Michel Friedman
Michel Friedman: "Ich bin ein optimistischer Depressiver"
Nicci Kuhn
Michel Friedman über Populismus
"Dann ist das nicht mehr mein Land"
Der Publizist Michel Friedman spricht im Interview über die menschenverachtenden Ideologie der AfD. In seinem neuen Buch rechnet er mit gelangweilten Demokraten und leidenschaftlichen Antidemokraten ab
Lena Uphoff
13.10.2023
7Min

Herr Friedman, Sie haben ein Buch rausgebracht, das vierte innerhalb von vier Jahren. Wie machen Sie das neben Ihren vielen anderen Tätigkeiten?

Ich bin Anwalt, ich bin Philosoph, ich habe verschiedene Berufe und freue mich, dass ich seit vier Jahren wieder den Mut hatte, als Autor zu arbeiten. Ich spreche von Mut, denn Bücherschreiben ist für mich eine der wertvollsten Aufgaben. Ich bin jemand, der Bücher zutiefst respektiert, ich habe mich schon als kleiner Junge in Büchern tagelang verloren. Und diese Leidenschaft ließ mich nie mehr los. Bücher haben auch mein Leben gerettet. Jedenfalls haben sie mein Leben ermöglicht. Die Anstrengung des Bücherschreibens ist enorm, emotional wie kognitiv. Ich liebe diese Anstrengung.

Schreiben Sie abends oder morgens?

Ich habe überhaupt keine Disziplinierung in diesem Sinne. Das kann ich auch gar nicht, denn meine Tagesabläufe sind wegen der Termine, Veranstaltungen oder Podiumsgespräche immer unterschiedlich. Ich diktiere den Text einer Mitarbeiterin – und alle zehn Seiten wird ausgedruckt, korrigiert und ergänzt. Wenn ich die 100. Seite geschrieben habe, lese ich von der ersten bis zur 100. Seite, bevor ich weiterdiktiere. In der Regel arbeite ich drei Monate an einem Buch.

Gaby Gerster

Michel Friedman

Michel Friedman, geboren 1956 in Paris, ist Rechtsan­walt, Philosoph, Publizist und Moderator. Oskar Schindler rettete seine Eltern vor den Konzentrationslagern. Von 2000 bis 2003 war er stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland. Er engagiert sich gegen Rechtra­dikalismus und für die Integration Geflüchteter. Seit 2016 ist er Honorarprofessor für Immobilien- und Medienrecht. Er ist mit der Moderatorin Bärbel Schäfer verheiratet, hat zwei Söhne und lebt in Frankfurt am Main.

In Ihrem neuen Buch warnen Sie vor Menschen, die "normal" sein wollen.

Was wir unter "normal" verstehen, bestimmen die quantitativen Mehrheiten. Aber was ist schon normal? Normal ist jemand, der sich sehr gut anpassen kann, der unauffällig bleibt. Normal ist jemand, der den Leuten nicht auf den Keks geht. Normal ist der Durchschnitt, das Mittelmaß. Schon eine gesteigerte Begabung und Intelligenz, ein überdurchschnittliches Engagement mag das Normale und das Mittelmäßige nicht. Für mich ist Normalsein ein hohes Maß an Opportunismus, an Anpassung. Die Normalen scheuen die Grenzüberschreitung. Unauffälligkeit ist das Gebot der Stunde.

Wenn Sie Grenzüberschreitungen schätzen, dann frage ich mich, wie Sie zu den Klimaaktivisten der Letzten Generation stehen?

Das Klima gehört, neben der Überlebensfrage der Hungernden und Durstenden, die im Elend leben in dieser Welt, zu den zwei existenziellen Fragen. Dass es so nicht weitergeht, wissen wir alle seit dem Club of Rome, seit den 70er Jahren. Hätten wir damals begonnen, ein bisschen was zu machen, Jahr für Jahr, dann wären wir heute mit vielen Problemen durch. Haben wir aber nicht. Weil es, damals wie heute, Verzicht bedeutet hätte. Was die Letzte Generation betrifft, bin ich skeptisch. Zum einen, weil die Letzte Generation mit dem Gedanken der Apokalypse spielt. Menschen neigen dazu, wenn sie in einer Krisensituation sind, die sie nicht mehr verstehen, zu sagen: Die Welt geht unter. Das muss man korrigieren, die Erde wird nie untergehen durch eine Klimaveränderung. Wenn überhaupt, wird nur die Menschheit untergehen. Die Letzte Generation setzt ja auch voraus, dass in den nächsten Jahren keine dynamischen Lösungen denkbar sind, die wir heute noch nicht kennen. Ob die Letzte Generation das Bewusstsein der Bevölkerung und den Druck auf die Regierung erhöht – da habe ich meine Zweifel. Die Bevölkerung ist wütend auf die Aktivisten. Und die Politik hat überhaupt keinen Druck dadurch, weil die Bevölkerung gegen diese Form von Protest ist. Und ein kontraproduktiver Protest ist eben kein konstruktiver Protest.

