24.07.2023

Liebe Leserinnen und Leser,

ich erspare Ihnen den Scherz, den viele Journalisten und Autorinnen in letzter Zeit gerne nutzen, um ihre Leserschaft zu schockieren: Nein, diese Zeilen hat keine Künstliche Intelligenz geschrieben, sondern ich. In mühevoller Tipperei, kurz vor Feierabend. Aber wird das so bleiben? Der Job-Futuromat, den das Forschungsinstitut IAB der Agentur für Arbeit entwickelt hat, sagt: "Journalist, zu 20 Prozent automatisierbar." Eine der fünf Kerntätigkeiten in diesem Beruf sei – Stand heute – automatisierbar, steht dort.

Heißt das, dass die kontrovers diskutierte 4-Tage-Woche für mich bald Realität wird, weil ein Fünftel meines Jobs von smarten Programmen übernommen wird? Vielleicht. Auf jeden Fall wird KI vieles verändern, gerade in der Berufswelt.

Menschen, die Tätigkeiten nachgehen, die man leicht automatisieren kann, haben als Erstes das Nachsehen. "Reine Kassiererinnen, die vor allem an der Kasse sitzen, wird es wahrscheinlich irgendwann nicht mehr geben", sagt Andrea Nahles, Vorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, im chrismon-Gespräch mit Deutschlands bekanntestem Digitalisierungsexperten Sascha Lobo. Auch wenn sie beschwichtigend hinzufügt: "Nicht alles, was substituierbar ist, wird auch ­substituiert." Lobo ergänzt: "Alle diejenigen, die früher dachten, ihre Kreativität würde sie vor jeder Automatisierung retten, haben ihre Fähigkeit nicht mehr ganz so exklusiv." In allen bisherigen Umbrüchen der Arbeitswelt waren die Kreativen und Denker meistens auf der sicheren Seite. Das könnte sich jetzt ändern.

Wir testen in der Redaktion regelmäßig Transkriptions-KIs, also Programme, die aufgezeichnete Interviews mit einem Klick in Text umwandeln, statt dass wir Redakteure uns die Finger wund tippen. Klappt bisher so lala. Bei Dialekt, Fachwörtern und Gestammel überträgt die KI eben den ganzen Sermon ins Word-Dokument, beziehungsweise das, was sie versteht. Aber eine lernende KI wird auch das irgendwann in lesbaren Text umwandeln können. Da bin ich sicher. Ein KI-Gottesdienst auf dem Kirchentag konnte meinen Kollegen Konstantin Sacher hingegen nicht überzeugen.

Noch können wir mitreden, wie KI unser Leben beeinflusst, sagen zum Beispiel Constanze Kurz vom Chaos Computer Club und Ethikratsvorsitzende Alena Buyx. Der Philosoph Thomas Metzinger befürchtet, dass die Entwicklung uns bereits entgleitet.

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in die Woche.

Michael Güthlein

Redakteur