Kirchentag 2023, Arbeiten im neuen Normal
Die Diskutierenden des Podiums zur Zukunft der Arbeit sitzen auf der Bühne
Michael Güthlein
Kirchentag 2023
Vier-Tage-Woche und KI für die Arbeitswelt
Auf dem Podium zur Zukunft der Arbeit auf dem Kirchentag in Nürnberg wird die Vier-Tage-Woche kontrovers besprochen. Automatisierung und KI besorgen die Diskutierenden weniger. Aber etwas anderes macht ihnen Sorgen
Tim Wegner
08.06.2023
3Min

Nimmt uns Künstliche Intelligenz die Arbeit weg? Oder löst sie den Fachkräftemangel? Hat die Generation Z eine unrealistische Anspruchshaltung an Arbeit? Oder versteht sie, dass es jenseits von Vollzeit-Erwerbstätigkeit auch andere Formen des Lebens gibt? Wollen wir nur noch im Homeoffice arbeiten oder führt das zu leeren Büros und Kolleg*innen, die sich nicht mehr kennen lernen? Die Debatte um die moderne Arbeitswelt tobt und findet dementsprechend auch auf dem Kirchentag ihren Widerhall.

Auf dem Podium "Arbeiten im Neuen Normal. Wer bestimmt die Regeln der modernen Arbeitswelt?" am Donnerstag sprachen Andrea Nahles, Chefin der Bundesagentur für Arbeit, Soziologin Jutta Almendinger, Katja Hessel, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesfinanzministerium, sowie Alexander Zumkeller, Arbeitsdirektor der ABB AG und Präsident Bundesverband der Arbeitsrechtler in Unternehmen.

In ihrem Impulsvortrag forderte Jutta Allmendinger mehr Flexibilität zwischen Erwerbs- und Familienarbeit. "Wir können unsere Lebenszeit nicht ausschließlich an Erwerbsarbeit hängen", sagte sie. So wie Arbeit momentan gelebt werde, passe es nicht mehr in die heutige Zeit. Wir orientierten uns noch zu sehr an einem Modell, in dem eine Person, meist der Mann, im Haushalt das Geld verdiene, während die Frau sich um Familie, Haushalt, Einkaufen und Ehrenamt kümmere. Es seien zwar immer mehr Frauen erwerbstätig, so die Soziologin, was aber nicht dazu führe, dass sich entsprechend mehr Männer an der Care-Arbeit beteiligten.

Jutta Allmendinger am Rednerpult

Allmendingers Lösung: Die Vier-Tage-Woche, beziehungsweise 33 Stunden für alle. Die Frauen würden so im Schnitt mehr, die Männer weniger arbeiten. "Wir müssen das Prinzip cash versus care aufbrechen", sagte die Soziologin. Wie genau das funktionieren soll, insbesondere, wenn sich Männer mehr an Haushalt und Kindererziehung beteiligen sollen, ließ sie jedoch im Vagen. Dass Ehrenämter sozialversicherungspflichtig werden sollten und man dafür Rentenpunkte erhalten soll, waren hingegen konkrete Forderungen von Allmendiger.

"Vier-Tage-Woche ist Gerede"

Zumkeller

Der Arbeitsrechtler Alexander Zumkeller hielt mit der Plattitüde dagegen, der Markt habe die Kraft, die von Allmendiger angesprochenen Probleme zu lösen. Er forderte vor allem individuelle Lösungen. Die jüngere Generation habe eine derartige Marktmacht, dass Unternehmen gar nicht umhin kämen, sich an den flexiblen Ansprüchen der Jüngeren zu orientieren. Die Vier-Tage-Woche hielt er für "Gerede". Letztlich solle jeder Mensch selbst entscheiden können, wann und wie viel er oder sie arbeitet. Ob man fünf Stunden an sechs Tagen oder 40 Stunden in vier Tagen arbeite, oder ob man stundenlange Mittagspausen mache, um Zuhause die Kinder zu versorgen und sich abends nochmal an die Arbeit zu setzen, sei dabei nicht ausschlaggebend. Alles sei möglich, sagte Zumkeller, aber: "Geld muss verdient werden."

Dass das Arbeitszeitengesetz, welches den Schutz der Arbeitnehmer garantieren soll, nicht mehr in Einklang mit der modernen Arbeitswelt sei, fand bei mehreren Diskutierenden Anklang. Andrea Nahles kritisierte: elf Stunden Ruhezeit und Acht-Stunden-Tag beißen sich.

Viel Einigkeit herrschte auch darüber, dass es durch die neuen Arbeitsverhältnisse keine Spaltung der Gesellschaft geben darf: in die, die flexibel im Homeoffice arbeiten können und denjenigen, die an Schichtpläne gebunden sind oder einfach anwesend sein müssen. Als Beispiele fielen immer wieder Busfahrer*innen und Pflegekräfte. Es sei wichtig, dass man auch diese Berufsgruppen einbeziehe. "Eine gespaltene Gesellschaft ist keine Gesellschaft der Zukunft", sagte Allmendinger. Wie genau diese Spaltung verhindert werden könne, ließ der Arbeitsrechtler offen.

Von der Angst vor Künstlicher Intelligenz, die sich in den Publikumsfragen spiegelte, war auf dem Podium wenig zu spüren. Präsent war dort eher die Hoffnung, dass KI den Fachkräftemangel kompensiere und Mensch und Maschine künftig stärker zusammenarbeiteten. "KI wird die Produktivität in Deutschland erhalten", sagte etwa Katja Hessel. Durch den Einsatz von KI entstünden an anderer Stelle neu Jobs. Konsequente Weiterbildung sei unumgänglich.

"Automatisierung als Schreckgespenst ist Schnee von gestern", stimmte Andrea Nahles zu. Sie sei künftig unumgänglich. Damit es zu Arbeitserleichterung statt Kündigungen komme, plädierte die ehemalige SPD-Vorsitzende für "human friendly automatisation". Denn: "Automatisierung ist keine ethikfreie Zone", betonte sie.

Zu den freiheitlichen Ansprüchen der Generation Z an die Arbeitswelt steht Nahles kritisch. Sie habe Arbeit immer als Teil ihres Lebens empfunden. "Und wenn es gut lief, habe ich es gerne gemacht", sagte sie. "Wir müssen Angebote finden, wo man Erwerbstätigkeit, Freizeit und Care-Arbeit zusammendenkt. Das ist die Arbeitswelt von morgen."

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Kllingt nach Freiheit, nach, Genuss, nach Selbstverwirklichung, nach Familie, nach Sport, nach Politik (besonders die extreme!), nach Rechte und Fitneß. Auch nach Religion, Bildung, Pflichten und Verantwortung? Kaum! Wer das glaubt ist nicht von dieser Welt. Was macht eine Person (nicht jede!) mit mehr Zeit für sich? Zu viele werden geniessen, (Drogen, Essen, TV, Netflix) und sich, der Familie Probleme bereiten. Die Ausnahmen werden die Gewinner sein. Eine neue noch grössere Unterscheidung am Horizont. Unverbesserliche Langzeitarbeitslose ohne körperliche Beeinträchtigungen als Beweis. Die staatliche Grundversorgung als Steigbügel. Schaut Euch um und seht, wer jeden Tag erst um 9 oder später aufsteht. Die Veränderungen kommen schleichend, irreversibel.

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