Einschulung
Diese Schultüte ist viel größer als meine damals
Auch 37 Jahre nach dem Mauerfall gibt es Unterschiede in der Alltagskultur zwischen Ost und West. Zum Beispiel bei der Einschulung. Da ist im Osten alles größer: Die Schultüte, die Gästezahl, die Feier
Schwarz/Weiß-Aufnahme in einem Kaufhaus vor einer Kasse. Im Vordergrund stehen zwei kleine Kinder daneben eine Frau. Hinter der Kasse steht ebenfalls eine Frau.
Ein Schultütenstand 1983 im DDR-Warenhaus Konsument.
Christel Köster/picture alliance/SZ Photo
Anke LübbertPR
05.08.2026
3Min

Die Schultüte steht schon, gut versteckt, im Kleiderschrank. Beim Abschiedsfest im Kindergarten vor ein paar Wochen wurde meine jüngste Tochter mit der Schubkarre "rausgefahren". Sie ist jetzt kein Kindergartenkind mehr. Noch ein paar freie Wochen ohne Weckerklingeln und frühes Aufstehen, dann kommt sie in die Schule. Und wie werden wir feiern?

Bei der Einschulung der ältesten Tochter vor einigen Jahren in Greifswald hatte ich mich noch sehr gewundert: dass die Einschulung so ein großes Thema ist; über die vielen Fragen. Wie wir feiern, ob wir schon einen Tisch reserviert hätten, wer alles kommt?

Unsere Nachbarn hatten ein großes Strandfest geplant - ich fand das sehr besonders. Bis ich mitbekam, dass nahezu alle Familien im Umkreis ähnliche Feste planten. Mit Onkeln, Tanten, Cousins und Cousinen. Restaurantbesuchen, kunstvoll angefertigten Torten und festlicher Kleidung. Das ist keine regionale Besonderheit, sondern Tradition in ganz Ostdeutschland.

Die Einschulungen sind darum auch nicht wochentags, sondern am Samstag vor Ferienende - damit alle bis spät in die Nacht feiern können, niemand am nächsten Tag zur Schule oder Arbeit muss und auch die weit entfernt wohnenden Verwandten noch anreisen können.

Meine eigene Einschulung fand Mitte der 1980er Jahre in Westdeutschland sehr unspektakulär statt. Der Rektor hielt eine kleine Ansprache in der Turnhalle. Es war irgendein Wochentag, Montag oder Mittwoch, viele Väter fehlten, weil sie arbeiten mussten. Soweit ich mich erinnern kann, war außer meinen Eltern nur meine Oma dabei, die Sitzplätze waren begrenzt. Nach einer Theateraufführung der 2. Klasse wurden wir aufgerufen und liefen hinter unserer Lehrerin her in den Klassenraum. Ich glaube, es gab sogar schon den ersten Unterricht. Das Tollste an dem Tag war die Schultüte, deren Inhalt ich nachmittags auf dem Teppich im Kinderzimmer auskippte: darin Süßigkeiten und ein paar Hörspielkassetten. Den Rest des Tages verbrachten meine Schwester und ich damit, die neuen Bibi-Blocksberg-Geschichten anzuhören.

Wie anders hier in der Ex-DDR. Am sichtbarsten wird der Unterschied bei den Schultüten.

Ganze 85 Zentimeter sind sie im Osten lang. Oft sind sie sechseckig und traditionell sitzt ein Stofftier ganz oben zwischen dem Krepp und Tüll (15 Zentimeter kleiner und rund sind sie im Westen). Jedenfalls die wichtigste, die von den Eltern geschenkte. Die meisten Kinder bekommen mehrere. Kleine, mittlere und große, von den Gästen überreicht.

Das gleicht zumindest für die Schultütenindustrie vielleicht ein bisschen den Umstand aus, dass immer weniger Kinder eingeschult werden. 2025 wurden in ganz Deutschland so wenige Kinder geboren wie zuletzt 1946. Mecklenburg-Vorpommern liegt an der Spitze dieser Entwicklung. Hier bekommt jede Frau nur durchschnittlich 1,2 Kinder im Leben. In den kommenden Jahren werden Kindergärten, vielleicht auch Schulen, schließen müssen. Das werden harte Zeiten für die Schultütenhersteller.

Vielleicht steigt durch die sinkenden Geburtenzahlen das Bedürfnis, den Schulanfang der Erstklässler besonders groß zu feiern, gerade sogar noch weiter an?

Das Online-Vergleichsportal Idealo hat 2025 die Ergebnisse einer Umfrage veröffentlicht, wonach eine Einschulungsfeier im Osten im Durchschnitt 669 Euro kostete, im Westen nur 377 Euro.

Großes Familienfest im Osten, pragmatische Feier im Westen: Das ist auch ein Ergebnis der deutschen Teilung und der unterschiedlichen Feierkultur, die sich in Ost und West entwickelt hat. Die Rolle der Kirchen wurde in der DDR zurückgedrängt, Taufe, Konfirmation und Kommunion spielten kaum noch eine Rolle, während mit der Einschulung auch die Aufnahme des Kindes in die sozialistische Gemeinschaft begangen wurde.

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Ich bin zwiegespalten. Die Kinder freuen sich monatelang auf ihre Einschulung, es gibt ein Riesenfest, mehr Geschenke als an Weihnachten, alle beglückwünschen sie. Und dann fängt die Schule an. Eine meiner Töchter hat in der ersten Schulwoche jeden Tag geweint, weil sie nicht mehr barfuß laufen durfte und nicht mehr jederzeit raus und spielen durfte. "Was ist, wenn ich es nie mag in der Schule?", fragte sie mich. Das Fest, das wir vorher gefeiert hatten, kam mir in dem Augenblick fast wie Betrug vor.

Aber es gibt das Bedürfnis, Übergänge im Leben zu begehen. Irgendwas muss man ja feiern. Das Kind, eben noch winzig und zahnlos, hat schwimmen gelernt, klettert in die höchsten Bäume und hat den ersten Milchzahn schon wieder verloren. Darum wird es auch bei uns kein reines Schultüten-Überreichen geben, wie in meiner Kindheit. Sondern irgendwas zwischen großer Sause und reinem Pragmatismus.

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Kolumne

Christian Kurzke

Anke Lübbert wurde in Hamburg geboren und lebt seit vielen Jahren mit ihrer Familie in Greifswald. Dort schreibt und recherchiert sie über ostdeutsche Lebensläufe ebenso wie über die Gefahren, die der Gesellschaft durch Extremismus drohen. Und immer wieder gerne über die wunderbare Natur an der Ostseeküste.