In der ersten Folge der Serie stellt sich Pia vor. Lesen Sie hier.
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Vier Wochen nach meiner allerletzten Chemo sitze ich wieder in meinem Café des Vertrauens und verfasse diesen Text. Meine Haare und Augenbrauen sprießen wieder. Doch auch wenn ich wieder "normal" aussehe, so fühlt es sich in mir ganz anders an.
Ich frage mich: Was ist passiert? Ich habe das Gefühl, eine Lawine hat mich mitgerissen und ich bin irgendwo gelandet, ohne genau zu wissen, wo.
Brustkrebsdiagnose, zwei Operationen in kurzer Zeit. Im Anschluss direkt 16 Mal Chemotherapie. Komplett aus allen Strukturen rausgenommen. Auf sehr viel Hilfe angewiesen und fremdbestimmt sein. Kaum Freiheiten im Alltag als Berufskranke.
Und jetzt: Stille.
Langsam kehrt etwas Kraft zurück. Und Raum im Kopf.
Pia Pritzel
Krebsfrei bin ich, so viel ist sicher. Ich werde noch eine Bestrahlung bekommen und fünf bis sieben Jahre lang eine Antihormontherapie machen. Alrighty!
Doch ohne die regelmäßigen Krankenhausbesuche fühle ich mich plötzlich wie ein ausgesetzter Hund, der nach Orientierung sucht. Was ist jetzt zu tun?
Die Schwiegereltern sind abgereist und die Haushälterin von der Krankenkasse abbestellt. Mein Partner und ich wuppen nun also unsere kleine Familie wieder ganz eigenständig. Einkaufen. Was essen wir heute? Kind von der Kita abholen und entertainen. Die Wäsche muss noch erledigt werden, und was machen wir am Wochenende?
So lange wurde mir die Care-Arbeit abgenommen, dass ich gar nicht mehr weiß, ob ich das allein kann. Und um ehrlich zu sein, ich weiß auch nicht, ob ich genau an dem Punkt wieder einsteigen möchte, an dem ich ausgestiegen bin. Denn: Wozu ist denn so eine olle Krankheit gut? Um sich neu zu sortieren und zu schauen, was mir guttut. Was fühlt sich stimmig und nicht überlastend an, und was muss neu verteilt werden?
Ja, wow, das schwankt sehr. Nach Abschluss der Chemo war ich sehr stolz auf mich und mir sicher: Wenn ich so was schaffe, schaffe ich alles! Aber so einfach ist das nicht. Zumindest nicht bei mir.
Denn worüber habe ich vor meiner Diagnose Selbstvertrauen bezogen? Über meine Freund*innen, meine Hobbys, meinen Job und meine Familie.
Doch nach acht Monaten als Berufskranke ist ziemlich viel auf der Strecke geblieben. Freund*innen konnte ich während der Chemotherapie kaum treffen, weil ich zu wenig Kraft hatte. Joggen und Chorgesang fielen auch flach. Zwar habe ich während der Chemo gearbeitet. Aber nur wenige Stunden, und meine Aufgaben waren wenig anspruchsvoll und doch gerade machbar für mich.
Meine Familie hat an Lebensfreude eingebüßt, weil vieles nicht planbar beziehungsweise machbar war. Und es schlaucht, ständig im Funktionsmodus zu stecken. So bleiben wir nach der anstrengenden Zeit leer zurück.
Aber was sollen wir uns im Dreck suhlen? Hier wird nach vorne geblickt und die Leere mit neuen, schönen Momenten gefüllt! Langsam finden wieder mehr Treffen mit meinen geliebten Friends statt. Joggen war ich auch schon, und heute möchte ich es zum Chor wagen. Wenn ich die Bestrahlung hinter mich gebracht habe, möchte ich endlich wieder mehr arbeiten.
Zwei Wochen nach der letzten Chemositzung haben meine Familie und ich bereits größere Ausflüge gemacht und Momente erschaffen, die uns an unser altes Leben erinnern und Mut machen. Auch wenn es wohl nie wieder so wird wie früher, blicken wir wieder positiv in die Zukunft. Buchen Urlaub und fangen wieder an zu leben.
Doch Geduld, Geduld, liebe Pia. Es braucht Zeit.
