Das Kunstwerk
Der kriminelle Kohlrabi-Apostel
Er kam ins Gefängnis, weil die Polizei ihn nackt auf seiner Terrasse erwischt hatte. Und er war Vegetarier, als es sonst noch niemand war: Der Maler Karl Wilhelm Diefenbach
Gott, der in einer Wolke erscheint, lässt einen Menschen und einen Steinbock in die Luft schweben. Der Mensch hält einen Speer in seiner rechten Hand.
Mit seinem Gemälde "Du sollst nicht töten" setzte der Maler Karl Wilhelm Diefenbach ein Zeichen für den Vegetarismus
Städel Museum, Frankfurt am Main
Pierre Jarawan
24.10.2026

Anklage wegen "groben Unfugs"! So lautete die Anschuldigung, als es 1888 in München zum ersten FKK-Prozess Deutschlands kam. Im Mittelpunkt stand der Maler Karl Wilhelm Diefenbach. Sein Vergehen: Die Polizei hatte ihn nackt auf seiner Terrasse erwischt. Das Urteil brachte ihm sechs Wochen Gefängnis ein, was dem Lied "Verhaftet wegen sexy" der Musiker Bernd Begemann und Olli Schulz erstaunlich nahkommt.

Diefenbach ist einer der skurrilsten Maler der Kunstgeschichte. Schon früh war er in München eine lokale Berühmtheit, denn er hielt sich für einen Propheten und lief herum wie eine Faschingsversion von Jesus: lange Haare, Rauschebart, Kutte. Diefenbach ernährte sich vegetarisch, was damals sehr ungewöhnlich war und ihm den Spitznamen "Kohlrabi-Apostel" einbrachte.

Dazu passt sein Gemälde "Du sollst nicht töten". Der Titel bezieht sich auf das fünfte Gebot, welches das menschliche Leben als schützenswert erklärt. In diesem Fall wird das Gebot vom Künstler allerdings zusätzlich auf das Töten von Tieren ausgeweitet. Typisch für Diefenbach ist die theatralische Darstellung. Wie Gott herangerauscht kommt und sowohl Tier als auch Jäger emporschweben lässt, ist pure Melodramatik. Die neblige, wirkmächtige Ästhetik würde sich gut als Airbrush-Motiv auf einer Motorhaube machen. Alternativ eignet sich das Werk auch als Plattencover für ein Dark-Metal-Album.

Diefenbach stand für den Vegetarismus nicht nur in seiner Kunst ein, sondern ließ auch Taten sprechen. Beispielsweise protestierte er barfuß und in ein mönchsartiges Gewand gehüllt vor dem Münchner Hofbräuhaus gegen Fleischkonsum.

Insgesamt verfolgte Diefenbach eine naturnahe Lebensweise. Er wohnte zeitweise in einem verlassenen Steinbruch, gründete eine Kommune und scharte Jünger um sich. Später ging er nach Ägypten, wo er eine gigantische bewohnbare Sphinx plante.

Lesen Sie hier: Ohne Tiere geht es nicht

Von einem schnöden Durchschnittsleben war Diefenbach auf jeden Fall weit entfernt. Er machte die Kunstrichtung Symbolismus um einen schillernden Charakter reicher. Seine Gemälde waren stets ein bisschen drüber und entsprachen damit wunderbar dieser Stilrichtung.

Der Symbolismus entstand um 1880 und dauerte ungefähr bis 1910. Es ging beim Symbolismus nicht um klassische Symbole wie das Peace-Zeichen oder das Nur-bei-30-Grad-waschen-Symbol, vielmehr interessierte man sich für das Mystische, Rätselhafte, Spirituelle. Die Kunstschaffenden wollten hinter die sichtbare und messbare Welt schauen, überall witterten sie eine tiefere Bedeutung.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde die Welt durch die Wissenschaften zunehmend entzaubert, der Symbolismus brachte die Magie zurück. Diefenbach war ein Meister darin, mysteriöse und geheimnisvolle Stimmungen zu erzeugen. Charakteristisch für seine Werke ist ein sehr diffuses Licht, das aussieht, als hätte man ein paar Weichzeichner zu viel benutzt.

Mit "Du sollst nicht töten" hat Diefenbach ein eindrucksvolles Gemälde für das Tierwohl hinterlassen. Hinzu kommt eine Biografie, die ihresgleichen sucht. Schon zu Diefenbachs Lebzeiten schrieb die Zeitschrift "Bohemia" über eine seiner Ausstellungen: "Das interessanteste Ausstellungsobjekt in diesen Räumen ist ohne Zweifel der ‚Meister‘ selbst." Bei so einem wilden Werdegang habe ich dem wenig hinzuzufügen.

Die Kommentarfunktion ist nur noch für registrierte Nutzer verfügbar. Um einen Leserkommentar schreiben zu können, schließen Sie bitte ein Abo ab, schreiben Sie uns eine Mail an leserpost@chrismon.de oder diskutieren Sie auf Instagram, Facebook und LinkedIn mit.