Die evangelische Kirche hat in den vergangenen Jahren verschiedene Wege ausprobiert, um die Fälle sexualisierter Gewalt, die in ihrem Bereich passiert sind, aufzuarbeiten. Seit 2022 gibt es dafür das Beteiligungsforum Sexualisierte Gewalt in der Evangelischen Kirche in Deutschland und Diakonie. Dieses Forum ist das zentrale Arbeitsgremium der evangelischen Kirche, in dem alle Fragen zu sexualisierter Gewalt von ursprünglich neun Betroffenenvertreter*innen und acht kirchlichen Beauftragten gemeinsam bearbeitet werden. Aktuell sind durch mehrere Rücktritte nur noch fünf Betroffene und durch Aufwuchs durch Vertreter*innen der Diakonie neun kirchliche Beauftragte aktiv. Nancy Janz, Sprecherin der Betroffenen in diesem Gremium, ist nun von ihrem Amt zurückgetreten und scheidet aus dem Gremium aus.
Das Beteiligungsforum (BeFo) wurde 2022 gegründet, Sie haben viel dazu beigetragen, dass es überhaupt zustande kam. Was war Ihre Hoffnung?
Nancy Janz: Ich habe darauf gehofft, dass Betroffene in diesem Forum wirklich mitwirken können und an allen Entscheidungen beteiligt sind.
Hat sich die Hoffnung erfüllt?
Ja. Dass Betroffene gemeinsam mit Beauftragten der Kirche Entscheidungen treffen, finde ich nach wie vor wichtig, und ich bin dankbar, dass ich dieses Prinzip als Pionierin der ersten Stunde mitentwickeln konnte.
Nancy Janz
Und doch ziehen Sie sich jetzt aus dem Beteiligungsforum zurück. Warum?
Das Arbeitspensum ist riesig. 10 bis 20 Stunden pro Woche sind für ein Ehrenamt wirklich viel. Ich habe daneben ja noch eine Vollzeitstelle. Wir haben aber auch viel erreicht: das kirchliche Disziplinarrecht reformiert, unabhängige Aufarbeitungskommissionen auf den Weg gebracht, einheitliche Anerkennungsverfahren und eine Vernetzungsplattform für Betroffene geschaffen. Doch wir scheitern immer wieder bei der Umsetzung. Weil einige der 20 Landeskirchen ausscheren und ihre eigenen Regeln machen – obwohl sie sich eigentlich zum BeFo, zum Beteiligungsforum, bekannt haben.
Sind das immer dieselben Landeskirchen?
Es sind oft die großen Landeskirchen, etwa Niedersachsen und Bayern.
Ein Beispiel?
Wir haben ein einheitliches Verfahren für die Anerkennung des erlittenen Leids entwickelt. Es sollte so niedrigschwellig wie möglich sein. Der Zusammenschluss der niedersächsischen Landeskirchen mit der Bremischen Kirche hat nun entschieden, dass Betroffene erst Anzeige erstatten und ein staatliches Strafverfahren durchlaufen sollen, bevor sie das kirchliche Anerkennungsverfahren für sich nutzen können. Das ist eine sehr große Hürde für Betroffene und das Gegenteil von dem, was wir im BeFo wollten. Es steht zwar in der niedersächsischen Richtlinie, dass es "zumutbar" sein muss. Aber wer entscheidet, wem es zuzumuten ist und wem nicht? Da frage ich mich schon, welche Haltung die leitenden Geistlichen und Juristen in Niedersachsen haben. Stehen die Betroffenen im Mittelpunkt oder die Institution? Geht man nur mit, wenn die Suppe schmeckt und wenn nicht, kocht man sein eigenes Süppchen?
Das Beteiligungsforum wurde von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) eingesetzt. Die EKD ist aber nur eine Art organisatorisches Dach über den 20 Landeskirchen.
Ja, anders als in der katholischen Kirche ist es in der evangelischen Kirche schwierig, Dinge von oben nach unten durchzusetzen.
Die pfälzische Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst forderte kürzlich, dass es einen Kulturwandel in der Kirche bei diesem Thema braucht. Wüst ist im Beteiligungsforum die Sprecherin der kirchlichen Vertreter. Sind Sie sich in der Diagnose einig?
Definitiv. Die Betroffenen und die Beauftragten der Kirche arbeiten im BeFo engagiert, um etwas gemeinsam voranzubringen. Dass es dann in der Umsetzung so schwierig ist, erzeugt auf allen Seiten viel Frust. Wir sprechen seit Jahren über dieselben Fragen, und dennoch gibt es an vielen Stellen kaum spürbaren Fortschritt für betroffene Personen. Das tut weh. Ich habe oft das Gefühl, dass wir auf landeskirchlicher Ebene oder in diakonischen Verbänden als Alibi genutzt werden, weil man dann sagen kann: Es waren ja Betroffene an der Entscheidung beteiligt.
Warum scheren immer wieder Landeskirchen aus? Ist nicht angekommen, wie wichtig das Thema sexualisierte Gewalt ist?
Das Thema ist mittlerweile schon angekommen. Aber trotzdem ist es entscheidend, wie sich die leitenden Personen, also nicht nur die Bischöfe und Bischöfinnen, dazu positionieren. Hat das Thema Priorität oder ist es nur eins unter "ferner liefen"? Mein Eindruck ist, dass es da bei einigen am Willen fehlt, Verantwortung zu übernehmen und Haltung zu zeigen. Es ist eine Führungsaufgabe, den Menschen klarzumachen, dass es sich nicht nur um ein rückwärtsgewandtes Thema handelt, sondern wichtig ist für die Zukunft. Manche wollen auch die Deutungshoheit behalten – nach dem Motto: Wir lassen uns doch nicht von irgend so einem BeFo reinreden.
