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Zeitenwende ist ja so ein Modebegriff geworden. Ständig ändern sich alle möglichen Zeiten und alles ist anders. Unsere ganz persönliche, familiäre Zeitenwende begann im Januar. Wir waren im Urlaub in London. Es war kalt und so haben wir uns einen Vormittag in der Battersea Power Station vertrieben.
Das ist ein ehemaliges Kraftwerk, das zu einem schönen Einkaufszentrum umgebaut wurde. Dort gibt es einen Ping-Pong-Salon, den unsere Söhne natürlich gleich ausprobieren wollten. Man bekommt Tischtennisschläger und Bälle und kann loslegen. Und dann passierte es: Unser ältester Sohn gewann gegen mich. Und zwar nicht, weil ich ihn habe gewinnen lassen, sondern: Obwohl ich wirklich alles gegeben habe.
Zeitenwende. Keine Frage. Denn das hatte es bisher noch nicht gegeben. Egal ob beim Schifahren, Wettrennen oder irgendwelchen anderen spielerischen Auseinandersetzungen: Immer war ich besser. Mir ist schon klar, dass das am Altersunterschied lag und nicht daran, dass ich so begabt bin – nur um das klar zu stellen. Aber genau darin liegt ja auch der eigentliche Punkt. Gewinnen hin oder her. Das ist mir gar nicht wichtig. Es geht darum, was sich hier abzeichnet.
Dieser Sieg im Tischtennis ist ja nur der Anfang. Einer dieser Punkte, die dem Menschen im Laufe des Lebens signalisieren: Das war es, ab jetzt geht es bergab. Es wird nicht lange dauern, da kann ich nirgends mehr mithalten. Ich stelle mir vor, wie ich demnächst meine neuen technischen Geräte zu meinen Kindern trage und mir erklären lasse, wie man mit der neuesten KI richtig redet oder wie man dem Haushaltshilferoboter erfolgreich beibringt, doch bitte auch ab und zu in den Schränken zu putzen.
Dieser allumfassende Abstieg begann wie gesagt schon im Januar und mittlerweile zeigt er sich auch in anderen Bereichen. Wir haben daheim seit neuestem einen kleinen Billardtisch. Es ist eine Art neues Abendritual geworden, noch ein Familienturnier zu spielen. Und ich sage mal so: Sicher habe ich da auch schonmal gewonnen, aber das ist nicht unbedingt die Regel.
Doch diese Kolumne wäre keine chrismon-Kolumne, wenn nicht eine versöhnliche Wendung käme: Nach dem ersten Schmerz über die Niederlage, sickerte mir langsam folgender Gedanke ein: Von den Kindern die eigenen Grenzen aufgezeigt zu bekommen, hat doch auch etwas Gutes. Und noch ein bisschen später dachte ich dann schon: Verlieren ist schön!
Kinder zu haben und großzuziehen ist eine Freude, und ich habe in meinem Leben keine größere erlebt. Zugleich gilt: Es ist eine riesige Herausforderung, und ich habe in meinem Leben keine größere erlebt. Ständig hat man ja das Gefühl, dass man vorangehen muss, dass man Wege bahnen muss, dass man Konflikte schlichten und schweren Dinge das Schwere nehmen muss, ohne es zu leugnen. Denn es ist kein einfacher Weg für ein Kind: Es startet ganz buchstäblich bei null und kommt im Optimalfall irgendwann bei hundert an. Dass das gelingt, dafür sind die ersten Jahre ganz entscheidend.
Das soll heißen: Dass unser Sohn nun schon so weit ist, dass er gegen mich im Tischtennis und Billard gewinnt, das hat natürlich vor allem damit zu tun, dass er schon richtig gut in diesen Sportarten geworden ist. Nur hat das eben auch damit zu tun, dass unsere elterlichen Anstrengungen sich auszahlen. Es ist ein Vorgeschmack auf später, wenn ich mich hoffentlich in meinem Lehnstuhl zurücklehne und zuschauen kann, wie die Kinder ihre Erfolge erringen. Gegen die eigenen Kinder zu verlieren, heißt doch eigentlich auch gewinnen, oder?









