Autor Michael Nast attestiert seiner Generation das Phänomen des sogenannten Dating-Burn-outs
Steffen Jänicke
Dating
Kann man Liebe lernen?
Warum sich Dates plötzlich leer anfühlen: Autor Michael Nast über Dating-Burn-out, Bindungsangst und eine Gesellschaft, die Liebe wie ein Produkt behandelt – und damit oft scheitert
09.05.2026
6Min

chrismon: Ihr neues Buch heißt "Generation Dating Burnout". Das ist ja ein Begriff, den man aus der Arbeitswelt kennt. "Ausgebrannt sein", das ist für mich ganz weit vom Dating entfernt. Wieso haben Sie diesen Begriff gewählt?

Michael Nast: Das Phänomen, das ich beschreibe, habe ich selbst gespürt. Es war weniger ein Erschöpfungsgefühl. Vielmehr habe ich gemerkt, dass ich gar keine Erwartungen mehr an ein Happy End beim Dating hatte. Dadurch ist der eigentliche Sinn verloren gegangen. Ich hatte schon schöne Dates, aber danach keinen Impuls, mich zu melden. Das ist mehrfach passiert. Dann habe ich angefangen zu recherchieren und gemerkt: Es gibt einen Begriff dafür: Dating-Burn-out. Allerdings wird der meist aufs Onlinedating bezogen. Ich glaube aber, das Internet ist nur eine Verdichtung dessen, was ohnehin passiert. Es macht Entwicklungen sichtbarer.

Steffen Jänicke

Michael Nast

Michael Nast, 1975 in Ostberlin geboren, arbeitet seit 2014 als Schriftsteller und Autor. Er hat bisher acht Bücher veröffentlicht. Sein drittes Buch "Generation Beziehungsunfähig" hielt sich neun Monate in der Spiegel-Bestsellerliste und verschaffte ihm internationale Bekanntheit. Sein letztes Buch "Generation Dating Burnout" erschien 2026 bei Piper, 18 Euro. Seine Tourdaten findet man hier.

Also eine Art Spiegel?

Ein ungeschönter Spiegel. Auch Kommentare im Internet zeigen ziemlich gut das Psychogramm unserer Gesellschaft. Da arbeiten sich Menschen an ihren eigenen Verletzungen und Neurosen ab. Im Onlinedating hat sich das Dating-Burn-out also nur früher gezeigt.

Gab es einen konkreten Punkt, an dem Sie gemerkt haben: Da läuft etwas in eine falsche Richtung?

Das war eher eine Reihe von Dates, die sich alle gleich angefühlt haben. Man geht spazieren, trinkt zusammen einen Kaffee oder geht essen. Nach einer Zeit fühlt sich das an wie eine Schablone. Dabei hatte ich auch Dates, die acht Stunden gingen und wir uns gut verstanden. Es fühlte sich nach einer Zeit an wie automatisiert und ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, wo eigentlich das Problem liegt.

Nämlich?

In meinem Fall habe ich eine große Bindungsangst aufgrund von Verletzungen, die in der Vergangenheit passiert sind. Bei mir wirkt sich das so aus, dass man selbst permanent das Gefühl hat, sich die Liebe anderer erarbeiten zu müssen. Besonders anziehend sind dann Personen, mit denen es kompliziert ist. Bei denen es hoch- und runtergeht und man so die ganze Zeit angespornt wird, sich die Liebe wieder zu "erarbeiten". Außerdem hält man permanent die nötige Distanz, um sich vor Verletzung zu schützen.

Hört sich ziemlich anstrengend an …

Es fühlt sich in diesen Momenten aber eher aufregend an. Aber auf Dauer gehen die Beziehungen nie in die Tiefe. Es ist immer das gleiche Muster. Ich habe mir dabei oft eine eigene Liebeslegende gebaut. Mich in die Gefühle reingesteigert, da war ich Romantiker, würde ich sagen. Aber das muss man sich eher wie einen Rausch vorstellen, nach dem man sucht. Dabei bleiben die ehrlichen, authentischen Gefühle oft auf der Strecke.

Und die Enttäuschung darüber wird immer größer?

Ja, und gerade, weil viele solche Enttäuschungen erleben, sinkt insgesamt das Vertrauen, dass Dates in etwas Gutem enden. Dadurch sind viele von Anfang an unverbindlicher, auch aus Angst, verletzt zu werden. Das ist keine gute Basis, um einander kennenzulernen.

"Im Dating sieht man, wie schlecht wir uns generell behandeln"

Michael Nast

Ganz unabhängig von Ihrem Erlebnis beschreiben Sie das Phänomen ja auch als ein gesellschaftliches. Inwiefern?

Ich habe lange gedacht, mein Problem sei nur die Beziehungsebene. Aber eigentlich betrifft es alle Lebensbereiche und gewissermaßen uns alle. Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir als Konsumenten funktionieren sollen. Wir sind darauf konditioniert, das Glück immer im Außen zu suchen, müssen egoistisch denken, uns selbst optimieren, permanent nach Wachstum und Optimierung streben. Das funktioniert im Job, aber in Beziehungen ist es tödlich. Die Liebe selbst ist nicht in der Krise. Die Krise ist, wie wir miteinander umgehen.

Und trotzdem heißt das Buch Dating-Burn-out und nicht Gesellschafts-Burn-out.

