Zweite Chance
Kirchenvertreter und Opfer sexualisierter Gewalt wollen künftig gemeinsam über Aufarbeitung, Prävention und Entschädigung verhandeln. Gut so!
Tim Wegner
05.05.2022

Sexualisierte Gewalt aufzuarbeiten, das geht nur zusammen mit den Menschen, die sie erlebt haben. Das ist mittlerweile in den Kirchen Konsens. Doch wie sollen sich die Betroffenen beteiligen? Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) scheiterte vor einem Jahr mit dem Versuch, Betroffene in einem Beirat zu versammeln. Das Gremium sollte sein Votum abgeben zu Entscheidungen, die dann aber die Kirche traf. Die Beiratsmitglieder klagten über mangelnde Transparenz, vermissten Unterstützung und entzweiten sich untereinander. Die Kirche löste das Gremium auf.

Nun will man einen neuen Weg versuchen: Acht Betroffene und neun Vertreter der Kirche sollen sich in einem neuen "Beteiligungsforum" zusammensetzen und gemeinsam die nächsten Schritte aushandeln. Darauf einigten sich vor kurzem Betroffene und Kirchenvertreter. Das "Beteiligungsforum" soll das zentrale Gremium innerhalb der EKD sein, in dem alle Fragen bearbeitet werden, die sexualisierte Gewalt betreffen. Also wie man die Taten aufarbeitet, wie man verhindert, dass so etwas erneut passiert, und auch die Frage, mit wie viel Geld man die Opfer entschädigt, soll hier entschieden werden.

Tim Wegner

Claudia Keller

Claudia Keller ist Chefredakteurin von chrismon. Davor war sie viele Jahre Redakteurin beim "Tagesspiegel" in Berlin.

Dass Menschen, die Leid erlitten haben, und solche, die die Institution der Täter vertreten, an einem Tisch sitzen, ist ein guter Ansatz - zumindest in der Theorie. Denn er suggeriert Augenhöhe. Und Augenhöhe ist das Mindeste, was sein muss, damit Betroffene wieder Vertrauen zur Kirche fassen, was wiederum die Voraussetzung für Verständigung ist.

Doch Augenhöhe ist nicht automatisch da, nur weil man im selben Forum beisammensitzt. Zumal acht Betroffene neun Abgesandten der Kirche gegenüberstehen. Ist so überhaupt ein Gleichgewicht möglich?

Die zahlenmäßige Ungleichheit spiele keine Rolle, sagt die von der Kirche unabhängige Beteiligungsexpertin, die das Modell entwickelt hat. Denn verabredet sei, dass Beschlüsse nur dann zustande kommen, wenn auf beiden Seiten die Mehrheit dafür ist, auf beiden Seiten also mindestens fünf Personen. Das klingt erst mal überzeugend.

Der neue Weg stimmt zuversichtlich

Diesmal soll ein Team aus Moderator, Supervisorin und Traumatherapeut den Aushandlungs- und Verständigungsprozess begleiten. Dass es ein solches Team gibt, ist ein großer Fortschritt. Viel hängt nun davon ab, wie gut diese Experten und Expertinnen ihre Arbeit machen. Sie müssen darauf achten, dass die Betroffenen genügend fachliche Unterstützung erhalten, um ihre Sicht der Dinge gegenüber den leitenden Geistlichen und Kirchenjuristen wirkmächtig vertreten zu können. In der Supervision müssen psychische Belastungen frühzeitig besprochen werden. Und der Moderator oder die Moderatorin muss fähig sein, Konflikte aufzugreifen und konstruktiv zu bearbeiten.

Denn Konflikte wird es mit Sicherheit geben, unter den Betroffenen und leitenden Geistlichen gehen die Ansichten sehr auseinander darüber, was man in Sachen Aufarbeitung erreicht hat, wie hoch die Anerkennungsleistungen sein sollten oder wer darüber entscheidet. Den Konflikten sollten die Beteiligten nicht aus dem Weg gehen, sie können Klarheit bringen und deutlich machen, wo die Schmerzgrenzen sind.

Der neue Weg stimmt zuversichtlich. Ob er weiter trägt als das aufgelöste Beiratsmodell, wird sich aber vor allem daran entscheiden, ob die Beschlüsse, auf die sich das Beteiligungsforum einigt, von den Kirchenhierarchien bestätigt und umgesetzt werden - oder nicht. Die Frage, wie ernst es die Kirche mit der Aufarbeitung der sexualisierten Gewalt meint, ist mit dem Wechsel des Beteiligungsmodells also noch nicht beantwortet. Fest steht jedenfalls: Eine Simulation der Aufarbeitung braucht niemand.

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