Es gibt nur gute Geheimnisse, sagt man im Seehaus Leonberg. Doch manchmal brodelt es unter der Oberfläche, der Druck steigt, und bevor alles explodiert, leiten die Mitarbeiter die Energie in geordnete Bahnen. Dann beginnt, was sie hier "Aufdeckrunde" nennen. Die jugendlichen Straftäter kommen zusammen, sollen Fehlverhalten zugeben. Diesmal dauert es vier zähe Stunden, bis die Jungs zurück in ihre Wohngruppen dürfen.
Ein Jugendlicher wird später sagen, er habe ganz oben im Protokoll der Mitarbeiter gelesen: "WG Bauer hält wasserdicht zusammen, wirkt alles abgesprochen." Deshalb, so der Jugendliche, hätten sie den Betreuern "Futter" geliefert. Ja, es stimmt: zu lange am Handy gewesen, ein Regelverstoß hier, einer da. Doch das, was wirklich wehtut – zum Beispiel die Ohrfeigen im Badezimmer –, hätten sie verschwiegen. Im Seehaus Leonberg gibt es auch schlechte Geheimnisse.
Zwei Abende später wird ein Jugendlicher in Handschellen abgeführt.
Das Seehaus Leonberg liegt zehn Kilometer vor Stuttgart, ein ehemaliger herzoglicher Landsitz, umgeben von Wald. Schafe weiden am Teich, Kaninchen hoppeln durchs Gehege. Das rund 200 Meter weite Gelände zieht sich etwa 90 Meter den Hang hinauf, vorbei an Tieren, Trampelpfaden und dem Gemüsegarten. Dort, wo früher Pferde standen, hämmern heute Jugendliche in der Zimmerei und schweißen in der Metallwerkstatt. Neben dem historischen Fachwerkhaus steht ein moderner Neubau mit Holzfassade.
Wegen Körperverletzung, Raub oder versuchtem Totschlag verurteilt, hier wohnen etwa 15 junge Männer. Sie leben in drei Wohngemeinschaften mit Hauseltern und deren Kindern, essen an langen Tischen und schlafen in Zimmern statt in Zellen. Nur eine Leitplanke trennt sie von der Landstraße, dem Weg in die Freiheit.
Privilegien müssen sich die Jugendlichen verdienen. Anfangs dürfen sie sich nicht weiter als eine Armlänge von einem Mitarbeiter entfernen. Wer vom Seehausrat den höchsten Status "Löwe-Plus" erhält, darf sich frei auf dem Gelände bewegen, alleine zum Friseur in die Stadt fahren und eine Stunde pro Woche im Zimmer übers Handy wischen.
Vor dem Abendessen toben zwei Kinder der WG Bauer auf dem Sofa, reißen Bücher aus dem Regal. Niemand schimpft – die Mutter steht ruhig in der Küche und brät Reis mit Ei für sechs jugendliche Straftäter und ihre drei eigenen Kinder. Wenig später steht die Pfanne dampfend auf dem Tisch. Direkt daneben wippt das Baby in einer Liege auf und ab, blickt mit großen Augen auf das, was aussieht wie Chaos und doch irgendwie funktioniert.
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Am nächsten Morgen um kurz vor sechs liegt Stille über dem Hang. Verschlafene Gesichter, steife Körper in Sportklamotten. Nur einer strahlt: Sero*, 17, die schwarzen Locken zu einem Zopf gebunden. Er muss heute nicht joggen, sondern wird wie ein König im Bollerwagen gezogen, zusammen mit Lukas, 18. Ein Abschiedsritual. In wenigen Tagen werden beide entlassen.
"Nicht so schnell!", ruft Hausvater Markus Bauer, 36, als die Kolonne davonsprintet. Früher lief er Marathon, bis er sich beim Fußball die Kniescheibe zertrümmerte. Heute reicht ihm die vier Kilometer lange Morgenrunde. Die Truppe bremst ab, sammelt sich neu. Und weiter, durch Wald und Wiesen und den nebligen Morgen. Die Jungs wechseln sich ab, schieben und ziehen den Bollerwagen.
Nur Johnny*, 19, dünne Beine und aufgepumpter Oberkörper, hält Abstand. Eigentlich hat er seiner WG am Abend zuvor versprochen, sich mehr in die Gemeinschaft einzubringen. Er saß auf dem Balkon und sagte: "Im Knast denkt man nur an sich selbst" - aber hier lerne er, auf andere zu achten. Früher sei er Buddhist gewesen, er glaube immer noch an Karma.
