Eine Mutter schaut ihren Sohn an, der neben ihr am Esstisch sitzt.
Bestrafen oder nicht bestrafen - das ist hier die Frage
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Kindererziehung
Soll man sein Kind bestrafen?
Unser Sohn war unehrlich. Wir haben uns für eine Strafe entschieden. Warum wir zweifeln, ob das richtig war und was unabhängig von allem klar sein muss
Lena Uphoff
29.10.2026
4Min

Letztens war einer unserer Söhne unehrlich zu uns. Das hat mich wahnsinnig geärgert, aber ich konnte verstehen, warum er geschummelt hat. Außerdem muss er natürlich manchmal unehrlich sein. Das gehört zum Erwachsenwerden dazu. Er muss ja lernen, wie es ist, wenn man etwas machen möchte, was verboten ist. Nur für uns Eltern ist das keine leichte Situation.

Ich schaue auf ihn und sehe diesen Jungen, den ich liebe, und kann verstehen, warum er gemacht hat, was er gemacht hat. Und dennoch bin ich davon überzeugt, dass ich nun hart zu ihm sein muss. Manche Dinge kann man einfach nicht tolerieren, denn um im Leben später gut seinen Weg gehen zu können, müssen die Kinder lernen, dass manches nicht geht.

Meine Frau und ich haben lange besprochen, wie wir damit umgehen, und uns letztlich für eine Konsequenz entschieden. Wir haben ihm etwas verboten, was er schon lange machen wollte und worauf er sich sehr gefreut hat. Die Begründung war, dass wir ihm dafür vertrauen müssten, dass er dieses Vertrauen aber mit seinem Verhalten infrage gestellt hat. Es war eine klare Strafe für sein unehrliches Verhalten. Eigentlich aber hassen wir beide Strafen.

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Diese Situation kennen wahrscheinlich die meisten Eltern. Bestimmte Handlungen müssen einfach Konsequenzen nach sich ziehen. Davon bin ich jedenfalls überzeugt. Aber diese Konsequenzen machen keine Freude – weder dem Kind, das sie erleiden muss, noch den Eltern. Das hoffe ich zumindest!

Nur welche Konsequenzen sind angemessen? Wir haben Freunde, die ihre Tochter so erzogen haben, dass sie niemals "Nein!" gesagt haben, als das Kind noch ganz klein war. Wenn das Kind beim Essen lieber herumlaufen wollte, wurde immer nur sehr nett darauf hingewiesen, dass es besser wäre, wenn es sitzen würde. Herumlaufen durfte es trotzdem. Wenn es nicht ins Bett gehen wollte, wurde gesagt: "Bitte geh jetzt mal ins Bett." Aber es gab keinen Zwang und auch wenig Druck.

Das war wahnsinnig anstrengend. Für uns, wenn wir dabei waren, aber in meiner Vorstellung erst recht für unsere Freunde und das Kind. Mit dieser Art von antiautoritärer Erziehung kann ich nichts anfangen. Das Überraschende für mich: Die Tochter ist mittlerweile eine coole, wohlgeratene Jugendliche geworden. Vielleicht haben unsere Freunde also recht gehabt und ich liege falsch.

Trotzdem: Irgendwie denke ich, dass es bestimmte Regeln gibt, die man einfach lernen muss. Und wenn man sich nicht daran hält, hat das eben Konsequenzen. Nicht, weil das so lustig wäre, sondern damit man sich beim nächsten Mal anders verhält. Und dass man seinen Eltern gegenüber ehrlich sein soll, ist so eine Regel. Aber ob die Strafe, die wir uns ausgedacht haben, wirklich angemessen war, weiß ich deshalb noch lange nicht.

Als ich so darüber nachgedacht habe, ob unser Verhalten richtig war, musste ich an Martin Luther denken – ja, das ist eine alte Theologenmarotte, dass einem immer Luther einfällt. Auch er hat viel über den Zusammenhang von Tun und Ergehen nachgedacht.

Er war davon überzeugt, dass es göttliche Gebote gibt, die jeder Mensch einzuhalten hatte. Gleichzeitig schaffte er es einfach nicht, sie alle einzuhalten. Deswegen hatte er große Angst vor Gottes Gericht und davor, nach seinem Tod für sein Fehlverhalten bestraft zu werden.

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Luther hat immer wieder über diesen garstigen Zusammenhang zwischen Tun und Ergehen nachgedacht und kam irgendwann zu dem Schluss: Meine Handlungen in der Welt sind zwar sehr wichtig und sie haben auch Einfluss darauf, wie es mir als Mitglied einer Gemeinschaft ergeht, aber sie entscheiden nicht darüber, wie Gott mich sieht. Gottes Liebe muss ich mir nicht durch gutes Verhalten verdienen. Ich darf darauf vertrauen, dass Gott mich liebt und unabhängig von meinen Taten an meiner Seite steht.

Das ist eine der Grundideen der evangelischen Freiheitsvorstellung: Wie wir in dieser Welt handeln, müssen wir vor allem vor dem eigenen Gewissen rechtfertigen können. Größere Gewissheit darüber, dass das eigene Handeln richtig ist, werden wir nicht bekommen, auch wenn es schön wäre, sie zu haben.

Diese Gedanken Luthers haben mir im Leben schon öfter geholfen. Auch bei der Frage dieser Kolumne. Auch wenn wir uns dafür entschieden hätten, weniger strikt zu sein und unseren Sohn nur zu ermahnen, statt die Strafe auszusprechen, wären wir unsicher, ob es letztlich die richtige Entscheidung war.

Andererseits hoffe ich sehr, dass unser Sohn merkt, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem, was er tut, und dem, wer er ist. Dass wir sein Verhalten nicht gutheißen, bedeutet ja nicht, dass wir ihn weniger lieben. Unser Vertrauen muss er sich vielleicht manchmal neu verdienen, aber unserer Liebe kann er sich sicher sein.

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Kolumne

Michael Güthlein
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Konstantin Sacher

Michael Güthlein und Konstantin Sacher sind Väter: zwei (Säugling, 3) und drei Kinder (7, 10, 12). Beide erzählen über ihr Rollenverständnis und ihre Abenteuer zwischen Kinderkrabbeln und Elternabend, zwischen Beikost und Ferienlager. Sie schreiben im Wechsel.