Die Radiosendung "Strafzeit" gibt Häftlingen und Angehörigen eine Stimme - und schafft für kurze Zeit die Illusion einer heilen Welt

Leon Rosenbach* hat einen kleinen Spiegel zwischen die Gitterstäbe gesteckt. So kann er seinen Nachbarn sehen, jedenfalls ein Stück von ihm. Ein fremdes Auge und eine halbe Nase, immerhin besser als die graue Wand. 23 Stunden am Tag hockt er hier. Eine Stunde kommt er in den Hof. Rosenbach bereut nichts: nicht die Entführung, für die er bereits gesessen hat, nicht die Erpressung, die er abgebüßt hat, auch nicht den Heroinrausch, für den er jetzt da ist. Er habe seine Gründe gehabt, sagt er. Diesmal hat er 18 Monate in der Justizvollzugsanstalt Nürnberg.

Zwischen den Gitterstäben, knapp über der Mauer, kann er hell erleuchtete Fenster sehen. Irgendwo da draußen sitzt Kerstin, seine Frau. Drei Monate hat er sie nicht gesehen, nur zwei Mal ein Bündel Briefe erhalten, vom Richter gehortet und in spiziert. Vor Wochen ist sie mit einem schlimmen Abszess ins Krankenhaus gekommen. Ob sie überhaupt noch lebt?

"Strrrrafzeit!", schmettert eine Stimme durch den Hof, begleitet vom Rauschen eines Transistorradios. Hinter den Fenstern werden Schatten sichtbar. Nur wenige der rund 1000 Häftlinge können sich so ein Radio leisten, das es in der JVA zu kaufen gibt - es kostet immerhin einen vollen Monatslohn. Doch drei Geräte reichen, um den ganzen Hof zu beschallen. Rosenbach kann jetzt zeigen, was er hat. Es ist 18 Uhr, er platziert sein Radio in der Fensteröffnung und dreht den Lautstärkeregler voll auf: "Das Knastmagazin von drrraußen nach drrrinnen und von drrrinnen nach drrraußen! " Die Frauenstimme, die das "R" so fränkisch rollt, gehört Ruth Spangler. Sie sitzt keine vier Kilometer von Rosenbach entfernt in einer anderen Betonzelle: dem Livestudio des alternativen "Radio Z", das seit 20 Jahren jeden Sonntagabend ein Knastmagazin sendet. Damals hatte sie "irgendwas Soziales machen" wollen. Über ihren Mann, der lange die "Strafzeit" moderiert und sie geprägt hat, kam sie zum Sender.

Aus dem Studio in einem Nürnberger Hinterhaus moderiert Spangler die postalischen, elektronischen und telefonischen Grüße zwischen drinnen und draußen. Zehn Briefe lagen eben noch ausgebreitet vor ihr auf dem Tisch, daneben sieben E-Mails: Auf die langatmigen, handgeschriebenen Botschaften der Häftlinge antworten die Angehörigen oft nur mit elektronischen Dreizeilern. Spangler hat sie vorsortiert und entschieden, was gesendet werden kann und was nicht.

Die rote Lampe leuchtet, Spanglers Kollege Volker Steinmetz greift zu dem fast unleserlichen Gekritzel von Vielschreiber Leon, der vor lauter Sorge um seine Frau kaum zum Punkt kommt. Manche Sätze brechen mittendrin ab, andere schmeicheln kitschig: "Wenn ich an dich denke, kriege ich Herzschmerzen und gleichzeitig Schmetterlinge im Bauch. Ich stehe am Fenster und lasse meine Gedanken zu dir schweben." Zwischendurch ein Lob auf die "coolste Redaktion der Welt". - "Leute, schreibt mal ein bisschen deutlicher", mahnt Steinmetz.

Die "Strafzeit" ist Kult, draußen wie drinnen. "Keine unserer 86 Sendungen bekommt so viel Fanpost wie diese", sagt "Radio Z"-Geschäftsführerin Syl Glawion. Kult ist sie offenbar auch bei den Moderatoren. Während dieser zwei Stunden arbeiten alle ehrenamtlich. Gäste kommen ins Studio, um ihre Grüße durch den Äther zu senden. Neulich hat ein Mädchen seinem inhaftierten Vater etwas auf der Blockflöte vorgespielt.

Früher musste Syl Glawion montagsmorgens die Sendung vom Vorabend im Archiv nachhören. Irgendein Problem gab es immer, als noch Anrufer live durchgestellt wurden. "Ey, du Zinkersau", pöbelte einer mal ins Radio. Er meinte: "Verräter" und stellte namentlich einen Straffälligen vor seinen Mithäftlingen bloß. Ein anderes Mal hatte man einen Studiogast bewusstlos auf der Damentoilette gefunden - mit einer Nadel im Arm. Noch im vergangenen Dezember wankte ein gerade Strafentlassener volltrunken in die Sendung und schimpfte über einen Gefängnisbediensteten. Der Redakteur im Studio hatte versäumt, rechtzeitig die Musik hochzuziehen. Am nächsten Morgen wartete Syl Glawion auf eine Gardinenpredigt des Gefängnisdirektors, der auch schon mal die Bayerische Landesmedienzentrale verständigte - doch das Telefon blieb stumm. Der Sender nicht: Der Redakteur hat inzwischen Sendeverbot.

