Wirklich potthäßlich: Dosenöffner aus Brasilien
Wirklich potthäßlich: Dosenöffner aus Brasilien
chrismon.de
Gutes Handwerkszeug für die Küche
Praktisch kein Design
Schön ist nicht immer nützlich, aber effiziente Kochutensilien machen froh.
11.10.2022

Er ist wirklich potthäßlich. Dieses 70er Jahre Orange habe ich noch nie leiden können – außer in dem dazu passenden Jahrzehnt. Ich hatte sogar einen atemberaubend kurzen orangefarbenen Minirock, den wiederum meine Eltern verabscheuten. Wahrscheinlich weniger wegen der Farbe. Wie auch immer – Orange ist für mich längst passé. Aber ich habe diesen Dosenöffner jetzt trotzdem seit über 30 Jahren. 

Als ich ihn Anfang der 90er bei einer Tombola gewann, war ich einigermaßen entsetzt. So ein scheußliches Teil sollte meine schicken Designerstücke in der Küche ergänzen? Undenkbar. Das Dumme war nur, dass die Tombola, bei der ich dieses Trumm unfreiwillig ergatterte, von einer lutherischen Kirchengemeinde in Brasilien veranstaltet wurde. Wir waren die Ehrengäste eines höchst offiziellen Partnerschaftsbesuchs.  

Da kann man sich nicht hinstellen, ein Gesicht ziehen und den Gewinn zurückgeben – zumal dann nicht, wenn die brasilianischen Freunde ringsumher sich mächtig mit einem freuen. Ich habe den Dosenöffner unter Aufbietung meiner gesammelten Contenance freundlich entgegengenommen und mich so erfreut wie eben möglich gezeigt. Anschließend verschwand er in meinem Koffer und flog mit nach Deutschland.  

Was soll ich sagen? Er gefällt mir immer noch nicht – aber er ist in meinem Besitz geblieben. Um Längen schlägt er manches teure Teil, das ein dekoratives, aber überflüssiges Dasein in einer unserer Schubladen führt. Dieser Dosenöffner kriegt jedes Blech- oder Aluminiumgefäß auf. Er stemmt mühelos Deckel nach oben, die ich mit reiner Körperkraft nicht zu einer einzigen Umdrehung bewegen kann.

Mit leichter Hand und tänzerischem Vergnügen gehe ich auf alles zu, was zu ist. Das bleibt nämlich nicht so und ich weiß das. Ich habe meinen wunderbaren „abridor de latas“ oder „abre-latas“, wie die Brasilianer sagen. Klingt schon wie Musik und jedes Mal, wirklich jedes Mal, wenn ich ihn verwende, denke ich an Porto Alegre, wo er herkommt, an Brasil! Brasil! Brasil! – ich bin halt auch Fußballfan.

Mein Dosenöffner ist ein emanzipatorisches Anti-Aging-Produkt. In handwerklich komplexen Fragen bin ich mit ihm unabhängig. Der Satz „Dieses blöde Ding kriege ich nicht auf!“ kommt in meinem Wortschatz nicht vor. Also kaum. Und ich bekomme keine Zornesfalten, weil ich wutentbrannt und vergeblich an etwas herumdrehe. Ich habe es längst verstanden: Ich habe bei der Tombola den ersten Preis gemacht! Orange is beautiful.

Kolumne