chrismon: Seit zwei Jahren begleiten Sie Ehrenamtliche, die Seegras verpflanzen. Warum machen die das?
Christian Lieberum: Ich war in Ägypten tauchen und habe gesehen, wie viel Müll da liegt. So ein Erlebnis ist für viele der Einstieg. Urlaube in Tauchregionen überall auf der Welt sind echte Augenöffner. Manchmal kommen auch ganze Tauchvereine, die unter Wasser gesehen haben: Wo vor 20 Jahren noch Seegras war, ist es jetzt weg. Denn weltweit ist schon knapp ein Drittel des Seegrases verschwunden. Wir geben den Leuten ein Werkzeug an die Hand, als Bürgerin selbst etwas zu tun.
Christian Lieberum
Was ist so toll am Seegras?
Seegras ist ein Hotspot der Biodiversität: Es dient als Kinderstube und Lebensraum und ist zugleich ein Jagdrevier. Es stabilisiert auch den Strand, weil es die Wellen bremst. Und – gut für die Touristen: Hinter einer Seegraswiese ist das Wasser klar. Seegras ist ein großartiger Filter. Es nimmt Nährstoffe und Driftalgen auf, die bleiben da regelrecht hängen.
Klingt nach einem Zauberkraut . . .
. . . das ist noch lange nicht alles. Wichtig ist auch der Blue Carbon. Blue Carbon bezeichnet Kohlenstoff, der in Meeres- und Küstenökosystemen gespeichert wird. Seegraswiesen sind dabei besonders wichtig, da sie CO₂ aufnehmen und den Kohlenstoff langfristig im Meeresboden speichern. Ähnlich wie Moore an Land. Darüber hinaus findet man in manchen Regionen unter Seegraswiesen alte Torfbestände, die vom Seegras geschützt werden.
Und wenn das Seegras verschwindet?
Dann verschwindet auch der Lebensraum und es wird kein Kohlenstoff mehr gespeichert. Dazu kommt, dass der gespeicherte und geschützte Kohlenstoff in diesen Torfbeständen wieder abgebaut werden kann und so wieder Kohlenstoff freigesetzt wird.
Warum verschwindet das Seegras?
Es verschwindet gar nicht überall, in der Kieler Förde zum Beispiel nimmt es sogar leicht zu, weil die Ostsee heute weniger belastet wird als noch in den 70er Jahren. Heute dürfen weniger Gift und Nährstoffe aus der Landwirtschaft oder Klärwerken eingeleitet werden. Aber an anderen Küsten, zum Beispiel der Flensburger Förde, geht es zurück.
Warum?
Dort werden immer noch zu viele Nährstoffe eingeleitet aus der Landwirtschaft. Dazu kommt die Erwärmung der Meere, die das Wachstum hemmt und schwächt. Extremwetterereignisse nehmen als eine Folge des Klimawandels zu, Hitze zum Beispiel. Stürme reißen das Seegras regelrecht raus. Dazu kommen besonders im Mittelmeer Anker, die Seegraswiesen zerstören.
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Und dann sind da noch die Strandkrabben . . .
Ja, die lieben das frisch angepflanzte Seegras, weil die Wurzeln so nahrhaft sind. Da sieht man den Kreislauf der Natur: Wo es noch intakte Seegraswiesen gibt, leben kleine Dorsche, die wiederum die Krebse fressen. Aber wenn alles aus dem Gleichgewicht gerät, Fischarten überfischt werden, nehmen die Krebse zu, mancherorts zum Leidwesen der Touristen. Das Problem haben wir in Deutschland noch nicht, da hier die Strandkrabben noch nicht in Massen vorkommen.
Wie können Sie überhaupt messen, wie viel Seegras es noch gibt?
Wir haben viele alte Aufzeichnungen. Und wir fahren mit Schleppkameras die Küste ab, wir nutzen Drohnen und Satelliten. Aber ab sieben Meter Tiefe wird es eng und dunkel, dort wächst auch kein Seegras mehr. Drum machen wir Stichproben, die wir dann hochrechnen. Genaue Messungen sind tatsächlich schwer. Aber wir wissen ungefähr, wo das Seegras bedroht oder verschwunden ist.
Und wo es verschwunden ist und die Umweltbedingungen geeignet sind, da fahren sie mit den Freiwilligen hin. Wie läuft das ab?
Die Männer und Frauen lernen nach einer Online-Einführung erst mal, wie man eine gesunde Spenderwiese erkennt . . .
Wie denn?
Man sieht es mit bloßem Auge: Ist sie überwuchert von Algen? Wie viele Sprossen wachsen auf einem Quadratmeter? Es sollten mindestens 350 sein. 1000 sind auch gut. Das muss man zählen. Und die Wiese muss mindestens so groß sein wie ein Fußballfeld. Check.