Sie haben großes Verständnis für die Friedensbewegung, sagen Sie ­– fordern aber eine stärkere Bundeswehr.

Das eine schließt doch das andere nicht aus, im Gegenteil. Eine starke Verteidigung garantiert den Frieden. Der Staat muss garantieren, dass die innere und die äußere Sicherheit gewährleistet ist. In Deutschland gab es seit den 80er, 90er Jahren, spätestens seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion, von Konservativen wie von allen anderen Parteien die Annahme, es gäbe nie mehr Krieg. Die Linken verbreiteten – und die Konservativen übernahmen die Metapher –, der Krieg sei kein Mittel der Politik. Mit diesen beiden Annahmen entschuldigte sich das Land und baute die wehrhafte, einsatzfähige Armee ab. Das war fahrlässig. Wenn jemand sagte, Krieg sei kein Mittel der Politik, dann war das eine Lüge, weil, während er das sagte, irgendwo Krieg war. Auch in Europa. Ob in der Türkei, in Georgien oder auf der Krim. Dieser naive Satz war nichts anderes als: Ich will mir die Hände in Unschuld waschen, ich will mit all dem nichts zu tun haben – und wenn das dann nötig ist, mache ich es nicht. Aber ich gebe einen Scheck über Milliarden von Euro, damit andere es machen. Und in Schlaraffenland ist das ja eine Methode. In der Realität kann das tödlich sein.

Wer sind diese heutigen Schlaraffen?

Schlaraffenland nannte man es im 15. Jahrhundert, als die Menschen zum ersten Mal mehr oder weniger alle essen konnten. Was wir heute darunter verstehen, ist ja nur eine Dekadenz der totalen Konsumsteigerung, die circa 20 Prozent der Bevölkerung nie erleben werden. Heutige Schlaraffen wollen nicht gestört werden. Sie wollen das Leben genießen. Sie sind ökonomisch wohl aufgestellt. Das beginnt ja schon bei 3000, 4000 Euro netto. Man muss gar kein Millionär sein. Dann fliegt man eben mit Ryanair oder man geht nicht in das allerteuerste Restaurant. Aber das Leben ist schön. Bei Schlaraffen hängt immer ein "Do not disturb"-Schild an der Tür. Das Problem bei der Covidkrise und jetzt beim Ukrainekrieg: Die Tür für das Schild ist weg. Auch bei einer entschlossenen Klimapolitik sagten und sagen die Schlaraffen: Das wollten wir nicht, weil wir dann unter Umständen verzichten müssen. Und im Schlaraffenland mag man nicht verzichten. Und bei der Digitalisierung wollten die Schlaraffen auch nicht lernen, das war ihnen zu anstrengend. Auch deshalb hinken wir jetzt hinterher. Der Schlaraffe nimmt alles mit einer Selbstverständlichkeit war. Der Wohlstand war selbstverständlich, der Sozialstaat war selbstverständlich, die Demokratie ist selbstverständlich. Keiner strengte sich mehr dafür an, weil alles selbstverständlich, also langweilig geworden war. Und an dem Punkt, wenn beides zusammenkommt, gelangweilte Demokraten und leidenschaftliche Antidemokraten – dann wird es gefährlich.

"Ich bin ein optimistischer Depressiver"

Was hilft jetzt?

