Im Angesicht des Todes einen Streit über Bord werfen, aufrichtige Zuneigung über Trennendes stellen – das tut gut
19.03.2012

Am Vorabend des Todes meiner Mutter kam ihre Schwester vorbei. Meine Mutter, deren Bewusstsein von Schmerzmitteln etwas getrübt war, tauchte aus ihrem Dämmerschlaf auf, juchz­te fast und nahm meine Tante mit letzten Kräften in den Arm. Am nächsten Morgen starb sie. Die beiden Frauen, einander unfassbar ähnlich auf der einen Seite, hatten andererseits ein ­Leben lang allerlei Zwistigkeiten ausgetragen.

Die Gründe dafür waren jeweils nachvollziehbar. Im Angesicht des Todes aber warfen beide ihre Streitgeschichte über Bord. Meine Tante war schon vorher monatelang an das Krankenbett meiner Mutter geeilt, brachte selbst gemachte Aufmerksamkeiten mit, ermunterte sie zum Essen, betete für meine und mit meiner Mutter. Es war großartig, was sie getan hat – meine Mutter genoss das bisschen, das sie noch genießen konnte, vor allem die Nähe.

Es geht um die Wahrheit

Es ist bewegend, wenn Geschwister oder Eltern und Kinder, wenn gute Freunde sich im Rückblick auf die gemeinsame Geschichte liebe Worte sagen. Manchmal, ganz selten, tun das auch längst geschiedene Eheleute, falls das Schicksal sie noch einmal  auf überraschende Weise zusammenführt. Gut ist es, ein letztes Mal auszudrücken, was der andere einem bedeutet oder bedeutet hat.

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Dabei geht es nicht um rührselige Szenen. Es geht um die Wahrheit: Freundliches zu sagen, Dinge barmherzig zurechtzurücken. Oder das Wagnis auf sich zu nehmen, die Konflikte in Er­innerung zu bringen. Nicht etwa, um sie aufzuwärmen, sondern um sie im Angesicht der Ewigkeit aufzulösen, wenn dafür Zeit und Raum ist. Dem bevorstehenden Tod, der letzten Tatsache eines Lebens, entspricht kein Eideidei, sondern Aufrichtigkeit.

Bruchstücke zusammenfügen

Mit letzten Begegnungen wird deswegen nicht einfach alles gut, Brüche bleiben Brüche. Aber wer Aufrichtigkeit auch am ­Ende eines Lebens behutsam pflegt, nutzt die letzte Gelegenheit, die sich bietet – Bruchstücke so zusammenzufügen, dass wenigstens keine Ruinen im eigenen Leben und dem des anderen stehen bleiben.

Oder, falls das Reden aus welchen Gründen auch immer nicht möglich ist, die Trümmer in der gemeinsamen Biografie mit neuer, ehrlicher Zärtlichkeit zu verbinden. Die Schwierigkeiten zwischen meiner Mutter und ihrer Schwester sind, soweit ich weiß, nicht aufgelöst worden – aber die beiden haben sich beim letzten Adieu in den Arm genommen, haben ihre geschwis­terliche Zuneigung über das Trennende gestellt. Ich bin sicher, dass meine Mutter auch deshalb besser gehen konnte.

Einen letzten Augenblick kann es jederzeit geben

Manchmal frage ich mich, warum Menschen ein Leben lang warten, um erst im Schatten des Todes wieder miteinander zu sprechen, um ehrlich und konstruktiv, manchmal auch nur liebevoll miteinander umzugehen. „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“, heißt es in einem Psalm (Psalm 90). Einen letzten Augenblick – den kann es jederzeit geben, eben nicht nur absehbar nach langer Krankheit.

Ich versuche, wenn immer es geht, Zwistigkeiten möglichst schnell aus dem Weg zu räumen, weil man nie weiß, wann das Leben zu Ende geht. Das ist keine Strapaze, wie man annehmen könnte, sondern eine Lebenshaltung, eine innere Erleichterung, an die man sich gewöhnen kann. Vor allem dann, wenn man schon einmal zu lange gewartet hat mit dem Anruf, dem Brief, dem Besuch, der ein neues Miteinander ermöglicht hätte.

Natürlich: Manchmal ist man zu spät. Dann hilft es, allein oder mit Unterstützung alte Geschichten und Konflikte aufzuarbeiten. Das, was übrig bleibt, kann man immerhin getrost dem lieben Gott anvertrauen.

Liebe Redaktion,

ein wunderbarer und wichtiger Artikel, den ich gerne zur Veröffentlichung nutzen würde. Ich habe in der Arbeit vielfach ähnliche und sehr schwierige Situationen für Versöhnung oder zumindest ein letztes Gespräch erlebt. Das Schlimmste ist es, diesem einfach aus dem Weg zu gehen. Da gibt es dann keine zweite Chance.

Was ist dabei erlaubt?

Gesegnete Ostern

thomas sitte

Im Sinne Borasios (führender Palliativmediziner) schreiben Sie hier. dass das Lebem vom Tode her betrachtet zu schnelleren sinnvollen Entscheidungen führen kann. Schmerz und Ärger auf den Tisch zu bringen und nicht mit sich herum zu schleppen, ist eine wichtige Fähigkeit, die leider vielen abgeht. Wenn aber in einer medialen Öffentlichkeit alle nur noch Teenager sind, dann muss man sich auch nicht wundern, wenn die Allgemeinheit zum Eingeschnapptsein neigt. Ich hoffe, dass der Mensch endlich versteht, dass seine Zeit kurz ist und dass man sie besser füllen kann als mit nachtragenden Gedanken. Wie Sie sagen, es kann jeder Tag der letzte sein, also, worauf warten wir?

Juliane Uhl (conVela-Erinnerungskultur)

Permalink

..noch nicht im Angesicht des Todes, aber um die 75, 76 Jahre , das sind wir alle. Wir? Wir, ehemalige Mitschüler, am Schulort noch oder wieder lebend-, oder für die monatlichen Treffen hinreisend....
Ich kam vorhin vom "Klassentreffen", wir waren 14 Leute, Männlein und Weiblein. (1950 waren wir 56!!!!)
Jetzt reden wir offen miteinander. Das tut so gut.
Das war früher nicht möglich. Konventionen, "Fremdschämen", solche Dinge.....
Es hat heute, da bin ich sicher, allen gutgetan.
Marianne

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..noch nicht im Angesicht des Todes, aber um die 75, 76 Jahre , das sind wir alle. Wir? Wir, ehemalige Mitschüler, am Schulort noch oder wieder lebend-, oder für die monatlichen Treffen hinreisend....
Ich kam vorhin vom "Klassentreffen", wir waren 14 Leute, Männlein und Weiblein. (1950 waren wir 56!!!!)
Jetzt reden wir offen miteinander. Das tut so gut.
Das war früher nicht möglich. Konventionen, "Fremdschämen", solche Dinge.....
Es hat heute, da bin ich sicher, allen gutgetan.
Marianne