Telefonseelsorge in der Corona-Krise
Telefonseelsorge in der Corona-Krise
inkje / photocase
Wieder Kontrolle über das Leben bekommen
Es ist wichtig, den Tagen eine Struktur zu geben. Besonders psychisch kranken Menschen fällt das schwer, sagt die Telefonseelsorge.
Tim Wegner
27.03.2020

Mit welchen Sorgen und Ängsten rufen Menschen derzeit bei Ihnen an?

Wir haben 50 Prozent mehr Anrufe als zu normalen Zeiten, und bei der Hälfte der Gespräche ist Corona der Grund des Anrufs. Die Menschen sind fassungslos und traurig, es geht aber auch um ganz konkrete Probleme und Fragen: Habe ich mich infiziert, und was ist mit meinen Angehörigen? Kann ich noch einkaufen, wenn die Ausgangsbegrenzungen verschärft werden, wie komme ich mit der Doppelbelastung Homeoffice und Kinderbetreuung auf Dauer klar? Bei vielen spielt auch Einsamkeit eine große Rolle.

Verstärken die Ausgangsbeschränkungen die Einsamkeit?

Einsamkeit hängt ja nicht davon ab, ob ich alleine in meiner Wohnung bin. Einsam kann ich auch in der Familie sein, wenn ich das Gefühl habe, nicht gehört oder verstanden zu werden.

Frank ErtelPrivat

Frank Ertel

Frank Ertel ist evangelischer Pfarrer und Psychotherapeut. Er leitet seit 1997 die Telefonseelsorge Aachen, seit 2008 ist er Mitglied im Bundesvorstand der Telefonseelsorge.

Wie wirkt sich die momentane Situation auf Menschen mit psychischen Erkrankungen aus?

Die meisten psychisch Erkrankten sind medikamentös gut eingestellt. Sie rufen bei uns an, weil sie jemanden zum Reden brauchen und weil sie Angst haben. Oder denken Sie an die Werkstätten für Behinderte: Die sind alle geschlossen, da bricht die ganze Tagesstruktur weg, die einen wichtigen Halt gibt. Wenn dann noch die Angehörigen genervt sind, rufen sie bei uns an und fragen: Hört wenigstens ihr mir zu? Versteht ihr meine Angst?

So eine feste Tagesstruktur ist eigentlich für jeden Menschen wichtig, oder?

Ja. Manche können sich selbst eine schaffen. Andere haben damit Schwierigkeiten. Bei uns meldet sich zum Beispiel jemand, weil der Kirchenchor nicht mehr stattfindet. Die eigene Stimme im Einklang mit anderen zu hören, kann Glücksgefühle auslösen und emotional eine große Stütze in der Woche sein. Wenn die auf einmal wegbricht, kann einen das aus der Bahn werfen. Das hat auch mit Kontrollverlust zu tun. Viele versuchen gerade verzweifelt, wieder Kontrolle über ihr Leben zu bekommen. Auch für die Unter-30-Jährigen ist das ein Thema. Die melden sich über die Seelsorge-Chats bei uns. Die Anzahl der Chats pro Tag hat sich seit Beginn der Krise verdoppelt.

Wie äußert sich ein Kontrollverlust?

Kontrolle macht sich daran fest, ob ich tatsächlich Kontrolle habe oder ob ich zumindest das Gefühl habe, etwas zu kontrollieren. Ein Beispiel: Ich fahre zu spät zum Flughafen los, rase mit 200 Sachen über die Autobahn und denke: toll, klappt. Dann steige ich ins Flugzeug und habe Angst. Ich habe vorher mein Leben riskiert, aber das fühlte sich nicht so an, weil ich das Steuer in der Hand halte. Im Flugzeug sitzt ein anderer am Steuer, das macht Angst. Der momentane Kontrollverlust besteht darin, dass jeder eine Regel vor die Brust geknallt bekommt und nicht mehr selbst steuern kann. Wenn die Verkäuferin aufpasst, dass jeder nur eine Packung Toilettenpapier nimmt, wird dem Käufer ein Stück Kontrolle weggenommen. Nicht mehr bestimmen zu können, wann ich mit wem wohin gehe, ist auch ein Kontrollverlust. Manche belastet das sehr, andere weniger.

"Es ist wichtig, dass Menschen klagen können"

Was raten Sie?

Erst einmal ist wichtig, dass Menschen klagen können. Die Klage gehört zum Glauben wie die Auferstehung. Zwei Drittel der biblischen Psalmen bestehen aus Klagen. Menschen haben bei der Telefonseelsorge absolut das Recht zu klagen. Darin drückt sich ja auch Vertrauen aus und der Ruf: Hilf mir! Unsere wichtigste Aufgabe ist es, Hoffnung in die Klage zu bringen.

Wie geht das konkret?

Erst mal bestärke ich die Menschen, dass es gut ist, auszusprechen, was einem fehlt. Dann versuche ich, ein positives Gefühl zu vermitteln und frage: Was gibt dir Sicherheit? Menschen haben ja in ihrem Leben nicht nur Negatives erlebt. Wir versuchen, an Kraftquellen anzuknüpfen und für die Situation jetzt nutzbar zu machen.

Wie werden die Menschen nach der Krise damit umgehen, dass sie Angst, Kontrollverlust und Einsamkeit erlebt haben?

Das hängt sehr davon ab, wie ich in meinem bisherigen Leben gelernt habe, mit Krisen umzugehen. Psychisch kranke Menschen werden vermutlich größere Schwierigkeiten haben, das Erlebte positiv zu verarbeiten als Menschen ohne Erkrankungen.

Wird diese Krise die Menschen verändern?

Da wage ich keine Prognose. Ich habe schon viele Menschen in schweren Krisen begleitet, zum Beispiel nach Geiselnahmen, oder wenn sie massenweise Leichen sehen mussten. Viele haben gesagt: Das wird mein Leben total ändern. Das hat sich bei einigen bewahrheitet, bei anderen nicht.

Infobox

Die Telefonseelsorge ist bundesweit zu erreichen unter 0800-1110111 oder 0800-1110222. Weitere Infos unter www.telefonseelsorge.de