Toxische Männlichkeit
Erzieht eure Söhne!
Unser Autor dachte, es ist gut, wenn er seine Tochter empowert. Ist es auch - aber es reicht nicht. Das hat ihm der Fall Christian Ulmen/Collien Fernandes gezeigt. Ein Kommentar
Man sieht ein abstraktes Bild eines zweifelnden Mannes
Symbolbild
Pupa Neumann / plainpicture
Tim Wegner
26.03.2026
3Min

Irgendwann in den vergangenen Tagen wischte ich mich durch Instagram, als ich an einer Kachel hängen blieb, auf der stand:

Don’t protect your Daughters – educate your Sons! Beschützt nicht eure Töchter, sondern erzieht eure Söhne!

Ich drückte den Daumen aufs Display, damit der Spruch nicht sofort wieder verschwand. Der Satz hallte in mir nach. Hat er auch etwas mit mir zu tun?

Die Vorwürfe, die Collien Fernandes im "Spiegel" gegen ihren Ex-Mann erhoben hat, hatte ich mitbekommen, aber genauso schnell auch wieder weggewischt. Die Schauspielerin und Moderatorin war jahrelang in gefälschten Videos im Netz zu sehen und wirft ihrem Ex-Partner vor, sie digital vergewaltigt zu haben. Fernandes beschuldigt ihn, ihr auch körperliche und verbale Gewalt angetan zu haben. Furchtbar, natürlich, dachte ich. Promidrama, ich habe damit nichts zu tun. So dachte ich.

Bis ich den Spruch zu den Söhnen fand. Und die Bilder von Demonstrationen sah, auf denen sich Tausende Menschen mit Collien Fernandes solidarisierten. Seitdem habe ich einen Ohrwurm, es ist die Livefassung von "All too well", einem Song von Taylor Swift, in dem das Publikum dann am lautesten ist, wenn Swift die Zeile "Fuck the Patriarchy" singt, weil sie damit so vielen aus der Seele spricht.

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Ich dachte, ich hätte alles richtig gemacht. Wir haben drei Kinder, Sohn, Tochter, Sohn. Bei jedem der drei Kinder teilten wir uns die Elternzeit, ich blieb jeweils sieben Monate zu Hause. Auf Spielplätzen beobachtete ich immer wieder, wie andere Mütter unserer Tochter hinterherkletterten, wenn sie die besonders steile Rutsche nahm oder Bäume hochkletterte. Ich hielt sie nie auf, weil ich wollte, dass sie das macht, was Jungs machen und was man von Jungs erwartet.

Ostern wird sie 13 Jahre alt, meinem Credo bin ich treu geblieben: sie soll sich alles zutrauen. Im Mai möchte ich sie ins Kino einladen, wenn Wiebke Lühmann mit dem Film "Same Sun" nach Frankfurt kommt. Er handelt davon, wie Wiebke als allein reisende Frau mit dem Fahrrad die Westküste Afrikas entlangfährt, bis zum Kap der Guten Hoffnung. Mein Gedanke ist: Wenn sie Geschichten sieht, in denen alles möglich ist für Frauen, ist das bestimmt gut.

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Weil der Fall Collien Fernandes mittlerweile auch bei uns zu Hause ein Thema war, erzählte ich meiner Frau davon. Und hoffte auf ein Lob für die Kinoidee. Aber sie meinte: "Wenn die Kinder lernen sollen, dass für Frauen alles möglich ist, musst du die beiden Jungs auch mit ins Kino nehmen."

Und das stimmt. So gleichberechtigt ich auch zu leben versuche – dieser Gedanke wäre mir nicht gekommen. Wenn ich meine, meine Tochter mit einem Kinobesuch empowern zu können, ist das vielleicht gut gemeint, aber trotzdem patriarchal gedacht. Denn dann bin ich als Vater derjenige, der weiß, was gut für sie ist – und übersehe, dass es überwiegend Männer sein werden, die sich meiner Tochter im Laufe ihres Lebens in den Weg stellen. Habe ich sie darauf vorbereitet? Und wie sensibilisiere ich meine Jungs dafür, die eines Tages Männer sein werden und es besser machen sollen?

Wie kann ich mit meinen Söhnen darüber reden? Was sehen sie da alles im Internet? Wie denken, wie fühlen sie darüber? Kann das nicht die Schule regeln, Stichwort "Medienkompetenz"? Wir haben die Handyregeln auf Google Family doch schon scharf gestellt, reicht das nicht?

Leider nein. Wir werden reden müssen, und das wird viel mehr Zeit in Anspruch nehmen als ein Kinobesuch. Aber dorthin nehme ich sie trotzdem mit. Weil: Es wäre ja wenigstens ein Anfang.

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