Schlaraffenland ist heute noch nicht abgebrannt, aber Schlaraffenland erlebt viele Brände. Und die müssen wir ja eigentlich löschen. Wir müssen einen neuen Gesellschaftsvertrag verhandeln, damit die Kinder, die in diesem Land aufwachsen, jeweils die beste Ausbildung haben. Ich halte die Chancenungleichheit in den Schulen für die größte soziale Ungerechtigkeit des Landes, weil sie sozial benachteiligte Kinder von vornherein durch schlechte Bildung markiert und ausschließt. Diese Kinder erhalten nicht die Betreuung und Förderung, die sie bräuchten. Dadurch wird ihnen ein Stempel aufgedrückt, der sie im Leben ausgrenzt. Gleichzeitig wissen wir, dass wir so unendlich viele qualifizierte Jugendliche brauchen. Wollen wir also eine Zukunft, müssen wir digital aufholen. Bei der Frage des öffentlichen Verkehrs und der Umwelt hängen wir Jahrzehnte hinterher. Wir müssen handeln.

Die immer radikaler auftretende AfD erfreut sich in Umfragen hoher Zustimmung. Denken Sie manchmal daran, Deutschland zu verlassen?

Das käme heute nicht infrage. Noch nicht. Aber wenn die AfD in einer Bundesregierung beteiligt wäre, ist das nicht mehr mein Land. Ich hätte nichts aus der Geschichte von meiner Familie gelernt, wenn ich bleiben würde. Ich würde dann auch meine Freunde ansprechen, ob sie nicht mit mir gehen. Das wäre kein Land mehr, in dem Grundrechte garantiert sind. Und wenn eine Frau Weidel auf die Frage, warum sie nicht an den Feierlichkeiten zur Befreiung von Hitler teilnahm, sinngemäß antwortet: "Ich feiere nicht die Niederlage des eigenen Landes", dann entspricht das genau dem, was die vielen Nazis nach 1945 empfanden. Es war keine Niederlage, das will ich klar sagen, es war eine Befreiung. Stellen Sie sich Frau Weidel in der Bundesregierung vor. Not my country.

Sollten Sie auswandern müssen, wäre Israel im Angesicht des Terrors jetzt noch eine Option für Sie?

Israel war immer eine der Optionen – und nicht die einzige. Aber die Frage wird sich nicht vor der Bundestagswahl 2029 stellen. Ob Israel dann ein Land ist, in dem ich leben will oder vielleicht anderswo, werde ich mir erst überlegen, wenn ich diese Entscheidung treffen muss. Jetzt ist Israel erschüttert von einem gewalttätigen, barbarischen Terrorangriff. Dieser Angriff war eine Kriegserklärung, in der eine neue Dimension von Menschenverachtung und eine Gewaltspirale zu sehen war, die wir auch aus dem Ukrainekrieg kennen. Das Ziel der Hamas sind die Zivilisten: Kinder, Frauen und alte Menschen. Sie sind zu feige, militärische Ziele anzugreifen.

Jetzt ist die AfD in Hessen bei 18 Prozent. Was war Ihre Reaktion auf dieses Ergebnis?

Es war für mich keine Überraschung, es war sogar zu erwarten, dass die AfD mit ihrer menschenverachtenden Ideologie, mit ihrem Nationalismus, mit ihren populistischen Methoden, mit ihrer Verachtung gegenüber den Eliten in Westdeutschland genau so ein Potenzial zum Verführbaren hat wie im Osten. Oder glaubte man, dass es im Westen keine Rechtsextremisten und keine Rechtsterroristen gebe? Zur Erinnerung: Das alles war in Westdeutschland schon da, bevor die Wiedervereinigung stattfand, bereits seit der Befreiung von Hitler. Aber jetzt sehen wir, dass die Ansteckungsgefahr einer Enthemmung sehr dynamisch geworden ist.

In Ihren Büchern lernt man einen zutiefst traurigen Michel Friedman kennen.

Ich bin ein optimistischer Depressiver. Ich glaube noch immer an das Leben, weil ich an den Menschen glaube. Das mag ein psychologischer Selbstbetrug sein, aber ich arbeite nicht dagegen an. Noch will ich leben, unbedingt.

Das Interview wurde am 13. Oktober um zwei neue Fragen zum Israel-Krieg und zur Landtagswahl in Hessen ergänzt.

