Liebe Leserin, lieber Leser,
ich habe mich jüngst viele Stunden mit einem pädophilen Mann unterhalten, erst am Telefon, dann bei ihm zu Hause. Das kostete mich Überwindung. Aber mit Ehrlichkeit von beiden Seiten ging es. Ich sagte ihm, wann mich schauderte, und er stellte sich meinen zweifelnden Fragen. Er hatte sich nämlich an uns gewandt, weil er erzählen wollte, wie er trotz pädophiler Neigung nicht übergriffig werde gegenüber Kindern.
Dabei sei er lange einer "tückischen Illusion" aufgesessen: Wenn es Liebe ist, dann ist es kein Missbrauch, dachte er. "Ein ganz gefährlicher Satz", sagt er heute. Er ist seiner Mutter und seinem besten Freund dankbar, dass er mit ihnen über seine Neigung sprechen konnte, dass sie ihm zuhörten ohne Ekel, ihm aber auch beharrlich Kontra gaben, bis er für sich klar hatte, dass er seine Neigung niemals ausleben will.
Hätten Sie ihm zugehört, wenn er Ihr Freund gewesen wäre? Gucken Sie sich mal dieses faszinierende kurze Video an (englischsprachig) - da bekommen Sie eine Ahnung davon, dass Zuhören Kinderschutz sein kann.
Allerdings sind nicht mal die Hälfte der verurteilten Kindesmissbraucher pädophil. Auch das habe ich gelernt bei meiner Recherche. Die meisten Täter missbrauchen Kinder, weil sie Macht spüren wollen (was mit Kindern leicht ist) oder weil das Kind als Ersatz dienen soll für eine gerade nicht verfügbare erwachsene Person.
Häufig sind das Täter im Nahfeld. Deswegen finde ich die neue Kampagne gegen Kindesmissbrauch gut. Man sieht ein Kinderzimmer, eingeblendet in das Foto ist der Satz: "Mach niemandem die Tür auf." Weiter unten steht: "Und wenn die Gefahr schon drinnen ist?"
In einer aktuellen Umfrage kam heraus: 90 Prozent der Bevölkerung halten es zwar für wahrscheinlich, dass sexuelle Gewalt vor allem in Familien stattfindet. Aber fast ebenso viele, nämlich 85 Prozent, halten es für ausgeschlossen, dass sexuelle Gewalt in ihrer eigenen Familie passieren könnte oder passiert.
Genauso voreingenommen sind übrigens auch Kinder und Jugendliche. Ich wollte mal mit meinen Nichten über das Thema sprechen, denn man schätzt, dass ein bis zwei Kinder pro Schulklasse von sexueller Gewalt betroffen sind, und man weiß, dass sich betroffene Kinder und Jugendliche erst mal hilfesuchend an Gleichaltrige wenden - dann wäre es ja gut, wenn die wissen, was sie dann tun können. Aber meine Nichten, 17 und 11 Jahre alt, riefen empört aus: Nein, bei uns in der Klasse gibt es das nicht!
Ich hab noch versucht, ihnen wenigstens die "Nummer gegen Kummer" für alle Fälle ans Herz zu legen. Das hat sie amüsiert. Bei einer längeren Radtour schimpften sie dann von hinten: "Ich ruf gleich die Nummer gegen Kummer an, das ist hier Kindesmisshandlung." Je nun, immerhin ist der Name hängen geblieben.
Herzliche Grüße
Christine Holch
Chefreporterin

