Menschen stehen auf dem Ölberg in Jerusalem und blicken auf die historische Altstadt.
Tourists look from the Mount of Olives at the panoramic view of the Old City of Jerusalem with its Dome of the Rock mosque in the centre. On Wednesday, February 5, 2020, in Jerusalem, Israel. (Photo by Artur Widak/NurPhoto)
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"Christliche Orte werden von jüdischen Siedlern angegriffen"
Johanna Haberer, Theologin und Podcasterin, ist derzeit in Jerusalem. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst redet sie über die Pilger, die zu ihr kommen, die Frage, welchen Raum Christen in Israel noch haben und wem das "Heilige Land" gehört.
Redakteurin beim Evangelischen Pressedienst (epd) in Frankfurt am Main (Foto vom 09.06.2020).Heike Lyding/epd
17.07.2023

Welche Pilger kommen zu Ihnen auf den Ölberg in Ost-Jerusalem?

Es kommen Pilgergruppen aus vielen verschiedenen Ländern, darunter amerikanische, englische, russische, aber auch israelisch - jüdische Gruppen, natürlich auch viele deutsche. Manche wollen nur eine Andacht, manche wollen einfach mit einer Pfarrerin reden. Wir haben darüber hinaus junge Freiwillige, die für ein Jahr kommen und die Führungen in der Himmelfahrtkirche machen. Oft hören sie Fragen danach, warum deutsche Protestanten auf dem Ölberg sind, seit wann und was sie hier machen.

Und was machen die Deutschen dort?

Der evangelischen Kirche, beziehungsweise dem Lutherischen Weltbund, gehört hier oben ein großes Grundstück mit einem 1910 errichteten Gebäudekomplex, der auf eine Stiftung des preußischen Königs Wilhelm II. und seiner Frau Auguste Victoria zurückgeht. Früher war das eine Einrichtung für Deutsche, später nutzte die britische Mandatsverwaltung das Gebäude. Heute steht hier das Auguste-Victoria-Krankenhaus, das auf Krebsbehandlungen spezialisiert ist und für die palästinensische Bevölkerung überlebenswichtig ist. Es wird seit 1950 vom Lutherischen Weltbund betrieben.

Redakteurin beim Evangelischen Pressedienst (epd) in Frankfurt am Main (Foto vom 09.06.2020).Heike Lyding/epd

Franziska Hein

Franziska Hein ist Redakteurin der epd Zentralredaktion in Frankfurt am Main.
Johanna HabererPrivat

Johanna Haberer

Johanna Haberer ist Pfarrerin und war von 2001 bis 2022 Professorin für Christliche Publizistik in Erlangen.

Die deutsche Evangelische Gemeinde zu Jerusalem feiert in diesem Oktober das 125. Jubiläum der Erlöserkirche in der Altstadt. Die Himmelfahrtkirche hier auf dem Ölberg gehört pastoral zu dieser Gemeinde. Ich wohne derzeit auf einer Baustelle. Ein neues, attraktives Pilger- und Studienzentrum wird hier in Kürze entstehen.

Wie erleben Sie das Miteinander in Jerusalem?

Grund und Boden ist ein großes Thema in diesem Land und die religiöse Legitimation für dessen Besitz, sodass die Christen hier auch immer wieder unter Druck kommen, und sich die Frage stellt, wie deutlich die christliche Minderheit in diesem Land noch auftreten darf.

Zum einen werden christliche Orte von jüdischen Siedlern immer wieder angegriffen, wie etwa die Benediktiner-Abtei Dormitio oder auch unser evangelischer Friedhof Anfang des Jahres. Zum anderen kommen Christen auch vonseiten der muslimischen Palästinenser unter Druck.

Wie blicken Sie auf die Konflikte?

Ich habe den Eindruck, es geht es immer um Land. Die Frage des Landbesitzes ist das zentrale Thema all der Konflikte, die zurzeit herrschen - auch der Demokratiekonflikte. Auch den Kräften, die gerade versuchen, die exekutive und legislative Balance zu stören, geht es hauptsächlich darum, neu zu definieren, wem das Land "eigentlich" gehört.

Sehen Sie Lösungen?

Ich bin jeden Tag, den hier bin, mehr verwirrt, so komplex sind diese sich überlagernden Konflikte. Sie sind eben mit religiösen Überzeugungen verbunden. Die jetzige israelische Regierung hat, wie wir wissen, einen starken Unterstützerkreis unter ultraorthodoxen und nationalreligiösen Juden. Manche von ihnen sind überzeugt, der Messias kommt erst, wenn das davidische Reich aus biblischen Zeiten wieder aufgerichtet ist, wenn die Al-Aqsa-Moschee und der Felsendom dem Erdboden gleich gemacht sind, wenn sie den dritten Tempel aufgebaut haben. Darin sind sie sich mit evangelikalen Christen, vor allem aus den USA, einig. Diese sind wiederum überzeugt, auch ihr Messias Jesus Christus kommt erst wieder, wenn das davidische Reich reinstalliert ist. Die rechten Christen in den USA unterstützen die nationalreligiösen Bestrebungen auch finanziell massiv.