Neun Monate saß Johnny im Knast, die meiste Zeit in Bayern. Dort sei es härter als in jedem anderen Bundesland. Seine Mutter sei extra nach Baden-Württemberg gezogen, damit er sich für das Seehaus bewerben konnte.
Auf dem Rückweg der Joggingrunde wirft einer die Deichsel nach links, ein anderer reißt sie nach rechts. Der Wagen schwankt, touchiert fast ein parkendes Auto. Alle lachen. Kriminell hin oder her, hier sind sie vor allem eines: Jungs.
Ist das alles nur Fassade?
Der Mann hinter dem Seehaus heißt Tobias Merckle, 55. Er ist ein Sohn des Ratiopharm-Gründers Adolf Merckle, einst einer der reichsten Männer Deutschlands, gleich nach den Aldi-Brüdern. Tobias schlug einen anderen Weg ein. Geprägt vom schwäbischen Pietismus – einer Frömmigkeitsbewegung, die Bescheidenheit, Bibeltreue und Barmherzigkeit predigt –, studierte er Sozialpädagogik und engagierte sich in der christlichen Straffälligenhilfe. 2003 begründete er eines der beiden ersten Projekte dieser Art in Deutschland: einen Strafvollzug in freier Form. Ein Gefängnis ohne Gitter, das von einem Verein statt vom Staat verwaltet wird.
Juristisch möglich gewesen wäre das schon seit 1953. Doch ein halbes Jahrhundert wagte es niemand. Denn mehr Freiheiten für Intensivtäter bringen keine Wählerstimmen, höchstens den Zorn besorgter Nachbarn.
Das Seehaus will, was der klassische Knast kaum schafft: Menschen verändern. Mit Vertrauen und Gemeinschaft, mit Respekt und Disziplin. Und mit der Kraft des christlichen Glaubens. Der härteste Gegner dieser Idee: drei kleine, tätowierte Punkte auf den Händen vieler Jungs, im Knast ein Symbol für "nichts hören, nichts sehen, nichts sagen". Ein Ausdruck jener negativen Subkultur, die das Seehaus überwinden will.
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Die Betreuung ist intensiv, der Preis ist hoch: Jeder Jugendliche kostet das Justizministerium täglich 272 Euro, 100 Euro mehr als in einer JVA. Gebäude und Gelände des Seehauses werden durch Spenden und Stiftungen finanziert, auch aus Merckles Vermögen. Alle Mitarbeiter sind gläubige Christen, einige wohnen mit ihren Familien auf dem Gelände.
Doch bei all dem Aufwand bleibt die Frage: Verändert das Seehaus die jungen Männer wirklich – oder ist es nur Fassade? Viele der jungen Täter sind selbst Opfer von Gewalt, von zerbrochenen Familien, von Gleichgültigkeit. Sie haben früh gelernt, sich anzupassen, um zu überleben. Und sie wissen: Wer mitspielt, erhält Freigang und mehr Handyzeit.
"Ich liebe diese Liebe"
Sero
Sero hat Angst. Vor zwei Monaten sagte er es vor versammelter Runde, erzählt eine Mitarbeiterin. Angst vor der Freiheit, vor dem alten Leben, das draußen auf ihn wartet. Bald kehrt er zurück in die Zweizimmerwohnung, die er mit seiner Mutter und zwei Geschwistern teilen wird. Kein Raum für Rückzug. Und durch die Straßen der Heilbronner Vorstadt streifen seine falschen Freunde von früher.
Seit 18 Monaten lebt Sero im Seehaus. Er hat gelernt, über seine Kindheit zu sprechen, und verstanden, wie lange Opfer von Gewalttaten leiden. Aber reicht das, um die alten Muster hinter sich zu lassen?
Im Wohnzimmer der WG Bauer legt Sero die linke Hand auf Davids Hinterkopf und zieht ihn sanft an sich heran. David, fünf Jahre alt, Sohn von Hausvater Markus, sucht in diesen Tagen Seros Nähe. Er setzt sich auf seinen Schoß und ruft laut seinen Namen – als könne er den Abschied so noch eine Weile hinausschieben.
Später drückt sich Sero in eine Ecke des Sofas, das Kissen fest umklammert, und erzählt von seiner eigenen Familie: "Mit jedem von denen will ich gleichzeitig sterben. Aber erst, wenn wir alt sind." Und: "Ich liebe diese Liebe. Das ist so krass einfach."
