Heimat
Gibt es nur die eine Heimat?
Teseo La Marca hat in Berlin, Wien und Teheran gelebt, jetzt kehrt er zurück nach Südtirol. Was, wenn es sich dort nicht mehr heimatlich anfühlt?
Der Autor Teseo La Marca in Südtirol auf dem Ritten
Wandern auf dem Ritten in Südtirol: Autor Teseo La Marca
Thomas Fungone
Teseo La MarcaPrivat
20.08.2026
8Min

chrismon: Frau Abdallah-Steinkopff, ich lebe gerade in Berlin, bin Anfang 30. Ich habe vorher an verschiedenen Orten gelebt: Wien, München, Amsterdam, Teheran. Nun habe ich vor, bald nach Südtirol zurückzuziehen, den Ort, wo ich aufgewachsen bin und den ich immer noch meine Heimat nenne. So einen Ort zu haben – ist das ein Privileg?

Barbara Abdallah-Steinkopff: Wenn man den Begriff "Heimat" im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache eingibt, sieht man eine Verlaufskurve. Die zeigt an, wie häufig ein Begriff in der Literatur und in Zeitschriften aufgetreten ist. Heimat wird erst im 18. und 19. Jahrhundert zum Thema, im Zeitalter der Industrialisierung, als die Menschen plötzlich aus ihren Dörfern in die Städte ziehen, wo Fabriken waren. Vorher, als die Menschen noch irgendwo verwurzelt waren, sprach so gut wie niemand von Heimat.

Heimat wurde also erst zum Thema, als man keine mehr hatte?

Heimat war zunächst ein rein rechtlicher Begriff, er bezeichnete ein konkretes Stück Land und die Eintragung im Grundbuch. Erst als es nicht mehr selbstverständlich war, dass man da bleibt, wo man aufgewachsen ist, bekam der Begriff "Heimat" eine romantisierende Dimension. Diese Dimension ist uns bis heute erhalten geblieben, auch im politischen Diskurs. Die Nazis haben den Begriff aufgegriffen, da hatte er zusätzlich einen ausschließenden Gebrauch, weil er eine homogene Bevölkerungsgruppe voraussetzt. Und so nutzen Rechtsextreme wie Björn Höcke den Begriff bis heute.

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