Ich erinnere mich noch gut an den Tag, an dem ich Ende 2014 in Berlin ankam. Ein libanesischer Migrant, der bereits in den 1980er-Jahren gekommen war, sagte zu mir: "Ihr habt großes Glück." Zunächst verstand ich nicht, was er meinte. Dann erklärte er: "Als wir ankamen, gab es weder Integrationskurse noch staatlich finanzierte Sprachschulen." Monate später begriff ich die Bedeutung seiner Worte.
Der Integrationskurs war für mich weit mehr als nur ein Sprachunterricht. Er war ein erster Zugang zum Verständnis der Gesellschaft, ihrer Regeln und ihres Alltagsrhythmus. Er vermittelte mir die sprachliche Grundlage, die es mir ermöglichte, in den Arbeitsmarkt einzutreten – und über bloßes Verbleiben hinaus an Teilhabe zu denken. In Deutschland ist Sprache keine Zusatzqualifikation, sondern der Schlüssel zu nahezu allen Türen: vom Beruf über die Steuerpflicht bis hin zur Schule und zur öffentlichen Debatte.
Umso schwerer fällt es, eine Einschränkung des Zugangs zu Integrationskursen mit dem Argument der Haushaltskonsolidierung zu akzeptieren. Wer breiten Gruppen von Asylsuchenden den Zugang zur Sprache verwehrt, verlangsamt ihre Integration faktisch – oder verhindert sie sogar. Wie soll jemand gesellschaftlich teilhaben, wenn ihm das wichtigste Instrument der Verständigung fehlt?
Paradox erscheint zudem, dass diese Entscheidung in einer Zeit fällt, in der sich Hinweise auf unzureichende Sprachkompetenzen selbst bei Bewerberinnen und Bewerbern für öffentliche Positionen mehren. So hat zum Beispiel die Berliner Polizei zunehmend Probleme, geeignete Auszubildende zu finden.
Khalid Al Aboud
Viele scheitern am Sprachtest. Wenn Sprachkompetenz eine zentrale Voraussetzung für den Zugang zum Arbeitsmarkt ist, wie lässt sich dann eine Reduzierung der Investitionen rechtfertigen – gerade angesichts des akuten Fachkräftemangels in zahlreichen Branchen?
Auch das finanzielle Argument greift zu kurz. Die meisten Asylsuchenden sind nicht in der Lage, Sprachkurse eigenständig zu finanzieren. Viele haben ihre Ersparnisse bereits auf dem Weg nach Deutschland aufgebraucht. Fehlt ein strukturierter Zugang zum Spracherwerb, bleibt manchen nur der Weg in die informelle Beschäftigung. Der Staat verliert in diesem Fall doppelt: an gelingender Integration und an Steuereinnahmen.
Allein in Berlin werden in diesem Jahr Tausende Menschen keinen Zugang zu Integrationskursen erhalten, wie lokale Medien berichten. Dabei handelt es sich nicht um eine bloße Zahl, sondern um konkrete Lebenswege, die durch eine administrative Entscheidung geprägt werden.
Die Debatte über Integrationskurse darf daher nicht auf einen Haushaltsposten reduziert werden. Sie berührt die Grundfrage, welche Art von Gesellschaft Deutschland sein will: eine, die Teilhabe durch Sprache ermöglicht – oder eine, die Integration vertagt und sich später über deren Scheitern beklagt.
Wenn das bestehende Kursmodell reformbedürftig ist, dann sollte es verbessert werden. Kürzungen jedoch sind keine Lösung. Investitionen in Sprache sind keine Belastung, sondern eine langfristige Strategie zur Stärkung von Stabilität, Arbeitsmarkt und öffentlichen Finanzen. Sprache ist am Ende keine Sozialleistung – sie ist die unsichtbare Infrastruktur gelingender Integration.