Heute gelten klare Regeln. Wer betrunken ist oder mit Drogen gedopt, kommt nicht ans Mikrofon. Beschimpfungen und Aussagen über laufende Gerichtsverfahren werden unterbunden. Musikwünsche müssen bis Freitagmittag eingereicht werden, spontan Mitgebrachtes wird nicht berücksichtigt. Die Songs von Rapper Bushido mit seinen frauenfeindlichen und gewaltverherrlichenden Texten werden gar nicht gespielt, ebenso wenig die Musik der latent rechtsradikalen Böhsen Onkelz. Manche Gäste beschweren sich. "Ihr spielt doch auch Hans Söllner", sagen sie dann. Der Liedermacher und bayerische Rebell passt eben besser ins Programm. Man sei "links", sagen die Redakteure. Der Sender mit dem schwarzen Zorro-"Z" soll ein Gegengewicht zum fränkischen Mainstream in der Medienlandschaft sein.

Syl Glawion sitzt auf einer Sofalehne in der mit Flyern tapezierten "Z"-Küche, ein langer blonder Zopf fällt ihr auf die Schulter. Ihre Redakteure wissen: Pannen wie früher gibt es nicht mehr in der Sendung. Eine Rüge der Bayrischen Landesmedienzentrale kann sich "Radio Z" nicht leisten. Auch wenn sich der Sender über die Beiträge seiner 1300 Mitglieder und über verschiedene Stiftungen finanziert.

Die "Strafzeit" scheint mittlerweile ein Unikum in der deutschen Medienlandschaft zu sein. Es gibt kein vergleichbares Format. Das knastinterne Radio der Jugendanstalt Hameln musste 2007 aus finanziellen Gründen aufgeben und das Monatsmagazin "Gitterton" bietet bloß Veranstaltungsberichte rund ums Frauengefängnis Vechta-Hildesheim.

"Niemand von draußen kann sich vorstellen, was so eine Sendung den Jungs hier drinnen bedeutet", sagt Pastoralreferent Andreas Lösslein, der vor zwei Jahren als Seelsorger in die JVA Nürnberg kam. "Die Gefangenen gehen auf dem Zahnfleisch, wenn sie von ihrer Familie nichts hören. Die ganze Woche fiebern sie auf den Sonntagabend hin." Er kennt den Psychostress der Häftlinge, weiß, dass die Sozialhilfeempfänger mit ihren 25 Euro Taschengeld kaum bis zur Monatsmitte durchkommen und während des Hofgangs Zigarettenstummel vom Boden aufheben. Er kennt den Ort, den die Gefangenen die "Irrenanstalt" nennen. Sieht die Grausamkeiten, die sich im Inneren des Vollzugs zutragen. Seit 2008 habe es eine Vergewaltigung, zwei Suizide und einen Suizidversuch gegeben.

In den Briefen der Inhaftierten steht davon nichts. Nicht einmal, als ein Gefangener in seiner Zelle verblutete, weil der diensthabende Arzt mitten in der Nacht nicht kommen wollte, es seien ja Sanitäter vor Ort. In den Medien fand der Skandal viel Beachtung. Dennoch äußerte sich kein Häftling dazu. Beamte zensieren alles, was rausgeht. Außerdem wird sich kein Häftling die Missbilligung des Gefängnispersonals einhandeln, indem er leichtsinnig Knastinterna hinausposaunt.

Richard, auch ein Häftling, gibt sich cool. Er schreibt fast nie. Dafür kommt seine Verlobte Danielle fast jeden Sonntag in die Sendung. Sie klimpert mit Augen und Ohrringen, als wolle sie viel lieber im Fernsehen auftreten. Hastig kritzelt sie Liebesgrüße in einen Spiralblock; sie hat es eilig, wieder zu ihrem Job in einer Spielhalle zurückzukommen. "Hey Mann / hoffe Dir geht's gut." Danielle zerbeißt ihre Sätze wie einen zähen Kaugummi, es klingt fast schon wie Sprechgesang: "Stell Dir vor / Mann / ich habe / einen Modelvertrag bekommen / und fahre / nächste Woche / nach Sizilien. / Wäre schön, / Du könntest mitkommen. / Hey Mann / die Grenzen sind offen. / Ich liebe Dich / noch acht Monate / mach's gut."

Draußen vor dem Studie ist Danielles Aufregung in Ungeduld umgeschlagen. "Eigentlich hab ich gar keine Zeit; ich mach das, weil's für ihn so wichtig ist. Er will halt, dass alle Welt mitbekommt, was für eine tolle Braut da draußen auf ihn wartet." Seit ihr Verlobter im Knast sitzt, schläft ihre Hündin im Bett neben ihr. Einmal kam sie in den Sender und sagte zum Erstaunen der Redakteure: "Ich bin Mama geworden." In Wirklichkeit hatte ihre Hündin Welpen geboren, die nannte sie ihre "Babys".

In der "Strafzeit" hat Danielle die Tage bis zum Wiedersehen mit ihrem Verlobten laut rückwärts gezählt. Doch für Tag null kann sie nichts garantieren.

http://strafzeit.radio-z.net/

*Name geändert

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