkes. Seit über sieben Jahrzehnten werden wir unterdrückt und zu Flüchtlingen gemacht, aber wir sind immer noch da. Und solange wir überleben und an unseren Werten festhalten, an unserem Land, und uns weigern, irgendetwas davon aufzugeben, wird es immer Hoffnung für die Zukunft geben. Es macht mir außerdem Hoffnung, dass gerade weltweit so viele jüdische Brüder und Schwestern aufstehen und sagen, dass die Regierung von Netanjahu nicht in ihrem Namen handelt. Das ist wirklich unglaublich und wunderbar.

Sind Sie auch von den Regierungen der arabischen Länder enttäuscht?

Ich habe schon lange aufgehört, irgendetwas von den arabischen Regierungen zu erwarten. Die sind vor allem daran interessiert, ihre Macht zu erhalten und Geld zu verdienen.

Und trotzdem sehen Sie auf lange Sicht einen Staat für alle?

Ja, das wäre wunderbar. Niemand hätte mehr Rechte und Privilegien als andere. Es würde bedeuten, dass ein Muslim in der Al-Aksa-Moschee ohne eine Genehmigung beten könnte und ohne von einem 18-Jährigen mit einer Waffe kontrolliert zu werden, der willkürlich entscheidet, ob er ihn einlässt oder nicht. Es würde bedeuten, dass ein Christ das Kreuz tragen und die Via Dolorosa hinuntergehen könnte, ohne Angst zu haben, angespuckt zu werden. Es würde bedeuten, dass ein Jude, der zur Klagemauer gehen will, vielleicht von einem Muslim begleitet wird.

Das scheint alles möglich, weil es auf allen Seiten vernünftige Menschen gibt. Entweder wir gehen diesen utopischen Weg in eine ideale Zukunft, die gut für uns alle wäre, oder Israel steht weiter über dem Recht. Und jetzt spreche ich ganz bewusst als Christ: Haben unsere christlichen Brüder und Schwestern in Europa vergessen, woher die christlichen Werte und Ideen stammen? Aus diesem Teil der Welt! Haben sie ihre christlichen Brüder und Schwestern, die hier leben, vergessen? Stattdessen haben sie sich hinter ein Land gestellt, das gegen viele unserer christlichen Werte arbeitet und so viel getan hat, um uns aus unserem Land, dem Land Jesu, zu vertreiben. Dieser Ort, dieses Land gehört genauso zu uns, wie wir als Christen, als Palästinenser zu ihm gehören.

*Issa A. heißt in Wahrheit anders. Er will aus Sicherheitsgründen anonym bleiben.

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Sehr geehrte Redaktion, bitte erklären Sie mir, warum in der Printausgabe chrismon 1/24 ein israelkritischer Artikel eines palästinensischen Mitchristen im Unterschied zur online-Ausgabe unterdrückt wurde (Zensur ?) Es ist-wie auch die Auseinandersetzung um den Weltgebetstag der Frauen am 1.3.2024 zeigt -unbestreitbar, dass die EKD mit Rücksicht auf die verschiedenen Gesprächskreise Juden-Christen eine untragbare Einseitigkeit zeigt. Wo bleibt bei Chrismon die evangelische Freiheit? Hätten Sie vielleicht sogar den Mut, mit der prominentesten palästinensischen Friedenspädagogin Frau Prof. Dr.
Sumaya Fahrat-Naser ein Interview zu drucken mit deren jahrzentelangen!
Erfahrungen? Bitte nehmen Sie in der Redaktion auch die nun zugänglichgen Begründungen der südafrikanischen Anklage gegen Netanjahu in Den Haag zur Kenntnis. MIt vielen Grüßen, Albert Schechter, Pfr.i.R. Frankfurt

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Sehr geehrte Damen und Herren,

den sehr guten Artikel in Chrismon-Artikel 01/ 2024, S. 30ff: "Die Wut wächst und wächst" habe ich leider vergeblich in der Printausgabe gesucht. Wie kann das passieren, dass ein so guter und informativer Artikel fehlt.

Da ich mit meinen Frauen an dem Thema Israel - Palästina arbeite, hätte ich diesen Artikel gerne in Printform. Könnten Sie mir bitte diesen Artikel zukommen lassen oder mir mitteilen, wo ich ihn finden kann.

Mit freundlichen Grüßen

Uda Weidt

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Hallo, liebes Redaktionsteam,

nachdem ich mit meiner Tageszeitung die Januarausgabe von Chrismon zugesandt bekommen hatte, habe ich jetzt gesehen, dass es online eine andere Version zu kaufen gibt. Wie ist das zu erklären? In der Online-Ausgabe las ich jetzt ein sehr aufschlussreiches Interview mit einem christlichen Palästinenser zur aktuellen Situation der Olivenbauern im besetzten Palästina. Warum ist das in der gedruckten Ausgabe, die wir mit der Tageszeitung erhalten, nicht enthalten?

Mit freundlichen Grüßen,
Dieter Endemann,