Diese Liebe hielt Seros Familie zusammen, als sie aus dem syrischen Aleppo vor den Bomben floh und als sie sich in der Türkei drei Jahre mit Nähen und Haareschneiden über Wasser hielt. Und sie hielt sie zusammen auf dem Weg über das Mittelmeer, durch Griechenland, bis nach Deutschland.
Doch als Sero zwölf war, zerbrach er daran. Sein Vater starb vor seinen Augen an einem Herzanfall. Von einem Tag auf den anderen galt er als das neue Familienoberhaupt. Seine kleine Schwester nannte ihn irgendwann "Papa". Selbst das deutsche Jugendamt, erzählt Sero, habe ihm gesagt: Er sei jetzt der Mann im Haus.
Vor dem Seehaus gewarnt
Hinter den Wohnzimmerfenstern der WG Bauer wirft die Sonne ihre ersten Strahlen auf die grüne Wand aus Bäumen. Nach dem Joggen sollen die Jungs lesen. Einer greift zur Biografie des Rappers Xatar, andere vertiefen sich in die Bibel. Im Seehaus Leonberg haben sie die Wahl: Cornelia Funke, Hermann Hesse, Max Frisch. Oder eben: Drei Minuten mit Gott, Street Bible, Biker Bibel. 15 Minuten später piept das Handy von Hausvater Markus, und sofort springen alle auf, albern herum, decken den Tisch. Dann ist es wieder still. Heute spricht Sohn David das Tischgebet.
Neben Anreizen gibt es im Seehaus auch Strafen, nur nennt man sie hier lieber "Konsequenzen": eine Seite schreiben, Küchendienst, Verlust von Privilegien. Später, während der Mittagspause auf der Ladefläche eines Pritschenwagens, erzählt Sero: Im Jugendknast Adelsheim hätten ihn Mitgefangene vor dem Seehaus gewarnt. "Mach das niemals!", hätten sie gesagt. "Dort musst du 24/7 wie ein Soldat arbeiten, wirst runtergemacht, musst Kollegen verpfeifen und um fünf Uhr aufstehen."
So schlimm? Lukas sitzt neben Sero, beißt in seine Banane und zuckt mit den Schultern: "Die beschreiben an sich einfach den Alltag. Das stimmt schon."
Lukas, mit hellen Haaren, schiefer Nase und wachen Augen, wäre gerne breiter. Fragt man im Seehaus nach ihm, sagen alle: ein schlauer Junge.
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Er selbst sagt, er komme aus einem guten Elternhaus. Doch schon in der fünften Klasse habe er für ältere Jungs Gras vertickt. Dann verkauften er und zwei Freunde ihre Playstations – das Startkapital für die ersten eigenen 25 Gramm. Später sollen sie bis zu neun Kilo Cannabis auf einmal besorgt haben. "Wir haben das Maximum erreicht, was es in unserem Alter zu erreichen gab", sagt Lukas.
Er erzählt seine Geschichte ruhig, konzentriert, sogar mit Spannungsbogen. Und mit einem Hauch Stolz in der Stimme. Das kleine Kreuz an seiner Silberkette bleibt dabei unter dem T-Shirt verborgen.
Mit dem Dealen kamen die Schlägereien. Erst nur mit Fäusten, später mit Messern. Dann Einbrüche: Wohnhäuser, Tankstellen, Supermärkte. Und schließlich: die JVA Adelsheim.
Müde, angespannt, besorgt
Am Abend wird das reguläre Programm ausgesetzt, weil die Jungs zur Aufdeckrunde müssen. Kurz bevor es losgeht sagt eine Mitarbeiterin hinter dem Geräteschuppen: Es gab Ärger. Die Betreuer wollen herausfinden, was zwischen den Jugendlichen läuft. So eine Aufdeckrunde komme nur selten vor.
Immer wieder sammeln sich die Mitarbeiter auf dem Kopfsteinpflaster im Hof, beraten sich. Drinnen, im Fachwerkhaus, führen sie Gespräche in wechselnden Konstellationen. Einem Jugendlichen wird alles zu viel. Auf einer Bank im Hof vergräbt er das Gesicht in den Händen. Irgendwann streckt ein anderer Jugendlicher seinen Kopf aus dem Fensterrahmen und brüllt einen Betreuer an. Er muss aufs Klo, doch außerhalb seiner WG darf er sich noch nicht alleine bewegen.
Über Details will nach den vier zähen Stunden niemand sprechen. Die Gesichter: müde, angespannt, besorgt.