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Wie kommt das dann bei den Betroffenen an?
Es lässt sich schwer nach außen vermitteln, dass unser Wirkungsbereich begrenzt ist. Aber das BeFo muss auch noch besser werden in der Kommunikation nach außen, Betroffene besser in die Prozesse einbinden und nicht nur über Ergebnisse informieren. Wir müssen verdeutlichen, wie komplex die kirchlichen Strukturen sind, mit unglaublich vielen Gremien, die zustimmen müssen, aber nur wenige Male im Jahr tagen … Das ist ein zermürbender Spagat zwischen den Erwartungen der Menschen, die Schlimmes erlebt haben, und den Strukturen, die sich nur im Schneckentempo verändern.
Hören Sie manchmal von Kirchenseite, dass man es Betroffenen nicht recht machen kann? Wir haben doch schon so viel getan, es muss auch mal Schluss sein?
Natürlich höre ich das. Ich verstehe ja auch menschlich, dass man das schwere, belastende Thema irgendwann abhaken will. Aber ich wünsche mir, dass die Menschen verstehen, dass uns Betroffene dieses Thema nie loslässt und dass es die Kirche immer begleiten wird. Trotz aller Präventionsmaßnahmen wird es immer wieder Fälle von sexualisierter Gewalt geben.
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Bekamen Sie viele Vorwürfe von Betroffenen?
Ich sage immer meine Meinung und gehe nur Kompromisse ein, bei denen ich mich weiter im Spiegel anschauen kann. Und doch haben mir Betroffene von Anfang an pauschal unterstellt, dass ich mich von der Kirche vereinnahmen lasse, weil ich bei der Kirche angestellt bin. Kritik ist wichtig, und sie muss angemessen und respektvoll sein. Aber egal, was ich tue, wie viel das BeFo tut, wir werden von Betroffenen immer infrage gestellt und heftig kritisiert. Das ist nicht mehr tragbar für mich. Ich habe auch die Auseinandersetzungen unter uns Betroffenen unterschätzt.
Woran entzünden die sich?
Es geht oft um die Frage, wer ist legitimiert, zu sprechen? Wer ist kirchennah oder kirchenfern und somit vermeintlich kritischer und unabhängiger? Und dann ist da die Frage: Wer hat mehr gelitten als andere?
Eine Art Leidenshierarchie?
Das gibt es immer wieder und hat mir sehr zugesetzt. Ich wurde als Jugendliche von einem Jugendpastor missbraucht und hatte davor schon eine schreckliche Kindheit. Aber ich finde es furchtbar zu sagen: Ich habe noch viel schlimmer gelitten als du. Es müsste doch eigentlich so sein, dass wir als Betroffene sehen, welch schlimme Folgen der Missbrauch für uns alle hat. Diese Erkenntnis müsste uns eigentlich zusammenschweißen und uns dazu bringen, dass wir gemeinsam alles tun, dass so etwas nicht passiert. Aber das habe ich an vielen Stellen vermisst, auch im BeFo.
Konnte man diese Konflikte unter den Betroffenen nicht lösen? Beim Beteiligungsforum gibt es professionelle Begleitung, Supervision, externe Moderation ...
Wir Betroffenen untereinander konnten es nicht. So klar muss ich das leider feststellen. Und die kirchlichen Beauftragten trauten sich nicht, die Konflikte innerhalb der Betroffenengruppe anzusprechen. Denn dann würde es womöglich von außen heißen: Wie, jetzt übernimmt die Kirche die Deutungsmacht? Also hat niemand die Verantwortung übernommen, die Spannungen blieben und wirkten untergründig leider weiter, es geht ja um hochemotionale Themen. Da wiederholt sich etwas, was wir in allen kirchlichen Prozessen immer wieder vorfinden: dass nicht klar ist, wer die Verantwortung übernimmt. Es gibt auch eine große Angst vonseiten der Kirche, etwas falsch zu machen. Und bevor man etwas falsch macht, macht man lieber nichts.
Sie haben 2024 in einem Text in chrismon beklagt, dass Personen, die ihre schlimmen Erfahrungen melden wollen, oft vor einem Wirrwarr an Strukturen stehen und nicht wissen, wer zuständig ist. Ist das besser geworden?
Da hat sich viel verändert, Mitarbeitende in der Kirche sind heute viel sensibilisierter für das Thema sexualisierte Gewalt. Wer heute einen Fall melden will, hat es definitiv leichter als noch vor ein paar Jahren. Es gibt mittlerweile in allen Landeskirchen Fachstellen und Ansprechpersonen, es werden überall Präventionsmaßnahmen umgesetzt, Schulungen laufen jetzt nach einheitlichem Standard.
Haben Sie ein schlechtes Gewissen Betroffenen gegenüber, wenn Sie sich jetzt zurückziehen?
Nein. Ich hätte mir gewünscht, dass ich noch länger mitarbeiten und Dinge voranbringen kann. Nur: Ich muss auf meine Kräfte achten. Vielleicht braucht das Beteiligungsforum nach vier Jahren neue Energie, neue Gesichter und eine Evaluation. Wir haben ja immer gesagt, das BeFo sei ein lernendes System.
