Und danach? - Wer prekär lebte, lebt nun prekärer
Und danach? - Wer prekär lebte, lebt nun prekärer
T. Seliger / imago images
Wer prekär lebte, lebt nun prekärer
Die Krise trifft die am härtesten, die schon vorher zu kämpfen hatten, sagt der Mainzer Sozialmediziner Gerhard Trabert im Interview: Geflüchtete und Wohnungslose. Der Arzt war erst jüngst im Lager Moria auf Lesbos.
03.04.2020

Am 7. März sind Sie spontan nach Lesbos geflogen. War ihr Antrieb da bereits die Corona-Krise?

Gerhard Trabert: Der Entschluss ist situativ gefallen, Auslöser war aber noch nicht die Situation rund um Corona. Ich hatte mehrfach gehört, dass unter anderem Identitäre aus Deutschland nach Lesbos geflogen seien, mit dem Ziel, rassistisch gegen Geflüchtete vorzugehen, die unter ohnehin schon prekären Bedingungen im Lager Moria leben. Also habe ich mich mit einem Koffer voller Medikamente und Equipment ins Flugzeug gesetzt, um vor Ort zu helfen.

Wie haben sie die Situation auf Lesbos erlebt?

Die Bewohner*innen von Lesbos sind sehr solidarisch mit den Geflüchteten. Wir dürfen nicht vergessen, dass auf rund 85.000 Griech*innen etwa 32.000 Geflüchtete in und um die Camps kommen. Natürlich macht das den Menschen Sorge, und sie fragen: Warum lässt Europa uns so allein? Aber ich habe in der Fläche keinen Rassismus erlebt, im Gegenteil wurde im März dort sogar gegen Ausgrenzung und Faschismus demonstriert.

Andreas Reeg

Gerhard Trabert

Gerhard Trabert ist Arzt und Sozialpädagoge. Er  behandelt Wohnungslose und ist Gründer des Vereins "Armut und Gesundheit in Deutschland e.V."

Wie ist die Situation im Flüchtlingscamp?

Wenn wir sehen, wie entschlossen in weiten Teilen der Welt auf die Krise reagiert wird, wie viel man tut, ist empörend, was man auf Lesbos unterlässt. Das Camp ist in unterschiedliche Areale aufgeteilt, teils ist die sanitäre und medizinische Versorgung verheerend. Die Ängste der Menschen nehmen zu, es gab Corona-Verdachtsfälle. Ein Ausbruch wäre eine Tragödie – das ist vorprogrammiert. Wir können auf keine gemeinsame europäische Lösung warten. Wir müssen die Menschen jetzt da rausholen. Und gerade in einer Zeit, in der wir spüren, wie fragil unsere eigene Sicherheit und Gesundheit sind, muss das selbstverständlich sein.

"Fassungslos, wütend, traurig"

Kommt Europa mit der Krise denn nicht endlich zu einer solidarischen Lösung für die Geflüchteten auf Lesbos?

In Europa nehmen in der Pandemie-Situation Nationalismus und Egoismus zu. Humanität und Menschenrechte scheinen fast nur bei der eigenen Bevölkerung von Bedeutung zu sein. Es müsste sofort gehandelt werden – stattdessen wird nur geredet. Die Entscheidungsträger Europas, insbesondere auch Deutschlands, nehmen wissentlich den Tod von Geflüchteten in Kauf. Das macht mich fassungslos, wütend und zu tiefst traurig.

In Mainz betreuen Sie mit dem Verein Armut und Gesundheit Wohnungslose im Arztmobil und in einer Ambulanz. Welche Veränderungen gibt es da?

Die Wohnungslosen stehen vor besonderen Herausforderungen. Wohin gehen Menschen, die kein Zuhause haben, wenn man daheimbleiben soll? Für unsere Arbeit ist wichtig, dass wir weiter eine tägliche Sprechstunde anbieten können. Die Wohnungslosen werden vor unserer Poliklinik auf Infekte und Fieber untersucht, bei Verdachtsfällen könnten wir auf Corona testen und behandeln die Patienten in unserem Arztmobil. In der Ambulanz sind dann nie mehr als drei Patient*innen gleichzeitig, zum Schutz. Unsere Fachärzte wie Zahn- oder Frauenärzt*in arbeiten aktuell eingeschränkt, sind aber vor Ort.

