Ich wollte ein Samurai sein. Vielleicht waren es die japanischen und chinesischen Filme, die mich als Kind begeisterten und davon träumen ließen, mit Schwert und Bogen auf kunstvolle Art Bösewichte abzumurksen. Mir gefielen die farbenfrohen Rüstungen der Samurai, die Kriegsmasken und natürlich die Schwerter. Am meisten beeindruckte mich der japanische Langbogen. Über zwei Meter lang, das Griffstück im unteren Drittel, so dass der längere Teil des Bogens weit über den Schützen herausragt. Der Umgang mit dem Langbogen gehörte zur Ausbildung der Samurai. Kyudo, der "Weg des Bogens", wird in Japan bis heute als Kampfkunst gelehrt.
Meine Begeisterung für die Samurai ebbte mit dem Älterwerden ab. Als Jugendlicher wollte ich kein Samurai mehr sein, und mir wurde klar, dass ich auch keine Bösewichte töten möchte. Doch als ich vor kurzem in der Zeitung von einem Kyudo-Verein hier in Frankfurt am Main las, zog es mich dorthin. Vielleicht wollte ich wieder ein Samurai sein?
Am Rande der Stadt, zwischen Bahndamm und Wald, liegt das Dojo – ein großes Holzhaus im japanischen Stil; die Schiebetüren geöffnet. Kalter Wind wirbelt dunkles Laub auf, es segelt über die Wiese. Gegenüber stehen die Zielscheiben.
Im Dojo kniet Trainer Andreas Naumann, 53, die Augen geschlossen, langsam atmend, in der linken Hand den gewaltigen Bogen. Naumann trägt den schwarzen Hosenrock Hakama und den weißen Gi, der an einen Judokittel erinnert. Seine rechte Hand wird von einem abgewetzten ockergelben Handschuh geschützt, der Daumen hält die Sehne des Bogens. Naumann steht auf, hebt den Bogen in die Höhe, bis der auf der Sehne liegende Pfeil waagrecht über seinem Kopf schwebt. Dann atmet er aus und senkt den Bogen mit dem Pfeil auf die Höhe seines Mundes. Mit dem Daumen spannt er die Sehne, der Bogen wölbt sich. Naumann wirkt reglos, es vergehen neun Sekunden, dann summt die Bogensehne wie eine Cellosaite. Der Pfeil fliegt über die Wiese. Jeder Schuss folgt einem festen Ablauf aus acht Bewegungen.
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