Ich würde schon sagen, dass diese Beobachtungen über die Liebe hinausgehen. Aber in den verletzlichsten Momenten, vor allem in der Sehnsucht nach Liebe und Nähe, nehmen wir es am stärksten wahr. Im Dating sieht man, wie schlecht wir uns generell behandeln, könnte man sagen.

Wie sieht es aktuell bei Ihnen aus – sind Sie in einer Partnerschaft?

Nein. Ich bin für andere Menschen eine Zumutung. Um eine gesunde Beziehung zu anderen eingehen zu können, müsste ich erst eine gesunde zu mir selbst kultivieren. Daran arbeite ich. Ich bin aber auch gern Single. Das wird oft als Defizit gesehen, muss es aber überhaupt nicht sein. Man kann auch mit Freunden alt werden und eine richtig schöne Zeit haben. Außerdem: Wer schon sagt, dass Single zu sein etwas Schlechtes ist, der sucht aus den falschen Gründen nach einer Beziehung.

Wieso?

Ich glaube, dass viele gar nicht wissen, wieso sie eine Partnerin oder einen Partner suchen. Meine These ist: Häufig entstehen Beziehungen aus Angst davor, einsam zu sein, nicht dazuzugehören, weil im Freundeskreis schon alle jemanden gefunden haben, und auch, um der Konvention zu entsprechen. Dabei geht es den Menschen eher um den Zustand, "in einer Beziehung zu sein", mehr als um den eigentlichen Menschen.

Und was wäre richtig?

Mir ist es wichtig, dass ich der anderen Person wirklich nahekomme, die Welt durch ihre Augen sehe und man dann entscheidet, ob einem diese gemeinsame Welt gefällt. Dieser Anspruch geht aber oft schon in der Datingphase verloren.

Warum?

Viele Menschen haben eine Liste im Kopf mit Dingen, die der Partner oder die Partnerin erfüllen muss. Je länger man Single ist, desto länger wird die Liste. Dann geht es ganz schnell darum, ob diese Person mit ihren Eigenschaften zum eigenen Leben passt. Und selbst versucht man, sich auch so toll wie möglich darzustellen. Da sind wir auch wieder an einem Punkt, bei dem Dating eher an einen Markt erinnert, auf dem man nach den besten Produkten sucht.

"Es geht darum, von einem 'Ich' in ein 'Wir' zu kommen"

Michael Nast

Und wie kommt man aus diesem Reflex raus?

Wichtig ist dabei, sich immer wieder vor Augen zu führen: Es geht nicht um die Frage: Passt der andere Mensch in mein Leben? Vielmehr sollte man sich daran erinnern, dass es darum geht, etwas Neues zu schaffen. Etwas, das man sich vielleicht noch gar nicht vorstellen kann. Vom Denken aus dem "Ich" ins "Wir" zu kommen. Man sollte sich immer fragen: Bereichert es unser gemeinsames Leben, wenn wir füreinander Verantwortung übernehmen?

Michael Nast: Generation Dating Burnout - Warum die Liebe scheitert, bevor sie beginnt. Piper. 304 Seiten, 18 Euro.

Das hört sich für mich so an, als ob man Liebe auch ein bisschen lernen müsste …

Liebe muss man lernen. Man muss zumindest immer wieder kritisch reflektieren. Ich glaube auch, dass es oft eine große Verwechslung gibt, nämlich im Unterschied von Verliebtheit und Liebe. Verliebtheit ist wie ein Dopaminrausch. Dieser Zustand hat auch viel damit zu tun, welche Wünsche wir in die andere Person hineinprojizieren.

Liebe dagegen ist ruhiger und orientiert sich wirklich am Menschen selbst. Das fühlt sich erst mal langweiliger an, kann aber auch zu einem Gefühl von Heimat werden. Aber weil wir durch unsere Gesellschaft auf schnelle Reize konditioniert sind, jagen wir häufig eher der Verliebtheit hinterher und glauben, wir würden Liebe suchen.

Und Dating-Apps verstärken das?

Extrem. Sie haben kein Interesse daran, dass man eine Beziehung findet. Ansonsten würden sie sich ja selbst abschaffen. Es geht darum, immer neue Optionen zu bekommen. Liebe und Dating werden als etwas begriffen, das permanent durch Stimulation funktioniert – durch den schnellen Kick. So gibt man seine eigene Entscheidung über das Liebesleben an eine App ab.

Was wäre ein Ausweg?

Ganz unabhängig von den Dating-Apps geht es darum, wieder mehr in Begegnungen als in Dates zu denken. Das bedeutet, den Fokus stärker auf den Menschen zu legen und nicht auf das Ziel, das damit einhergeht. Wenn man darauf verzichtet, ein Date als solches zu betiteln, dann sinken vielleicht auch die Erwartungen und damit der Druck.

Einige haben ja trotzdem das Gefühl, immer an "die Falschen" zu geraten. Die sehen die Handlungsmacht gar nicht so sehr bei sich …

Diejenigen sollten sich die Frage stellen: Bin ich wirklich im Reinen mit mir selbst? Oder date ich, um Unzufriedenheiten in mir auszugleichen? Es hört sich komisch an, aber auf gewisse Weise sucht man auch Menschen, die mit den eigenen Störungen harmonieren – so wie bei mir mit meiner Bindungsangst. Da sollte man sich fragen: Trage ich vielleicht auch selbst dazu bei und suche ich mir unbewusst Menschen, mit denen es immer ähnlich läuft? Meist sind es nicht die Beziehungen oder die Menschen, die "kompliziert" sind, sondern unsere mangelnde Fähigkeit, miteinander zu kommunizieren.

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