"Ich hab mich gefühlt wie eine Leiche"
Sero
Nach dem Tod seines Vaters lernte Sero mit zwölf einen fast zehn Jahre älteren Mann kennen, der gerade aus dem Gefängnis kam. "Ich war verloren – und er hat mich gefeiert", erzählt Sero. Sie tranken Alkohol, sie klauten Alkohol. Irgendwann fanden sie ein Tütchen mit weißem Pulver. Der Mann habe gesagt: "Komm, wir ziehen einfach." Natürlich hat Sero mitgemacht und sofort gespürt: "Das ist genau das, was ich brauche." Koks.
Dann kamen der Tankstellenraub und die Prügeleien. Sero verkaufte Drogen, machte Schreckschusspistolen scharf, schoss angeblich jemandem ins Bein. Heute sagt er: "Ich hab mich gefühlt wie eine Leiche."
Unter anderem für einen Raub mit einem Messer hätte er bis zu vier Jahre Haft bekommen können, habe seine Anwältin gesagt. Doch weil Sero bereits einen Teil seiner U-Haft im Seehaus verbracht hatte, ließ der Richter ihn dort, statt ihn in die JVA zu schicken.
Hilft das Seehaus zurück in die Gesellschaft?
Immer noch besser als Knast, dachte Sero anfangs, wie fast alle Jugendlichen hier. Viele erzählen, sie hätten nicht geglaubt, dass das Seehaus sie verändern könnte. In Leonberg gibt man ihnen trotzdem eine Chance. Bewerben dürfen sich alle – mit Ausnahme von Sexualstraftätern oder Menschen, die abgeschoben werden sollen. Gründer Tobias Merckle ist überzeugt, dass das Zusammenspiel aus Disziplin, erzwungener Reflexion und menschlicher Nähe irgendwann wirkt.
Merckle würde gern noch härtere Fälle auf dem Gelände haben, auf dem er auch selbst lebt. Doch die Behörden seien oft zögerlich. Zu groß scheint die Angst der politisch Verantwortlichen: Was, wenn ein Mörder entkommt? Ungefähr einmal im Jahr, sagt Merckle, haue ein Jugendlicher ab. Laut Justizministerium sind seit 2020 drei Gefangene aus dem Seehaus geflohen.
Im Seehaus bricht rund jeder Dritte ab oder wird zurück in die JVA geschickt. Von denen, die bleiben, landen nach Angaben des Seehauses ein Viertel innerhalb von drei Jahren nach der Entlassung wieder im Gefängnis – deutlich weniger als bei den Entlassenen aus der JVA Adelsheim, wo es vor ein paar Jahren etwa 40 Prozent waren. Vergleichbar seien die Zahlen aber kaum, betont der Kriminologische Dienst Baden-Württemberg: Die Stichprobe sei klein, und ins Seehaus komme nur, wem die JVA ohnehin eine gute Entwicklung zutraue.
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Für Kriminologen zählt weniger die Rückfallquote als die Frage, ob Gefangene nach der Haft in der Gesellschaft ankommen: Haben sie Familie, Arbeit, Wohnung? Diese Dimensionen sind langfristig schwer zu messen. Doch für den Zeitpunkt direkt nach der Entlassung liefert das Seehaus beeindruckende Zahlen: 99 Prozent der Jugendlichen gehen zur Schule, Ausbildung oder Arbeit, alle haben eine Wohnung, 90 Prozent verlassen das Seehaus mit einem Bildungsabschluss.
Das baden-württembergische Justizministerium ist überzeugt: Der Jugendstrafvollzug in freier Form sei eine wichtige Ergänzung zum klassischen Knast. Studien und Erfahrungswerte würden zeigen, dass Jugendliche im Seehaus ein besseres Sozialverhalten entwickelten. Vor allem die familienähnliche Struktur, die laut einer Sprecherin "nicht vom Sicherheits- und Ordnungsgedanken" geprägt sei, helfe den jungen Männern, Verantwortung zu übernehmen und Beziehungen aufzubauen.
"Die sehen den Neuen, nicht den Alten"
Sero
Bei seinem allerersten Essen im Seehaus, erzählt Sero, biss er ins Brot, alle schauten ihn entgeistert an: Erst beten, dann essen! Oder zumindest schweigen, während die anderen beten. Sero wusste nicht einmal, wer Jesus ist. Er sprach anfangs nicht über seine Probleme, rauchte heimlich, verspottete die Mitarbeiter. Doch wie viele hier hatte er irgendwann diesen einen Moment.
