Nancy Janz, Sprecherin der Betroffenenvertretung des Beteiligungsforums Sexualisierte Gewalt, spricht am 08.11.2022 beim Beteiligungsforum Sexualisierte Gewalt waehrend der 3. Tagung der 13. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Die viertaegigen Beratungen gehen am Mittwoch zu Ende. (Siehe epd-Meldung vom 08.11.2022)
Jens Schulze/epd-bild
Letzte Chance
Betroffene von sexueller Gewalt und Kirchenvertreter beraten endlich auf Augenhöhe über Aufarbeitung und Entschädigung. Aber es ist noch viel zu tun.
Tim Wegner
09.11.2022

Vor einem Jahr hatten die drei höchsten Repräsentantinnen der evangelischen Kirche die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt zur "Chefinnensache" erklärt. Die EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus, ihre Stellvertreterin, die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs, und Synoden-Präsens Anna-Nicole Heinrich betonten mehrfach, wie ernst sie es meinen. Am Dienstag berichteten Betroffene und Kirchenleitende den 128 Delegierten des Kirchenparlaments, was erreicht wurde und was nicht. Die EKD-Synode ist das höchste Kirchenparlament der Evangelischen Kirchen und tagt bis zum heutigen Mittwoch in Magdeburg.

Es ist einiges vorangekommen. Vor allem weil es seit Juli das neue "Beteiligungsforum" gibt, ein völlig neues Prozedere, in dem acht Betroffene und neun Kirchenvertreter auf Augenhöhe beraten: Für Beschlüsse ist eine doppelte Mehrheit beider Gruppen nötig. Ein externes Team begleitet, moderiert und übernimmt die Supervision.

Tim Wegner

Claudia Keller

Claudia Keller ist Chefredakteurin von chrismon. Davor war sie viele Jahre Redakteurin beim "Tagesspiegel" in Berlin.

"Wir haben über das Beteiligungsforum erheblichen Einfluss dazugewonnen", sagte Detlev Zander am Dienstag in Magdeburg, der Sprecher der Betroffenen im Beteiligungsforum. Man arbeite mit den Verantwortlichen der EKD und Diakonie "gut zusammen, hart in der Sache, aber fair im Umgang". Es wurde aber auch deutlich, unter welchem Druck Zander und andere Betroffene stehen, die im neuen Forum mitarbeiten. "Wir stehen im ständigen Kreuzfeuer der Kritik von vielen anderen Betroffenen, weil wir uns in ihren Augen von der Täterorganisation vereinnahmen und instrumentalisieren lassen", sagte Nancy Janz, ebenfalls Betroffenenvertreterin im neuen Forum.

Unterschiedliche Standards

In dem neuen Gremium wird nun alles zentral und gemeinsam verhandelt, was in der evangelischen Kirche mit dem Thema sexualisierte Gewalt zu tun hat. Auch die Art und Weise, wer wie auf der EKD-Synode über das Thema spricht, wurde dort vereinbart. Auch dies ist ein großer Fortschritt.

Es bleibt aber auch noch sehr viel zu tun. Es gebe zwar gute Initiativen und Best-Practice-Beispiele, wo Gemeinden und Kirchenämter sensibel mit Menschen umgehen, die Schlimmes erlebt haben, und die Aufarbeitung zügig vorangehe. Aber das sei immer noch die Ausnahme, klagte Nancy Janz. Vielerorts würden Frauen und Männer, die als Kinder oder Jugendliche in kirchlichen Heimen oder in anderen Zusammenhängen sexualisierte Gewalt erlitten haben, "wie Bittsteller" behandelt, Mitarbeitende seien überfordert, vieles bleibe intransparent. Es sei immer noch kein "Ruck" durch die Kirche gegangen.

Die Anerkennungskommissionen der 20 Landeskirchen haben bisher 757 Fälle bearbeitet. Das Dunkelfeld dürfte viel höher sein, da sind sich Betroffenen- und Kirchenvertreter einig. Genaueres soll eine umfassende, wissenschaftliche Studie zutage fördern, die die EKD 2019 in Auftrag gegeben hat. Der Sprecher der Kirchenvertreter im Beteiligungsforum, der Braunschweiger Landesbischof Christoph Meyns, kündigte Ergebnisse für den Herbst 2023 an. Meyns gibt seine Funktion im Beteiligtenforum zum 1. Dezember an die pfälzische Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst ab.

Rechtliche Beratung und Akteneinsicht

Ein Problem, das aus Sicht der Betroffenen dringend angegangen werden muss, ist der Umstand, dass die Landeskirchen teils sehr unterschiedliche Beträge als Anerkennung für das Leid zahlen. "Was glauben Sie, macht es mit Betroffenen, wenn sie erfahren, dass die Landeskirche Württemberg pauschal 15 000 Euro zahlt, während die badische Landeskirche oder die in Bayern das anders handhaben?", fragte Nancy Janz die Synodalen. Das wirke nicht nur verwirrend, sondern auch willkürlich. "Im Straf-, Arbeits- oder im bürgerlichen Recht gibt es schließlich auch keinen Föderalismus." Wichtig sei auch, dass in allen 20 Landeskirchen und der Diakonie die gleichen Regeln und Standards für die Aufarbeitung gälten, betonte Janz.

Das Beteiligungsforum setzt sich auch dafür ein, dass Menschen, die Gewalt erfahren haben, in kirchlichen Disziplinarverfahren mehr Rechte erhalten. Sie sollen rechtliche Beratung und Akteneinsicht erhalten. Eine digitale Vernetzungsplattform ist ein weiteres Projekt des Forums. "Jetzt ist die Zeit!", riefen Zander und Janz den Delegierten zu. Das Beteiligungsforum sei die letzte Chance, gemeinsam mit Betroffenen Verbrechen unter dem Dach der Kirche aufzuklären.

Etliche Synodale bedankten sich bei Detlev Zander und Nancy Janz dafür, dass sie immer noch zur Zusammenarbeit mit der Kirche bereit seien - trotz vieler Enttäuschungen. Sie versprachen, sich in ihren Gemeinden und Landeskirchen dafür einzusetzen, dass betroffene Menschen gehört und ihre Bedürfnisse ernst genommen werden und die Aufarbeitung vorankomme. (mit epd)