Kirchentag 2023: Alena Buyx über Polarisation und Zusammenhalt
In Krisenzeiten brauchen Menschen etwas, das ihnen Halt gibt
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Kirchentag 2023
"Wir brauchen neue Erzählungen"
Die Vorsitzende des Ethikrates, Alena Buyx, diskutierte mit Vertreter*innen der Kirche über die Frage, was Halt gibt im Leben
Tim Wegner
08.06.2023
3Min

Wo finden wir Halt? In der Stille, sagt die Zen-Meisterin. Bei Freunden, die dasselbe Ziel haben, sagt die EKD-Präses. In der Heimat, wo jeder meine Codes kennt, sagt der christliche Popsänger.

Und dann erzählt ausgerechnet die einzige Person, die auf diesem Podium nichts mit Kirche zu tun hat, eine beinah biblische Geschichte. Die Ethikrats-Chefin Alena Buyx, von München mit dem ICE nach Nürnberg rübergejettet, berichtet von dem jungen Helfer, der sie gerade an der Bahn abgeholt habe. Sehbehindert und mit Angst vor Menschenmassen, das hat er ihr beiläufig erzählt. Ausgerechnet er lotst sie durch die Masse der Kirchentagsschals und E-Bikes und Autos. Er hat den Weg vom Hauptbahnhof zur Meistersingerhalle am Tag zuvor extra abgelaufen, damit die zwei sich nicht verirren. "Solche Menschen, die geben mir Halt", sagt die Medizinprofessorin und erntet stürmischen Beifall.

Eigentlich hätte die Ratsvorsitzende Annette Kurschus dieses Hauptpodium eröffnen sollen, wegen deren Corona-Infektion springt Präses Anna-Nicole Heinrich ein. Sie hat einen Film von ihrem Youtube-Format POV mitgebracht, in dem sie noch mehr Antworten auf die große Frage eingesammelt hat. Was gibt Halt? "Liebe", sagt der alternative Bestatter im Video, "meine Familie", sagt die Freundin. Die junge EKD-Präses, die auf ihrer Tour im letzten Sommer auf einigen Seilen balanciert hat, fasst es so zusammen: "Wir sind zusammen auf einer wackeligen Slack Line unterwegs".

Was kann die Religion dazu beitragen? Es ist die evangelische Theologin und Zen-Meisterin Doris Zöls, die den Ton vorgibt. Im Zen-Buddhismus gehe es darum, das "Ich" zurückzunehmen. Das gelte für andere Religionen auch, bestätigt der Religionssoziologe Deltev Pollack. Religion könne dabei helfen, Dinge kommen zu lassen, nicht immerzu eine Reflexionsschleife nach der anderen zu drehen. Pollack: "Religion kann unterbrechen, beruhigen, das Nachfragen stoppen." Und das mache sie auch anschlussfähig für junge Leute, vermutet Anna-Nicole Heinrich. Sie erzählt von einem digitalen Nachtgebet mit der Klimaaktivistin Luisa Neubauer, die ihr bestätigt habe: Hier können wir uns vom Aktivismus ausruhen. Hier müssen wir nicht immer was tun, können einfach nur sein.

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Es war die Medizinethikerin Buyx, die das Thema "Ich" auf eine gesamtgesellschaftliche Ebene hob. Das "Ich" müsse zurücktreten, wenn es um Kompromisse geht, um den Zusammenhalt. Der sei gar nicht so schlecht in Deutschland, sagt sie, meilenweit entfernt von den USA, wo sie studiert hat und oft zu Gast ist. "Wir müssen unbedingt diese Lagerbildung wie in den USA vermeiden, wo ganze Familien nicht mehr miteinander sprechen", sagte sie unter großem Applaus, "ich sage das auch allen Parteien: eine Polarisierung können wir uns gerade nicht leisten."

Vorsitzende des Deutschen Ethikrats: Alena Buyx

Später auf dem Roten Sofa der Kirchenpresse sprach Buyx noch einmal über Halt und Haltlosigkeit – und zwar für Kinder und Jugendliche. "Wir sehen weltweit, dass die psychische Situation von Kindern und Jugendlichen stark gelitten hat durch die Pandemie". Und es liege eben nicht nur an Maßnahmen, die zu streng oder zu lax waren. Auch in Schweden, wo es kaum Coronamaßnahmen gab, sind mehr Kinder ängstlich und depressiv als vor der Pandemie. Buyx, die letzten Herbst ein leidenschaftliches "Danke" an die junge Generation formuliert hatte, wiederholt es auf dem roten Sofa. "Diese Generation hat unseren größten Respekt verdient." Applaus im Publikum.