Inwiefern spielen die Proteste gegen die umstrittene Justiz-Reform, die palästinensischen Terrorattacken und die Militär-Angriffe auf die Flüchtlingssiedlung Dschenin eine Rolle für die Touristen?

Ich habe die Erfahrung gemacht, die politischen Fragen spielen für die meisten Touristen eine untergeordnete Rolle, außer dass sie wegbleiben, wenn über militärische Gewalt berichtet wird. Viele, die auf den Ölberg kommen, sind sich nicht bewusst, dass sie in Ost-Jerusalem sind, wo laut UN-Definition annektiertes Land ist. Die Bereitschaft, diese hochkomplexen Beziehungen und Konflikte zu verstehen, habe ich bei den Pilgern eher selten erlebt. Allerdings ist es auch aussichtslos, den Konflikt innerhalb einer einwöchigen Pilger-Reise zu verstehen. Selbst vier Monate reichen dafür nicht annähernd aus.

Kann man überhaupt eine Haltung zu dem Konflikt einnehmen, wenn man Israel nicht kennt?

Unsere erste Parteinahme vor allem als Deutsche ist rein reflexhaft bei unseren jüdischen Wurzeln, beim "gelobten Land". Ich rate aber ganz stark davon ab, sich auf eine Seite zu stellen. Es gibt ja auch ganz starke Kräfte in Deutschland, die davon überzeugt sind, dass es gegen Menschen- und Bürgerrechte verstößt, was den Palästinensern jeden Tag beispielsweise an den Checkpoints widerfährt. Man kann zumindest klar sagen, dass mit den Siedlungen in den Palästinensergebieten Völkerrecht gebrochen wird. Was aber von der Weltgemeinschaft nicht sanktioniert wird.

Das heißt aber nicht, dass man die Palästinenser, die ja auch eine sehr heterogene Gesellschaft sind, heroisieren dürfte. Wenn man die Geschichte Israels in der Bibel anschaut, sieht man, dass sich die Probleme eigentlich nicht verändert haben. Es waren schon immer Menschen hier, auch bevor das israelische Volk kam. Damals hießen sie Kanaaniter. Man hat hier schon immer ethnisch gemischt gewohnt. Diese zum Teil starke separatistische Politik der jüdischen "Frommen", gab es auch schon immer. Diese Konflikte bestehen seit 3.000 Jahren und drehen sich immer um die Frage "ha aretz?" - wem gehört das Land?

Wo sehen Sie die Rolle der christlichen Gemeinschaft?

Christen sind eine sehr kleine Minderheit, nur noch 1,6 Prozent der Bevölkerung. Es ist die Aufgabe der Christen hierzulande, in der Mitte zu stehen und die Position zwischen den Stühlen maximal auszunutzen. Sie sollten Fenster und Türen weit öffnen und Räume für Begegnung schaffen. Das ist das Zentrale. Dann bleibt dennoch die Frage, wie viel öffentlicher Raum ihnen von den konkurrierenden Fundamentalisten überhaupt noch überlassen wird. Wenn ich Sally Azar, die erste evangelische-lutherische Pfarrerin in Palästina, nach der Zukunft der christlichen Gemeinde frage, ist die Antwort eindeutig: Ähnlich wie Syrien und der Irak heute fast christenfrei sind, wird auch das sogenannte Heilige Land absehbar christenfrei sein. Die christlichen Familien wandern aus.

Hat sich Ihr Bild über dieses Land in Ihrer Zeit dort verändert?

Wenn wir in Deutschland über Palästina lesen, stellen wir uns staubige Straßen und im Staub spielende, armselige palästinensische Kinder vor. Ich habe hier gelernt, dass es im Westjordanland viele Leute gibt, die sehr gut dort leben. Es gibt dort viele, auch christliche Schulen und ausgezeichnete Universitäten. Dort leben nicht nur arme Menschen, sondern auch viele gut ausgebildete Menschen.

Immer mehr palästinensische Mädchen machen Uni-Abschlüsse, während in Israel die Söhne der ultraorthodoxen jüdischen Familien in Zukunft womöglich nur noch in die Thora-Schule gehen und es nach einem neuen Gesetz in die Freiwilligkeit verschoben ist, ob diese Jungen Englisch oder Mathematik lernen. Das Milieu der frommen Juden, die jetzt auch in der Regierung sitzen, bildet eine Männer-Kultur aus, die ohne Bildung auskommt. Das halte ich für eine gefährliche Entwicklung.