Er hatte sich Briefe schicken lassen, getränkt mit Spice – einer synthetischen Droge, die seit ein paar Jahren in Gefängnissen kursiert. Er rauchte seine Post, doch die roten Augen verrieten ihn. Sero packte seine Sachen und rief seine Mutter an: Er müsse zurück nach Adelsheim. Bevor er ging, wollte er sich der Seehaus-Leiterin Irmela Abrell erklären, um das Kapitel sauber abzuschließen.
Abrell soll gesagt haben: "Okay. Dann gehen wir jetzt hoch und du sagst es vor den Jungs." – "Was soll ich vor den Jungs sagen? Lass mich einfach nach Adelsheim, fertig." – "Nein. Du gehst nicht nach Adelsheim. Wir geben dir noch eine Chance."
Sero sitzt im Wohnzimmer auf dem Sofa, lehnt sich vor und öffnet seine Arme, als er von der Reaktion seiner Hauseltern erzählt. Immer wenn es in den Wochen danach kleinere Vorfälle gab, hätten sie ihn angelächelt. Und er habe gespürt: "Die sehen den Neuen, nicht den Alten."
In Handschellen abgeführt
Eine Woche vor Seros und Lukas' Entlassung liegt angespannte Stille über dem Seehaus. Die Jungs sitzen zwischen schweren Balken im Dachgeschoss und reflektieren über Lukas' Zeit im Seehaus.
Kurz zuvor fuhren mitten in der Abschiedsrunde plötzlich Beamte der JVA aufs Gelände. Ohne Vorwarnung, vor aller Augen, legten sie Johnny Handschellen an und nahmen ihn mit. So erzählen es die Jugendlichen, als sie danach zum Bolzplatz trotten und sich auf die in den Hang gebaute Tribüne aus Naturfels setzen.
Die Mitarbeiter hatten die Reißleine gezogen. Die Rede ist von Mobbing, ein Jugendlicher spricht sogar von körperlicher Gewalt. Getroffen hatten die Demütigungen den vermeintlich Schwächsten, den die Justizbeamten schon im Gefängnis vor den anderen hatten schützen müssen.
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Ein paar Tage zuvor hatte Sero über den Knast gesagt: "Entweder du frisst oder du wirst gefressen." Irgendwo steckt dieses Mantra noch in jedem der Jungs.
Später zieht ein Mitbewohner von Johnny schnell an drei Zigaretten hintereinander und sagt: "Ich hätte jetzt auch in Adelsheim sein müssen." Er habe mitgemacht beim Mobbing, sei mit dem Kopf noch ein bisschen im Knast. Johnny aber war schon fast neun Monate im Seehaus.
Alle anderen sagen: "Ich habe das gar nicht mitbekommen" oder "Ich hatte damit nichts zu tun". Auch Sero behauptet, er habe von nichts gewusst, höchstens mal mitgelacht. Die drei tätowierten Punkte – sie haben sich nicht nur in die Haut eingeschrieben.
"Du kannst nicht jeden Menschen retten"
Lukas
Die Disziplin im Seehaus bewegt sich in Wellen. Wenn es gerade gut läuft, sagt Gründer Merckle, werden auch die Mitarbeiter weicher. Das spüren die Jugendlichen und testen Grenzen. Und das sei in Ordnung: Nur wer Konflikte durchlebe, könne lernen, sie zu bewältigen – so wie Sero. Aber Unterdrückung oder Gewalt? Dafür gebe es im Seehaus keinen Platz, sagt Merckle. Um die Gruppe vor einer Abwärtsspirale zu schützen, hätten die Mitarbeiter bei Johnny zur letzten Konsequenz greifen müssen.
Ein Mitarbeiter sagt: Die Jungs sollten sehen, wie Johnny abgeführt wird. Zur Abschreckung.
Die Leiterin Abrell sagt: Ohne die JVA im Hintergrund funktioniere das Seehaus nicht. Der Strafvollzug in freier Form könnte zwar viel mehr Jugendliche erreichen, aber Gefängnisse nicht vollständig ersetzen.
Doch wie soll die Gesellschaft umgehen mit Jugendlichen wie Johnny, die ihre zweite Chance verstreichen lassen? Und deren zerstörerisches Verhalten sich im Gefängnis vermutlich nur verhärtet?
