Einfache Sprache kann Texte vermitteln für Menschen, die sich mit Lesen oder ­Schreiben schwertun
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chrismon
Predigt zur Fastenzeit
"Vielleicht finden wir Fleisch lecker?"
Ein krasser Unterschied: Auszüge aus Ulrich Zwinglis Predigt "Von Erkiesen und Fryheit der Spysen", wie sie der Reformator am 23. März 1522 im Grossmünster in Zürich hielt – und für heutige Menschen lesbar gemacht
Heimito NolléAnnick Ramp
06.02.2023
4Min

Und sölichs anzuozeygen habend (. . .) ­etliche ietz zum letsten in diser vasten (als sy gemeint haben, es mög sich niemans mer verbösren) in iren hüsren und so sy by einander gsin sind, fleisch geessen und eyer, käß und ander spysen, so byßhar ungebrucht sind in der vasten. Weliche aber meinung ein andren weg, denn sy gemeint, ußgeschlagen ist, dann ein teil sich daran übel verböseret (. . .).

In der Stadt Zürich hat es einen großen Streit ­gegeben.
Der Streit war in der Fasten-Zeit.
Die Fasten-Zeit ist die Zeit vor Ostern.
Ostern ist ein wichtiges Fest für die Christen.
An Ostern ist Jesus auferstanden.
Die Christen glauben: Jesus ist gestorben.
Und dann ist Jesus wieder lebendig geworden.
Die Menschen wollen sich deshalb gut auf ­Ostern vorbereiten.
Sie denken viel an Gott.
Und sie wollen besonders gute Menschen sein.
Darum hat die Kirche gesagt: Die Menschen ­sollen in dieser Zeit fasten.
Fasten heißt: auf bestimmte Dinge verzichten.
Zum Beispiel auf Fleisch.
Oder auf Alkohol.
Das haben auch die meisten Menschen in der Stadt Zürich so gemacht.
Einige Leute haben aber bei sich zu Hause ­trotzdem Fleisch gegessen.
Und sie haben Eier und Käse gegessen.
Diese Leute dachten vielleicht: Das ist nicht so schlimm.
Das stört die anderen Menschen nicht.
Aber das war falsch.
Einige Leute haben sich darüber ganz doll ­aufgeregt.
Und es hat einen richtigen Krach gegeben.

Was solt ich thuon (. . .) anders, weder die gschrifft eigentlich ersuochen und die als ein liecht in disen finstren irrsal tragen, damit nieman uß unwüssenheit oder unerkantniß den andren verletzen und an­griffen möchte in grossen rüwen fallen, namlich so die essenden nit muotwiller oder geyl possen, sunder eersame lüt und guoter con­scientz sind. (. . .) dunckt mich not sin, die sach uß der gschrifft zuo erklären, damit ein ieder sich an die götlichen gschrifft lassende möge enthalten wider die fyend der geschrifft.

Einige Leute haben in der Fasten-Zeit Fleisch ­gegessen.
Das haben sie nicht aus Spaß gemacht.
Denn es waren anständige Leute.
Diese Leute haben geglaubt: Fleisch essen in der Fasten-Zeit ist okay.
Dafür hat man sie schlimm beschimpft.
Die Menschen sollen einander aber nicht ­beschimpfen.
Und sie sollen nicht streiten.
Streiten tut den Menschen nicht gut.
Im Streit verletzen die Menschen einander.
Und das tut ihnen später leid.
Darum müssen wir herausfinden:
Was steht in der Bibel über das Fleisch-Essen?
Damit der Streit endlich aufhört.
Für gute Christen ist nämlich nur die Bibel ­wichtig.
Nicht die Meinung von den Leuten.
Und auch nicht die Meinung von der Kirche.

Zum sechßten eben der Paulus zun ­Co­los­­sen am 2. [Col. 2. 16]: Nieman sol üch urteylen in spyß oder tranck oder von fyrens wegen. Hörst aber, das du niemans von spyß oder tranck wegen guot urteilen solt oder böß, er esse, was er welle. Wil einer gern, so esse kat.