Hat sich die Arbeit im Arztmobil verändert?

Ja, absolut. In der Ambulanz arbeiten wir auch mit Angestellten, im Arztmobil vor allem mit Ehrenamtlichen. Viele von ihnen sind aufgrund ihres Alters oder wegen Vorerkrankungen in Risikogruppen und können uns gerade nicht unterstützen. Diese Verantwortung nehme ich auch sehr ernst, und deshalb bin ich gerade allein unterwegs.

"Mainz hat öffentliche Toiletten wieder geöffnet"

In Mainz und Rheinland-Pfalz scheint die Hilfsbereitschaft gerade enorm groß. Liegt das auch an der Bekanntheit Ihrer Arbeit?

Wir kommen definitiv voran. Unser Verein hatte einen Katalog mit Maßnahmen vorgelegt, die nun teilweise umgesetzt werden. Beispielsweise hat die Stadt die öffentlichen Toiletten wieder geöffnet, die für Wohnungslose überall in Deutschland wichtig sind. Gerade erleben wir etwas absolut Besonderes: Das INNdependence Hotel, in dem Menschen mit Handicaps arbeiten, hat dank der Vermittlung durch das rheinland-pfälzische Gesundheitsministerium fünf Zimmer für Wohnungslose zur Verfügung gestellt. Hier können wir Risikopatient*innen unterbringen. Die Stadt steigt ein, indem sie weitere 25 Zimmer mietet. Das setzt eine Kette in Gang. Teilweise bringen wir die Menschen direkt von der Straße ins Hotel, teilweise aus Unterkünften, wo so Plätze freiwerden, was die Situation in den überfüllten Heimen etwas entspannt. Weil diese 25 Zimmer bezahlt werden, setzt das Hotel seine Mitarbeiter*innen ein, die für die Wohnungslosen kochen. Das kann ein Modell für andere Regionen sein.

Mara Pfeiffer

Mara Pfeiffer ist Journalistin, Autorin und Lektorin. Sie lebt in Wiesbaden, berichtet häufig über ihren Herzensverein Mainz 05 und gehört dem Podcast-Kollektiv "FRÜF" an: Frauen reden über Fußball.

Wie ist die allgemeine Situation in Unterkünften für Wohnungslose?

Viele Unterkünfte haben die Obergrenze von oft 14 Tagen für Übernachtungen am Stück im Moment aufgehoben, was ich begrüße. Wenn immer dieselben Menschen zusammen sind, beschränkt das die Zahl der Kontakte, was aktuell eben wichtig ist. Gut wäre, außerdem die Zahl der Wohnungslosen, die in einem Raum übernachten, zu reduzieren. Da sind wir hier in Gesprächen, und das wäre auch für andere Standorte ratsam.

"In leeren Städten fällt der Spendeneuro weg"

Tafeln und ähnliche Einrichtungen schließen gerade, was die Wohnungslosen hart trifft. Wie kann jede*r von uns da helfen?

Wichtig ist eine Kontaktaufnahme zu regional tätigen Organisationen wie der unseren oder Teestuben sowie Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe, um konkret nachzufragen, welche Unterstützung sinnvoll ist. In den leeren Städten fällt gerade auch der gängige Spendeneuro weg, den Menschen fehlt es also an allem. Mit dem gebotenen Abstand kann aber jede*r von uns mit den Obdachlosen ins Gespräch kommen und sie fragen, was ihnen akut hilft. Soziale Nähe ist und bleibt für uns alle ein entscheidender Faktor.

Wie schaffen wir es, die Solidarität mit obdachlosen Menschen in die Zeit nach der Krise zu retten?

Indem wir menschliche Beziehung, körperliche Nähe, Freiheit, gegenseitige Fürsorge und Selbstbestimmung als zentrale Bedürfnisse in den Mittelpunkt unseres Lebens stellen. Letztendlich geht es um soziale Gerechtigkeit, um gerechte Verteilung von Ressourcen in unserer reichen Gesellschaft. Leider werden sehr wahrscheinlich nach einer solchen Krise wieder Reiche reicher und Arme ärmer. Diesen Mechanismus müssen wir stoppen – und wenn wir das wirklich wollen, können wir es auch schaffen.

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