Die eigenen Erinnerungen und das kollektive Gedächtnis
Portrait Anne Buhrfeind, chrismon stellvertretende ChefredakteurinLena Uphoff
17.10.2022

Autobiografische Texte sind natürlich immer dann am interessantesten, wenn der Schreiber, die Schreiberin ihr Leben im Zusammenhang bedenken, wenn ich anknüpfen kann an ihre Erfahrungen, lernen aus dem, was sie erlebt und wie sie es verarbeitet haben. Wenn Zeitgeschichte erzählt wird, zusammen mit der persönlichen Geschichte.

Annie Ernaux hat genau dafür den Nobelpreis bekommen. Sie schürft in ihrer Vergangenheit nach Details, die etwas über den Lauf der Welt aussagen. Über das Frankreich ihres Lebens. "Die Jahre" (2017 erstmals auf Deutsch erschienen) sind ein Gesellschaftsmosaik aus kleinsten Teilchen.

Portrait Anne Buhrfeind, chrismon stellvertretende ChefredakteurinLena Uphoff

Anne Buhrfeind

Anne Buhrfeind ist freie Autorin. Bis September 2021 war sie stellvertretende Chefredakteurin bei chrismon.

Ernaux, 1940 geboren, erzählt von Verbraucherkrediten, Parkettpflege und der geringen Bedeutung, die François Mitterrand für die weniger privilegierten Schichten hatte, anfangs. Sie erzählt, wie sie sich über die ersten Partys freute, wie der Algerienkrieg die Menschen belastete oder eben auch nicht, sie fügt Dinge aneinander, die ein anderer Erinnerungsschreiber fein auseinanderhalten würde, aber dieses hier ist ihr Leben, ihr Frankreich, es sind ihre "Jahre" - und doch auch unsere: Atari-Computer, Rinderwahn, Au-pair in England. Sehr lesenswert.

Annie Ernaux: Die Jahre. Suhrkamp Taschenbuch, 18 Euro