Was sagt die Bibel über das Fleisch-Essen?
Dazu gibt es verschiedene Stellen.
Eine davon ist von Paulus.
Paulus war ein Apostel.
Apostel hießen die Freunde von Jesus.
Jesus hat die Apostel zu den Menschen ­geschickt.
Damit sie den Menschen von Gott erzählen.
Auch Paulus ist viel herumgereist.
Und er hat den Menschen Briefe geschrieben.
Einmal hat Paulus auch über das Essen ­geschrieben.
In manchen Religionen dürfen die Menschen nicht alles essen.
Zum Beispiel dürfen Muslime kein Schweine-­Fleisch essen.
Muslime sind die Gläubigen vom Islam.
Aus den Briefen von Paulus wissen wir: Im ­Christentum ist das anders.
Christen dürfen alles essen.
Paulus hat nämlich geschrieben: "Niemand soll über das Essen von anderen Menschen ­urteilen."
Paulus wollte uns damit sagen: Das Essen macht uns nicht zu besseren Christen.
Darum sollen wir nicht in die Teller von anderen schauen.
Vielleicht finden wir Fleisch lecker?
Dann dürfen wir es auch essen.
Wir bleiben trotzdem gute Christen.

Summa, das ichs kurtz mach: Wiltu gern vasten, thuo es; wiltu gern das fleisch nit essen, iß es nüt, laß aber mir daby den Christenmenschen fry. Du bist ein muessig­genger, solt vil vasten, vil abprechen die spysen, die dich geyl machen; dem arbeiter vergat der gammel wol am karst, im pfluog, im feld.

Aus der Bibel wissen wir nun: Christen müssen nicht auf Fleisch verzichten.
Christen dürfen alles essen.
Sogar den Dreck auf der Straße.
Das geht niemanden etwas an.
Vielleicht sagen einige jetzt: "Wir wollen in der Fasten-Zeit aber kein Fleisch essen."
Das ist in Ordnung.
Dann sollen sie das Fleisch eben weglassen.
Sie sollen zu den anderen aber nicht sagen: "Ihr müsst das auch so machen!"
Denn das kann jeder selber entscheiden.
Manchmal ist Fasten eine gute Sache.
Einige Leute arbeiten nämlich nicht.
Diese Leute sollten auch weniger essen.
Sonst geht es ihnen zu gut.
Und sie kommen auf dumme Gedanken.
Andere Menschen müssen hart arbeiten.
Zum Beispiel auf dem Feld.
Diese Menschen haben keine Zeit für dumme Gedanken.
Darum sollen sie immer genug essen.

Heimito NolléAnnick Ramp

Heimito Nollé

Heimito Nollé wurde 1970 in Zürich geboren. Er studierte Philosophie und Geschichte in Zürich und Berlin und publizierte 2014 seinen Erstling "Aussätzer". Im gleichen Jahr gewann er den DAphA-Aphorismenpreis. 2020 erschien sein dritter Aphorismenband "Defizitate". Der Journalist und Autor lebt in Oberkulm in der Schweiz.

Einfache Sprache

In dieser Serie übersetzt der Schweizer Journalist ­Heimito Nollé theologische Texte in Einfache ­Sprache. Mal Bibeltexte, mal theologische Schriften, manchmal aber auch ­Dokumente aus der Kirchen­bürokratie. Sein ­Anliegen ist zum einen die Inklusion – also das Bemühen, Literatur auch jenen nahezu­bringen, die sich mit Lesen oder ­Schreiben schwertun. Nollé will aber auch aufklären und ­entlarven, wenn Kirchen­sprache allzu inhalts­frei und ­verschwurbelt ist. Die Texte erschienen zunächst im Schweizer "bref"-Magazin. Nollé (­geboren 1970) ist bref-­Redakteur und schreibt auch Aphorismen, also kurze Lebensweisheiten.

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