Und jetzt? Corona vorbei, Kinder wieder gesund? So einfach sei es nicht, sagte Buyx. Zwar zeige die Kurve der Erkrankungen wieder ganz leicht nach unten, aber die Jungen seien von Corona gleich in die nächste Krise von Krieg und Klimakatastrophe gesegelt. Was tun? "Diese Generation wird es nicht besser haben als wir, sie kann nichts mit dem Wachstumsversprechen anfangen", sagt sie, "wir brauchen neue Erzählungen." Erzählungen – da ist sie bei einem evangelischen Kirchentag ja gerade richtig.

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Das Dilemma.

Wir brauchen keine neuen Erzählungen. Was wir brauchen ist eine ehrliche Bilanz unseres Lebens, der Religion, der Zukunft und der Werte. Sind die Werte als Basis unseres Lebens für die Ewigkeit oder muss es eine Werte-Exegese und Veränderung geben? Weder auf der Synode noch jetzt "für das Volk" in Nürnberg auf dem Kirchen(partei)tag (die Politik stand im Mittelpunkt!) hierzu eine öffentlichkeitswirksame Diskussion.

Das Dilemma:  Arbeit ist Brot und macht Leben, dass arbeiten will um mit Brot zu leben.

Die Kindersterblichkeit ist weltweit gering geworden und Pharma verlängert zusätzlich das Leben. Von den Religionen dann noch die Aufforderung: Mehret euch ohne Rücksicht auf die Folgen. Tut das   Leben das auch folgenlos? Nein, und das Ergebnis ist der Verbrauch aller Ressourcen und das Klimaproblem. Wir existieren auf Kosten der Natur.
Steigt der Wohlstand für alle, beschleunigt sich alles.  Steigt nicht im gleichen Mass die Zahl der Arbeitsplätze, beginnt mit der Not ein weiteres Unheil.

 Wer trägt hierfür die Verantwortung? Ein anderer Blickwinkel. Eine Frau will eine Familie und dazu einen Mann, der mit Arbeit die Famile sichert und schützt. Wer bietet ihm dafür die Arbeit? Wenn die Gesellschaft das nicht tut, wer dann? Es gibt auch Gesellschaften, die dazu nicht in der Lage sind. Wer keine Arbeit hat, hat auch keinen Beruf, kein Können das er anbieten kann. Das Ergebnis ist Not und Unmenschlichkeit.  Ein Staat, der seinen Bürgern nicht genug Arbeit anbieten kann, wird zu einem Ort der Unruhe. Allein die Zahl der Arbeitslosen und die Hoffnungslosigkeit ihrer Zukunft zwingt sie zur Flucht auf der Suche nach Arbeit und Brot. Das ist das Dilemma und die Wurzel allen Übels. Die Zahl zwingt zu den Folgen. Ändern lässt sich das mit den bisherigen Werten nicht, aber die Verantwortlichen aus Politik, Religionen, Philosophie und Gesellschaftswissenschaften weigern sich, die Fragen überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Wieder einmal versagen die Eliten. Zumindest von der EKD, als christliche Siegelbewahrer, hätte man dazu Impulse erwarten dürfen. Aber bitte die Gläubigen nicht mit unerklärbaren Werteproblemen erschrecken. Das könnte ja zu einer Implosion führen

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Ja, wir brauchen neue Erzählungen, weil die aktuellen an den Realitäten vorbei gehen. Ob gendern und vegan, ob Work-Life-Bilanz oder Minderheiten, ob Tierreligion oder Alexa, es interessiert wohl nur eine kleine progressive urbane Minderheit, die von den Medien zwecks Aufregungsquote favorisiert wird. Die wenigen sonntäglichen Bankdrücker gehen unter. Gibt es für diese statistische Erhebungen über deren Betroffenheiten? So haben die Aktivisten das Wort und nähren der EKD die Illusion, zeit- und volksnah zu sein.

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