Kino
Odysseus ein Christ?
War Odysseus der erste Christ? Die epochale Verfilmung der "Odyssee" von Christopher Nolan bringt einen dazu, darüber zumindest nachzudenken
Filmszene aus Odysseus
Matt Damon ist Odysseus - hier in einer Szene mit der Göttin Athene, gespielt von Zendaya.
Cinema Publishers Collecti / IMAGO
(Berlin) 11.02.16; Dr. Johann Hinrich Claussen, Portraet, Portrait; Kulturbeauftragter des Rates der EKD, Leiter des EKD-Kulturbueros, evangelischer Theologe Foto: Andreas Schoelzel/EKD-Kultur. Nutzung durch und fuer EKD honorarfreiAndreas Schoelzel
21.08.2026
4Min

Über drei Stunden lang fesselt die neue Verfilmung der Odyssee einen im Kinosessel. Gebannt und verstört verfolgt man das komplexe Epos über den blutigen Sieg der Griechen über Troja und die anschließende endlose Irrfahrt des Mannes, den man einen "Helden" nicht nennen mag.

Odysseus' berühmteste List hatte den Griechen zwar am Ende den Sieg gebracht, doch zu welchem Preis und mit welchen Folgen? Mit diesem Pferd aus Holz, in dem er sich mit anderen Kriegern versteckt hatte, hat er gegen die Grundregeln hergebrachter Frömmigkeit verstoßen. Denn das Pferd war nur zum Schein ein Weihegeschenk für Athene und in Wahrheit eine Entweihung des Glaubens. Was daraus folgte, war nichts als ein abstoßendes, sinnloses Gemetzel. Ein frommer und gerechter Mann, der Achtung vor seinen Göttern, Ehrfurcht vor den Gesetzen des Guten oder zumindest einen Sinn für Ritterlichkeit empfand, war Odysseus also gewiss nicht.

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Oder doch? Christopher Nolan legt Spuren, die ein anderes Verständnis des Königs von Ithaka eröffnen. Da ist zum einen die Gewalt, die sich auf seine Seele, seinen Geist und Körper legt. Wer Matt Damon bei seinem Spiel zuschaut, bekommt eine Ahnung davon, dass es auch eine Traumatisierung der Täter gibt. Rücksichtslos, hemmungslos setzt der "Listenreiche" Gewalt ein, um seine Ziele zu erreichen, Feinde zu besiegen, Beute zu machen, Vorteile zu gewinnen und voranzukommen.

Aber das wirkt auf ihn zurück – all die Feinde, all die Unschuldigen, die er ums Leben und in den Hades gebracht hat – all die Freunde und Kameraden, die er verraten und nicht einmal ordentlich bestattet hat – sie alle verfolgen ihn. Eine Zeit lang kann er sie vergessen, aber nur mit Hilfe von Lotusblüten.

Eine andere Spur ist das "Gesetz des Zeus", das einzige positive Leitmotiv des Films, das die vielfältigen Episoden zusammenbindet. Nach diesem göttlichen Gesetz müssen Menschen fremden Schutzsuchenden Gastfreundschaft gewähren. Sie müssen sie in ihrer Not so behandeln, wie sie selbst in einer ähnlichen Lage behandelt werden wollen.

Einmal wird das "Gesetz des Zeus" im Film so formuliert, dass es mit einem berühmten Ausspruch Jesu von Nazareth zusammenklingt, der in der Bergpredigt nachzulesen ist: "Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten." Jesus hätte wohl gegen diese Nähe zur altgriechischen Religion und Moral nichts einzuwenden gehabt, wenn er von ihr gewusst hätte. Denn er hat seine "goldene Regel" ohne jeden Anspruch auf Originalität formuliert. Schon im Gesetz und bei den Propheten war sie zu finden.

Im Alten Testament kann man es entsprechend nachlesen: "Einen Fremdling sollst du nicht bedrängen; denn ihr wisst um der Fremdlinge Herz, weil ihr auch Fremdlinge in Ägypten gewesen seid." In der Tat, der elementare Grundsatz der Moral ist nichts eigentümlich Christliches, Jüdisches oder Griechisches. Eigentlich weiß es jeder Mensch, dass er mit allen anderen Menschen verbunden ist und nur dann gut leben kann, wenn alle Güte üben und empfangen.

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Was Nolans "Odyssee" so interessant macht, ist die Eindringlichkeit, mit der sie dieses Prinzip vorstellt. Man könnte ja auch Zweifel an ihm vorbringen. Ist das nicht ein bisschen banal? Was du nicht willst, dass man dir tu … Ist das mehr als eine tugendhafte Tautologie für Heranwachsende? Nolan zeigt, dass an der "goldenen Regel" Jesu beziehungsweise dem "Gesetz des Zeus" alles liegt.

Wer anderen Gewalt antut, und zwar in einem Ausmaß, wie man es selbst nicht erdulden könnte, greift das Wohlergehen aller, die eigene seelische Gesundheit und die Grundlagen der Zivilisation an. Wer meint, er könne sich mit der Macht des Stärkeren bedenkenlos durchsetzen, täuscht sich. Am Ende wird er selbst daran zugrunde gehen. Denn diese Regel beziehungsweise dieses Gesetz ist das Prinzip der Menschlichkeit schlechthin.

Das ist eine Einsicht, die sich bei Homer noch nicht findet. In der archaischen Welt der Bronzezeit hatte sie noch keinen Ort. Aber Nolans Verfilmung hat sich die Freiheit genommen, sie in das Epos hineinzulegen. Hartrechte Meinungsmacher in den USA, aber auch in Griechenland haben gegen Nolans "Odyssee" polemisiert. Sie sei eine "woke" Verzeichnung des Helden-Epos. Sie verkennen, dass sich hier eine christliche – aber auch eine jüdische und eine säkular-humanistische – Sinngebung des Sinnlosen zeigt.

Ohne dem Filmgenuss durch übermäßiges Moralisieren Abbruch zu tun, zeigt Nolan, wie ein Mann und mit ihm eine ganze Zivilisation zerbrechen, weil sie den Grundsatz des Guten nicht achten. Zurück zur Preisfrage: Ein Christ ist dieser Odysseus natürlich nicht gewesen, aber weil er auf seiner elendigen Irrfahrt langsam diese Einsicht gewinnt, ist er nah dran.

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Kolumne

Johann Hinrich Claussen

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur