Viele alte Menschen verweigern sich der Hilfe. Der Preis dafür ist häufig auch große Einsamkeit. Muss das so sein?
16.01.2014

chrismon-Redakteurin Dorothea Heintze

In der letzten Woche stand mal wieder der Unfallwagen unten vor dem Haus auf der Straße. Das geschieht in der letzten Zeit öfter. In unserem Haus wohnen mehrere sehr alte Menschen, allein. Letzten Sonntag ist unsere ehemalige Hausmeisterin gestürzt. Das ist in letzter Zeit öfter geschehen – den von ihrem Sohn empfohlenen Notrufknopf hatte sie trotzdem abgelehnt, ebenso einen Pflegedienst, der täglich nach ihr geschaut hätte. Nein, das könne sie alles noch gut allein.

Nun lag sie schon mehrere Stunden hilflos in der Wohnung, als meine  Nachbarin und ich die Tür aufschlossen, um zu sehen, was los war: Der Wärmebehälter vom gebrachten Mittagessen stand noch am Spätnachmittag unberührt vor ihrer Wohnungstür. Wir hatten uns Sorgen gemacht. Es war schrecklich, sie dort so liegen zu sehen.

In den eigenen vier Wänden bleiben - das ist das allerwichtigste

Nachdem die Männer im Haus geholfen hatten, die schwer dehydrierte und gebrechliche alte Dame auf der Trage aus dem vierten Stockwerk nach unten zu tragen, sprach ich noch mit unserer anderen Nachbarin: „Hauptsache“, meinte diese, „sie kann bald zurück. Sie will unbedingt ihre Unabhängigkeit erhalten und in ihrer Wohnung  bleiben.“

Mh, Unabhängigkeit? Davon reden fast alle älteren Herrschaften, mit denen ich momentan zu tun habe. Und ich habe, wie so viele andere Mitfünfziger in meinem Freundeskreis, mit vielen alten Menschen zu tun. Die meisten von ihnen sind längst allein, Partner oder Partnerin schon verstorben.  Einige leben in großen Villen mit Riesengärten,  andere in Wohnungen im fünften Stockwerk, wie unsere ehemalige Hausmeisterin. Viele von ihnen könnten sich Hilfe organisieren und sie auch finanzieren, aber die meisten lehnen das ab. Sich von einer fremden Frau den Po abwischen zu lassen? Kommt nicht infrage. Einen Fensterputzer engagieren? Viel zu teuer! Hab ich immer selbst gemacht, also steige ich auch mit 85 noch auf die Leiter….

Der Essensbote, der am nächsten Tag bei mir klingelte, weil ihn oben niemand einließ, erzählte mir ähnliche Geschichten: Von alten Damen und Herren, die bettlägerig seien. Er wisse, wo der Haustürschlüssel liege und bringe ihnen das warme Essen jeden Tags ins Schlafzimmer. Warum? „Die wollen auf gar keinen Fall aus ihrer Wohnung heraus, alles andere ist egal“.

Gibt es nicht auch eine gute "Abhängigkeit"?

Richtig traurig ist das. Diese Einsamkeit, dies Hilflosigkeit, aber auch diese Uneinsichtigkeit der vielen alten Menschen um  mich herum. Was ist so schlimm an dem Wort „abhängig“? Ob nun vom Pflegedienst, von den Kindern, oder auch von anderen alten  Menschen, mit denen man vielleicht in einer Alten-WG zusammenziehen könnte? Warum beharren so viele alte Menschen unbedingt darauf, so lange „unabhängig“ zu sein, bis es zwangsläufig zur Katastrophe kommt?

Ich kann das nicht nachvollziehen. Ich bin ja auch noch nicht so alt und muss mir daher auch immer wieder anhören: „Warts ab, wenn du alt bist. Dann siehst du das alles  anders.“ Das kann sein. Ich hoffe allerdings, dass ich es etwas anders mache. Dass ich mir überlege, wie und wo ich mir Hilfe holen könnte. Dass ich mich zu einem Zeitpunkt in Bewegung setze, zu dem ich noch selbst bestimmen kann wo die Reise hingeht. Vielleicht auch in die „Abhängigkeit“ eines Pflegeheims, dass ich mir dann noch selbst aussuche. Besser als vereinsamt, aber „selbständig“ allein in meiner vertrauten Umgebung zu bleiben, erscheint mir das allemal.

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Wie kann man nur solche beschränkten, uninspirierten Texte drucken ???

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Zitat aus dem Artikel: "Warum beharren so viele alte Menschen unbedingt darauf, so lange "unabhängig" zu sein, bis es zwangsläufig zur Katastrophe kommt? Ich kann das nicht nachvollziehen." Kleine Nachvollzugshilfe: Könnte es sein, dass die zur Verfügung stehenden Hilfen dermaßen unangenehm sind, dass manch eine oder einer lieber darauf verzichtet, wohl wissend, welche Beschwerlichkeiten und Gefahren damit verbunden sind? Ich möchte erinnern an die liebe Verwandtschaft mit ihrer landesüblichen Moral, die Pflegedienste, die ein profitables Geschäft sein müssen und die Heime, die wirtschaftlich effizient den Auftrag zur Altenverwahrung - mit ganz viel Würde, versteht sich - managen müssen. Vielleicht sind Uroma und Opa doch nicht einfach nur bekloppt, sondern haben Gründe für ihren Versuch, in der eigenen Wohnung möglichst lange klar zu kommen. Und wenn einer dann durchaus etwas auf dem Dienstleistungsmarkt nachfragt, nämlich Essen auf Rädern und dabei auch noch pfiffige und gefährliche Randbedingungen meistert wie den hinterlegten Wohnungsschlüssel? Dann gilt auch das nur als Ausweis dafür, dass es bei ihm schon verdächtig rieselt.

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