04.02.2019

Liebe Leserin, lieber Leser,

vergangenes Jahr gewann zum ersten Mal eine Nordirin den Man Booker Prize, den wichtigsten britischen Literaturpreis: Anna Burns erzählt in ihrem Roman "Milkman" aus der Sicht einer namenlosen 18-Jährigen in einer namenlosen Stadt in Nordirland, wie sie die Zeit der "Troubles" erlebt. "Troubles", also "Ärger" oder "Schwierigkeiten", nennen die Nordiren - verharmlosend - die Zeit zwischen 1969 und 1998, in der Tausende Menschen in einem Bürgerkrieg starben oder verletzt wurden.

Britischstämmige Protestanten und irische Katholiken, die zum Teil in getrennten Welten lebten, standen sich jahrelang unversöhnlich gegenüber. Anna Burns schreibt in ihrem Buch:

"Es gab die richtige Butter. Die falsche Butter. Den loyalen Tee. Den Tee der Verräter. Es gab 'unsere Läden' und 'deren Läden'. [...] Auf welche Schule du gegangen bist. Welche Gebete du gesprochen hast. Welche Hymnen du gesungen hast. Wie du das 'H' aussprichst. [...] Egal, was du getan hast oder wohin du gegangen bist, du hast damit ein politisches Statement gesetzt - ob du wolltest oder nicht."

Über 20 Jahre ist es nun her, dass der Konflikt mit dem sogenannten Karfreitagsabkommen befriedet wurde. Ich ging damals noch zur Grundschule. Und trotzdem: Noch heute wollen viele nichts mit "den anderen" zu tun haben, nicht die "falsche" Butter aufs Brot schmieren oder den "falschen" Tee trinken.

Aber nicht alle. Ich war Mitte November für ein paar Tage in der nordirischen Kleinstadt Enniskillen, die 1987 von einem Terroranschlag erschüttert wurde. Dort habe ich Menschen getroffen, die das Gezanke satt haben. Die in Frieden miteinander leben wollen. Zum Beispiel der ehemalige Polizist Michael Skuce oder die befreundeten Pfarrer Kenny Hall (Protestant) und Peter O'Reilly (Katholik). Manchen geht deren Dialog allerdings zu weit.

Und jetzt droht der Brexit alte Wunden wieder aufzureißen. In Derry (oder: Londonderry) explodierte vor zwei Wochen eine Autobombe. Zum Glück wurde niemand verletzt!

In Ruanda kam es vor 25 Jahren zu fürchterlichen Verbrechen, als militante Hutu fast eine Million Tutsi niedermetzelten. Ruanda ist, was Versöhnung angeht, einen Schritt weiter als Nordirland. Die Gesellschaft lebt nicht in zwei Lager getrennt, und viele Verbrechen wurden in den sogenannten Gacaca-Gerichten, kleinen lokalen Dorfprozessen, aufgearbeitet.

Vielleicht können die Nordiren von den Ruandern lernen, wie man wieder miteinander leben kann. Dann überstehen sie auch den Brexit.

Eine friedliche Woche wünscht Ihnen

Michael Güthlein

chrismon-Redaktion

PS: Dominique Bielmeier von der Sächsischen Zeitung übernimmt für drei Wochen den Schreibtisch der stellvertretenden chrismon-Chefredakteurin Anne Buhrfeind. Die zieht für diese Zeit nach Meißen, als Elbland-Reporterin. Auf unserem Ostblog/Westblog tauschen sich die beiden über ihre Erlebnisse aus.