08.05.2020

Liebe Leserinnen und Leser,

"Papa, was hat Opas Vater eigentlich im Zweiten Weltkrieg gemacht?", wollte mein zehn Jahre alter Sohn kürzlich von mir wissen. An meinen Opa väterlicherseits kann ich mich kaum erinnern, ich war noch sehr klein, als er starb. Ich antwortete, dass er meines Wissens gar nicht im Krieg gewesen sei. Aber ich riet meinem Sohn, doch mal bei Opa nachzufragen.

Das tat er dann auch, das Telefon war laut gestellt, und so hörte ich mit, dass mein Opa sehr wohl im Krieg gewesen war. Aber nur für einige Monate. Er sollte 1939 und 1940 helfen, den sogenannten Westwall an der Grenze zu Frankreich mitzubauen. Dann war er für den Kriegsdienst zu alt und wurde als Landwirt zu Hause gebraucht. Was für ein Glück, denn von 1939 bis 1945 verloren in Europa mehr als 60 Millionen Menschen ihr Leben.

Ich hatte wieder etwas gelernt über eine Zeit, in der mein Vater ein kleiner Junge war. Heute, am 8. Mai, endete vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg in Europa mit der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches. Mein Vater war damals sechs. Bei den schweren Bombenangriffen auf Hamburg 1943 war er gerade fünf Jahre alt, aber er weiß noch, dass der Himmel nachts feuerrot glühte. Sein großer Bruder lag damals, an einem Hirntumor erkrankt, in einem Hamburger Krankenhaus. Was müssen das für Ängste gewesen sein!

Wenn man die lange Geschichte der Menschheit und die kurze Geschichte der Demokratie betrachtet, ist das alles nicht lange her. Wir können heute noch mit Menschen reden, die damals schon lebten. Und das Interesse ist groß. Das sehen wir jede Woche, wenn wir hier in der Redaktion nachsehen, was Sie sich in unserem Internetangebot  besonders oft angesehen haben. Ein Text meiner Kollegin Christine Holch ist immer auf den vorderen Plätzen, dabei hat sie ihn schon vor siebeneinhalb Jahren geschrieben und seither immer wieder aktualisiert. Überschrift: Was machte Großvater in der Nazizeit? Eine Anleitung zur Recherche. Uns zeigt das: Der Schatten der Vergangenheit ist lang. Und das Bedürfnis nach Wissen ist deshalb enorm. Auch bei meinem Sohn.

"Woher komme ich?" – Diese Frage stellte sich auch die US-Amerikanerin Myrian Bergeron. Der Krieg hatte ihr die Spuren ihrer eigenen Herkunft verwischt, vor etwas mehr als einem Jahr begab sie sich auf ihre letzte Reise, um in Deutschland Antworten auf Fragen zu finden, die sie ein Leben lang beschäftigt hatten. Meine Kollegin Claudia Keller durfte sie dabei begleiten und hat die bewegende Geschichte aufgeschrieben.

Auch die Biografien von Autorin Jennifer Teege und Fußballtrainer Heiko Herrlich sind geprägt vom Zweiten Weltkrieg. "Heiko hat nicht viel Zeit", beschied uns der Pressesprecher von Bayer Leverkusen vor zwei Jahren, als mein Kollege Michael Güthlein und ich einen Interviewtermin ergattert hatten. Aber als er Jennifer Teege dann gegenübersaß, zählten für Herrlich, heute Chefcoach beim FC Augsburg, weder Minuten noch Stunden. Teeges Lebensgeschichte fesselte ihn. Warum das so war, lesen Sie hier in unserer Begegnung aus dem Frühsommer 2018.

Heute, am 8. Mai, sind all der Schrecken, all das Leid und die Erleichterung über das Ende der Nazis wieder ganz nah. Wie auch die schmerzhafte Erinnerung an die sechs Millionen Jüdinnen und Juden, die von Hitlers Schergen systematisch ermordet wurden. All das war von Deutschland ausgegangen, wo Hitler in der Weimarer Republik eine parlamentarische Mehrheit hinter sich versammelt hatte, ehe er seine Gegner einsperren konnte.

75 Jahre später gehören die Abgeordneten der größten Oppositionspartei im Bundestag einer Partei an, die es nicht schafft, einen Faschisten auszuschließen. Und die Menschen in "Wir" und "Die anderen" einteilt. Ich finde, das ist unerträglich. Eine Weile sah es so aus, als ob diese Partei in der Corona-Krise untergehen würde. Matthias Quent ist sich nicht sicher, dass die Rechtsextremen nach Corona dauerhaft geschwächt sind. Die wirtschaftlichen Verwerfungen lassen befürchten, dass der Soziologe mit seiner Skepsis recht behalten könnte.

Wie stark die Demokratie in Deutschland 75 Jahre nach der Nazi-Diktatur ist, liegt an uns allen. Ein Gespräch mit denen, die den Krieg und seine Folgen erlebten, kann uns daran erinnern. Am besten heute noch.

Herzliche Grüße,

Ihr Nils Husmann

chrismon-Redakteur