Abrell hat ihr halbes Leben mit solchen Jugendlichen verbracht. Ihr Mann arbeitet im Seehaus, ihre Tochter auch. Sie reiste nach Neuseeland, um indigene Formen alternativer Justiz kennenzulernen, sie ist jede Woche in der JVA Adelsheim. Und dennoch sagt sie: Sie weiß es nicht. Für einen Moment weicht der Tatendrang aus ihrem Blick. Müdigkeit tritt an seine Stelle.
Lukas wird nach seiner Entlassung sagen: "Du kannst nicht jeden Menschen retten, das geht nicht. Entweder die Leute raffen es irgendwann – oder sie haben halt Pech."
"Er war ein Bruder"
Am Abend nach Johnnys Abtransport in die JVA stehen zwei Jugendliche in der WG-Küche und reiben Tofu. Johnny hatte sich das Gericht aus der vietnamesischen Heimat seiner Familie gewünscht. Widerwillig matscht ein polnischer Jugendlicher, der lieber Piroggen mit Fleisch kochen würde, die weiße Masse zu einem Teig und zieht die Augenbrauen hoch. "Der liebe Johnny wollte Tofu, aber morgen gibts für ihn Linsensuppe." Den Speiseplan der JVA Adelsheim kennen sie hier noch auswendig.
Sero blickt auf die Wand hinter dem Kickertisch. Dort hängen Fotos vom WG-Leben. Auf einem Bild: Johnny, der eine Bratpfanne wie einen Tennisschläger schwingt. Sero sagt leise: "Er war ein Bruder."
"Gott, wir danken dir, dass du sie ins Seehaus geführt hast"
Dann kommt der Tag von Sero Entlassung. Seit dem frühen Morgen prasselt Starkregen auf das Glasdach der WG Bauer. Sero konnte kaum schlafen, er habe geträumt, dass er doch nicht raus darf. Er war früh auf den Beinen und schnitt aus Gurkenscheiben kleine Herzen.
Beim Gottesdienst am Vormittag, in der evangelischen Gemeinde auf der anderen Seite der Landstraße, folgt der erste Abschied. Sero half jeden Sonntag beim Kindergottesdienst, Lukas kümmerte sich um die Technik.
"Gott, wir danken dir, dass du sie ins Seehaus geführt hast. Danken dir für alles, was sie hier mitnehmen konnten. Und wir bitten dich, dass du ihnen helfen wirst, auch wenn es mal schwierig wird, wenn Stürme kommen."
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Danach sitzt Sero im Wohnzimmer. Neben ihm: Hausvater Markus Bauer, das Baby auf dem Schoß, ein Kleinkind vor seinen Füßen. Auf dem Ledersofa liegen Scrabble-Steine verstreut. Sero streicht mit seinen Fingern über das Holz, bis er den passenden Buchstaben. Auf dem Glastisch legt er zuerst: "Sero". Dann, direkt darunter: "Bauer".
Als draußen die Familien der Jungs zum Abschlussfest zusammenkommen, ziehen immer wieder dunkle Wolken über den blauen Himmel. Seehaus-Leiterin Abrell sagt, sie kaufe Sero sein neues Ich ab, aber sicher wisse man es nie. Lukas könne sie immer noch nicht richtig einschätzen. Die Jungs seien extrem anpassungsfähig, anders hätten sie auf der Straße oder in der JVA nicht überlebt.
Auch Abrell selbst ist jetzt "ganz schön durch". Die Rückführung, die Abschiede. Sie verschwindet in dem Fachwerkhaus, in dem einst der Herzog von Württemberg zur Ruhe kam. Morgen um 6.25 Uhr werden dort wieder jugendliche Straftäter mit einem Buch vom Bett zum Sofa schleichen.
Einen Tag nach seiner Entlassung sitzt Lukas mit einer ölverschmierten Hose im Dönerimbiss. Er war heute schon arbeiten, in seiner alten Kfz-Werkstatt. Lukas glaubt nicht, dass die Jungs all die Gespräche und Runden im Seehaus wirklich ernst nehmen würden. "Keiner interessiert sich für irgendwas", sagt er. Die meisten spielten nur mit, um gut dazustehen. Dann nimmt er einen Schluck Cola und beugt sich nach vorn. "Aber wenn du das ein Jahr lang vorspielst, festigt sich das irgendwann trotzdem."
Und vielleicht steckt in diesem Satz das beste Geheimnis vom Seehaus Leonberg.
*Die Namen der jungen Männer wurden von der Redaktion geändert