Infobox

Michel Friedmans neues Buch "Schlaraffenland abgebrannt - Von der Angst vor einer neuen Zeit" soll ein Weckruf an gelangweilte Demokraten sein. Er kritisiert die Lustlosigkeit vieler Gutverdiener bei den drängenden Themen unserer Zeit: Klima, AfD und Bildungsgerechtigkeit. Das Buch ist im Berlin-Verlag erschienen, 224 Seiten, 24 Euro.

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Vorab: Ich mag auch Leute wie Aiwanger nicht.

- Vernunftbegabung zu wirklich-wahrhaftiger Vernunft, bedeutet Konfusion zu gottgefälliger Fusion, zu Verantwortungsbewusstsein für die volle Kraft des Geistes der Gott/Vernunft ist

Friedmann: "Für mich ist Normalsein ein hohes Maß an Opportunismus, an Anpassung. Die Normalen scheuen die Grenzüberschreitung. Unauffälligkeit ist das Gebot der Stunde."

Normal in dieser "Demokratie", ist das "gesunde" Konkurrenzdenken für die wettbewerbsbedingte Symptomatik von "Wer soll das bezahlen?" und "Ökonomie" unternehmerischer Abwägungen zu Gerechtigkeit in "Arbeit macht frei" / für den nun "freiheitlichen" Wettbewerb um die Deutungshoheit des zeitgeistlich-reformistischen Kreislaufes im stets gleichermaßenen imperialistisch-faschistischen Erbensystem (wo die heuchlerisch-verlogene Schuld- und Sündenbocksuche für die "Anderen" einspringt) - Dafür muss man sich und seinesgleichen eine opportunistische Basis schaffen, die man mit dem Populismus des reformistischen Zeitgeistes in allen denkbaren ...losigkeiten pflegt, für das Gesamtkonstrukt dieser daraus konfusioniert-resultierenden "Werteordnung" - Die scheinbar höchstmoralische Kommunikation der gewählten "Treuhänder" im parlamentarisch-lobbyistischen Marionettentheater durch Kreuzchen auf dem Blankoscheck (durch leichtfertige Übertragung der Verantwortung von "braven" zur Kompromissbereitschaft korrumpierten Bürger).

Kompromissbereitschaft ist ein erster Schritt in die Verkommenheit dieses menschenUNwürdigen Systems.

Die einzig wahre Grenzüberschreitung/Überwindung, wäre die Gestaltung einer globalen Gemeinschaft, des ganzheitlich-ebenbildlichen Wesens Mensch, in UNKORRUMPIERBAREM Gemeinschaftseigentum "wie im Himmel all so auf Erden", OHNE wettbewerbsbedingte Symptomatik, doch diese wurde von den Imperialisten des egozentrierten "Individualbewusstseins" schon seit Mensch erstem und bisher einzigen geistigen Evolutionssprung ("Vertreibung aus dem Paradies") verstanden nachhaltig zu verabscheuen, und ist immernoch das Gebot der Stunde, für systemrationale Anpassung in Unwahrheit.

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Tja, es kann eben nicht gestohlen werden, was garnicht existiert!?

Demokratie ist wie das wahre Reich Gottes, Vernunft und Verantwortungsbewusstsein müssen ebenbildlich verstanden und wirklich-wahrhaftig gestaltet werden.

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Bildung, hin zu verstärkter/funktionaler Bewusstseinsbetäubung, als Antwort!?

"In der Jugend, wo wir nichts besitzen oder doch den ruhigen Besitz nicht zu schätzen wissen, sind wir Demokraten.
Sind wir aber in einem langen Leben zu Eigentum gekommen, so wünschen wir dieses nicht allein gesichert, sondern wir wünschen auch, daß unsere Kinder und Enkel das Erworbene ruhig genießen mögen. Daher sind wir im Alter immer Aristokraten." (Goethe)

Was in diesem Text deutlich wird, ist unsere Glaubens- und Bewusstseinsschwäche in Angst, Gewalt und egozentriertem "Individualbewusstsein", denn wenn wir immer Aristokraten werden, dann ...!?

Die Antwort (be)steht in der richtigen / zweifelsfrei-eindeutigen Interpretation der Philosophie der Bibeltexte, hin zum ganzheitlich-ebenbildlichen Wesen Mensch, in einem globalen Gemeinschaftseigentum "wie im Himmel all so auf Erden", OHNE ...! ;) :)