chrismon: In Ihrem Memoir erzählen Sie von Ihrem ganzen Leben – immer wieder gab es auch seelische Verletzungen durch Menschen, die Ihnen nahestehen. Ihr Vater musste die DDR verlassen, als Sie zwei Jahre alt waren, und hat in Ihrem Leben gefehlt. Mit zehn Jahren haben Sie ihn in Tansania besucht und sich wahnsinnig auf diese gemeinsame Zeit mit dem abwesenden Vater gefreut. Doch er musste direkt auf eine Dienstreise und war wieder weg. Sie wurden währenddessen krank und wären sogar fast gestorben. Wie geht man mit solchen Verletzungen um, die durch Menschen entstehen, die einem wichtig sind?
Tupoka Ogette: Ich glaube, dass sehr viel Gewalt oder Schmerz durch Menschen passiert, denen du vertraust oder vertrauen willst. Wenn ich an Partnerschaftsgewalt oder Missbrauch denke: Das geschieht ja oft im Kontext von Menschen, die dir nah sind. Das ist natürlich schmerzhaft. Es gab Phasen, in denen ich mich viel abgewertet habe und gedacht habe: Wenn so nahe Menschen es schaffen, mich einfach zu verlassen, dann sagt das etwas über mich und meinen Wert aus. Das habe ich lange mit mir getragen.
Und später? Haben Sie einen anderen Weg gefunden?
Ja. Ich war sehr wütend auf ihn. Und ich habe ihn mit dieser Wut konfrontiert. Das hat gutgetan.
Sie haben mit ihm darüber gesprochen?
Na ja. Ich habe ihm gegenüber davon gesprochen und er hat es sich zumindest angehört und auch um Verzeihung gebeten.
Was haben Sie ihm gesagt?
Ich habe sehr heftig, unter Tränen, meinen Schmerz ausgesprochen. Ich glaube, Schmerz auszusprechen, ist immer wichtig – ob mit der Person selbst, in einem Buch oder in einer Therapie. Den Schmerz benennen und besprechen zu können, raus aus der Scham zu kommen, das ist ein total wichtiger Prozess für mich gewesen. Und auch das Verzeihen.
Verzeihen?
Ja. Denn dabei geht es nicht nur um die andere Person. Zum Beispiel die Person, die mir über fünf Jahre Partnerschaftsgewalt angetan hat, das ist keine Person, mit der ich in einem Raum sitzen möchte. Never ever again. Aber sie ist auch keine Person, die ich hasse. Weil ich gemerkt habe: Dieser Hass, der frisst in mir. Und das will ich nicht. Ich möchte nicht, dass diese Person damit auch weiterhin Macht über mich hat.
Kann man daraus eine Regel machen? Ist es besser, zu vergeben?
Ich will keinesfalls sagen: Man muss immer vergeben oder so. Das meine ich gar nicht. Aber für mich, für mein Seelenheil, um das loszulassen, ist das ein sehr wichtiger Prozess gewesen. Damit sage ich übrigens nicht: Das, was damals war, wäre okay gewesen. Gar nicht!
Wie sind Sie zu diesem Punkt gekommen?
Das war sehr schwer. Ich denke mir schon manchmal, da laufen wahrscheinlich noch Menschen durch die Welt, die denken gar nicht mehr an das, was sie mir einmal angetan haben. Ich aber werde bis an mein Lebensende damit zu tun haben. Aber die Frage ist für mich immer gewesen: Will ich deswegen verbittern? Oder will ich mich lieber um mein Leben kümmern, um meine Kinder und um meine Liebe? Deswegen lass ich das bei denen und mache mich frei von diesem Hass.