"Wenn ungefähr 14 Tage kein Sturm kommt, hält das"
Christian Lieberum
Check? Das entscheiden die Ehrenamtlichen? Die sind ja nicht vom Fach.
Wir vom Geomar überprüfen ja die Daten und begleiten die Ehrenamtlichen wissenschaftlich. Aber das kann man wirklich sehen, auch ohne Fachstudium.
Wie geht’s weiter?
Vormittags ist Entnahme: Man gräbt mit einer Schaufel ein Büschel aus, schwimmt zwei Meter weiter, gräbt wieder ein Büschel aus. An Land warten andere Freiwillige, die das Seegras säubern und in eine Kühlwanne legen. Dann wird das Seegras vorbereitet und in 50er-Bündel sortiert. Nachmittags wird ausgepflanzt.
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Wie wird gepflanzt?
Man legt eine Leine mit Quadraten. In jedem Quadrat werden acht Pflanzen eingepflanzt, mit drei Fingern. Wie beim Gärtnern.
Und das hält?
Wenn ungefähr 14 Tage kein Sturm kommt, hält das. Drum pflanzen wir am liebsten im Juni und Juli, da ist die See meistens ruhig. Dann kommen die meistens gut durch den Winter.
Wie viel schafft man bei einem Einsatz?
Es gibt Tage, da schafft die Gruppe 200 Pflanzen, an anderen 6000.
"Wenn man wiederkommt und sieht, dass da eine dichte Wiese gewachsen ist – total super"
Christian Lieberum
Muss ein tolles Gefühl sein . . .
Es ist wie Yoga. Schon das Anpflanzen, diese Stille unter Wasser, man konzentriert sich auf die Atmung und macht immer die gleiche Bewegung, das hat etwas Meditatives. Am Ende schwebt man über die Wiese, die man angepflanzt hat, holt die Leine ein. Das ist der schönste Moment.
Und wenn man regelmäßig über die Jahre wiederkommt und sieht, dass da eine dichte Wiese gewachsen ist – total super. Endlich etwas, das man selbst tun kann für den Naturschutz und gegen den Klimawandel. Und der Wissenschaft hilft es auch.
Wie genau hilft man der Wissenschaft?
Wir könnten das ohne Freiwillige gar nicht stemmen. Klar, wir vom Geomar suchen geeignete Orte, messen Nährstoffe, Salzgehalt, Temperatur, Sauerstoff, Wellen und Strömungen. Wir arbeiten mit Behörden und Ministerien zusammen.
Aber für das Pflanzen brauchen wir die NGOs und die Freiwilligen. Wir können dann erforschen, warum es klappt und warum nicht, und die Renaturierung hochskalieren. Wir haben zwei Wiesen wieder verloren. Dann können wir und unsere Mitarbeitenden von der Uni mit Drohnen und Instrumenten kommen und untersuchen – auch auf genetischer Ebene –, warum es nicht funktioniert hat.
Wer macht mit?
Wir hatten neulich eine Krankenschwester, die direkt aus der Nachtschicht kam. Aber auch viele Büroleute und Studierende. Viele motiviert: Ich kann direkt loslegen und in ein, zwei Jahren sehe ich: Wow, das wird größer!
Wenn ich selbst nicht tauchen kann oder will – was kann ich noch tun?
Erzählen Sie es allen: Es gibt keine weißen, geleckten und frisch geharkten Sandstrände an der Ostsee. Da gehört Seegras hin! Und nein, Seegras ist nicht "dieses stinkende Zeug am Strand". Was stinkt, sind die Algen. Aber auch die Algen sind wichtig. Der Strand ist ein wertvoller Lebensraum, das sollte man allen Menschen erklären.
So wird man Seegrasgärtnerin!
Wer nächsten Sommer bei einer Pflanzaktion mitmachen möchte, braucht eine eigene Tauchausrüstung und mindestens den Open Water Diver und mehr als 25 Tauchgänge. Die ganze Aktion dauert einen bis 14 Tage (abhängig von der NGO), man wohnt mit der Gruppe in Ferienwohnungen und kocht dort zusammen. Diese Kosten werden meist von den NGOs, so beispielsweise bei Sea Shepherd, übernommen.
Seit 2024 verpflichtet das "Restoration Law" alle EU-Länder, bis 2030 Flächen zu renaturieren: an Land und auch im Wasser. Das hilft bei der Finanzierung. Auch das ANK-ZOBLUC-Projekt, in dem sich ein Teil mit der Renaturierung durch NGOs beschäftigt, läuft noch bis 2030.
Allerdings profitieren die meisten NGOs, so auch Sea Shepherd, nicht direkt davon, sondern sind auf Spenden angewiesen.
Mehr Infos unter seegraswiesen.de und sea-shepherd.de.
Auf dieser Seite vom Bundesamt für Naturschutz und auf dieser Projektseite von Wissenschaft im Dialog und dem Museum für Naturkunde Berlin finden Sie weitere, interessante Hintergründe.


