Kunst in Kirchen
Der fromme Atheist Picasso
Picasso und die katholische Kirche: Das waren radikale Gegenpositionen im spanischen Bürgerkrieg. Jetzt zeigt die Kathedrale von Burgos in Spanien Picassos Kunst - und ermöglicht einen ganz neuen Blick auf sein Werk
Kunstwerk "Vanity", Öl auf Leinwand
Picasos Gemälde "Vanidad", gemalt 1946 in Paris, zählt zu den Hauptwerken der Ausstellung in der Kathedrale von Burgos
Marc Domage / FABA Photo
(Berlin) 11.02.16; Dr. Johann Hinrich Claussen, Portraet, Portrait; Kulturbeauftragter des Rates der EKD, Leiter des EKD-Kulturbueros, evangelischer Theologe Foto: Andreas Schoelzel/EKD-Kultur. Nutzung durch und fuer EKD honorarfreiAndreas Schoelzel
12.06.2026
3Min

In Deutschland gibt es eine inzwischen lange Tradition, die man fast für eine Selbstverständlichkeit halten könnte: In vielen evangelischen und katholischen Kirchen werden regelmäßig zeitgenössische Kunstwerke ausgestellt. Manche stammen von berühmten Namen, oft sind es Künstlerinnen und Künstler aus der Region. Immer ist diese besondere Form der Gastfreundschaft ein Gewinn. Für die Kirchen, weil dadurch das moderne, säkulare Leben in ihnen sichtbar wird. Für die Kunst, weil sie dabei eine besondere Aufmerksamkeit und Wertschätzung erhält.

Aber wie ist es in anderen Ländern?

Im vergangenen Herbst waren wir in Spanien. Bei unseren Kirchenbesuchen waren wir beeindruckt von der alten Kunst, die in ihnen zu betrachten ist. Gab es jedoch Bildwerke aus dem 20. Jahrhundert zu sehen, waren wir einigermaßen entgeistert angesichts der geringen formalen und inhaltlichen Qualität. Vor kurzem jedoch erfuhr ich von einer Picasso-Ausstellung in der Kathedrale von Burgos, in Nordspanien. Leider konnte ich sie mir nicht ansehen. Aber ich habe etwas tiefer in die Tasche gegriffen und mir den Katalog bestellt. Nach einigen Wochen kam er an und hat mich beglückt.

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Dieser Katalog ist mit äußerster Sorgfalt und Zuneigung gestaltet. Zu Beginn und am Schluss führen feine Fotos in das Innere der Kathedrale, so dass man einen Eindruck davon gewinnt, in welchen Rahmen die Werke von Pablo Picasso gestellt wurden. Dass es dazu überhaupt kommen konnte, ist keineswegs selbstverständlich, wie mir scheint. Ich bin immer wieder erstaunt und erschreckt, wie massiv der Bürgerkrieg in Spanien noch nachwirkt. Picasso stand damals eindeutig auf der Seite der Republik, die katholische Kirche dagegen auf der Seite Francos.

Doch in Burgos wird der Versuch unternommen, diese Entgegensetzung zu unterlaufen. Dazu zeigte sie unter klug gewählten Themenschwerpunkten wie Mutterschaft, Endlichkeit, Leiden oder Hoffnung Zeichnungen und Gemälde aus verschiedenen Werkphasen des Meisters. So wird sinnfällig, wie tief Picasso von der katholischen Kultur seiner Heimat geprägt war und wie er sich sein Leben lang mit ihr beschäftigt hat. Zudem werfen seine Bilderfindungen ein neues Licht auf klassische theologische Auffassungen.

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Jakob Schwerdtfeger / Aus: PENG im Turm, Friedenskirche Offenbach

Die Texte im Katalog führten diesen Dialog aus – kundig, sensibel und überaus freundlich. Allerdings wunderte ich mich anfangs darüber, dass alles schroff Konflikthafte ausgeblendet ist. Picasso war zwar katholisch geprägt, hatte sich aber dagegen aufgelehnt, mit seiner Kunst traditionelle Bildauffassungen zerbrochen und mit seinem politischen Engagement – als überzeugter Republikaner und zeitweiliger Kommunist – die radikale Gegenposition zum katholischen Establishment bezogen. Davon liest man im Katalog fast nichts.

Ist das eine illegitime Glättung? Oder gar eine nachträgliche Vereinnahmung? Ich las weiter und meine nun zu verstehen, dass dahinter eine gute Absicht steckt: Die alten Konflikte sollen nicht mehr im Wege stehen, wenn es gilt, einen anderen Dialog zu eröffnen. Es ist sozusagen eine Friedensausstellung und eine liebevolle, gewaltfreie und distanzbewusste Heimholung des bedeutendsten Künstlers des Landes, das er allerdings schon früh verlassen hatte. So ist diese Ausstellung in ihrer höflichen Zurückhaltung nicht unpolitisch, sondern anders-politisch.

Sehr schön hat es die Besprechung in "El País" auf den Punkt gebracht: "Man könnte sagen, dass das große Paradoxon Picassos darin besteht, dass er ein frommer Atheist war, der vom Heiligen durchdrungen war. Aber anstatt diesen Widerspruch aufzulösen, verwandelte er ihn in Kunst."

Für die katholische Kirche, so scheint mir, ist diese Ausstellung ein großer Schritt, der ihr hilft, sich zu öffnen und bereichern zu lassen. Für Picassos Werke ist sie eine schöne, keineswegs selbstverständliche Gelegenheit zu glänzen. Für die Besucher und Besucherinnen – oder für Leser wie mich – ist es eine Wiederbegegnung mit einem Künstler, von dem viele vielleicht glaubten, ihn ganz gut zu kennen. Aber mit Picasso ist man nie fertig, und diese Ausstellung bietet Gelegenheit, sich von ihm überraschen zu lassen.

Infobox

Die Ausstellung ist noch bis zum 29. Juni zu sehen. Wer zufällig nach Nordspanien kommt, weiß, was zu tun ist.

Picasso – Raíces Bíblicas, hg. von Paloma Alarcó, Burgos 2026.

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Kolumne

Johann Hinrich Claussen

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur