Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden unter psychischen Krankheiten
Schwierige Zeit - auch für Kinder und Jugendliche
Cavan Images / Getty Images
Schulstress
"Zwischen Kind und Leistung trennen"
Tübinger Psychiater Tobias Renner über junge Menschen und ihre Probleme – die sie auch schon vor Corona hatten
Tim Wegner
02.05.2023
4Min

chrismon: Wie geht es den Kindern und Jugendlichen?

Tobias Renner: Wir stellen leider fest, dass es mehr psychisch erkrankte ­Kinder und Jugendliche gibt als vor der Pandemie. Das höre ich aus vielen Regionen in Deutschland.

Was fehlt den jungen Menschen?

In jüngerer Zeit behandeln wir viele Kinder und Jugendliche mit Depressionen, sicher auch als Folge der Pandemie. Der Kinder- und Jugendreport der DAK-Gesundheit bestärkt uns in unserer klinischen Beobachtung.

Inwiefern?

Laut Jugendreport 2022 haben allein bei Mädchen von zehn bis 14 Jahren die neu diagnostizierten Depressionen um mehr als 20 Prozent ­zugenommen. Das merken wir auch bei uns. Die Warte­liste für Jugendliche, die in ­unserer Tagesklinik behandelt werden sollen, ist regelrecht explodiert. Wir haben auch so viele stationäre Aufnahmen wie noch nie.

Tobias RennerCaro Hoene

Tobias Renner

Tobias Renner ist Professor und ­ärztlicher Direktor der Abteilung ­Psychiatrie, ­Psycho­somatik und Psycho­therapie im Kindes- und ­Jugendalter des Universitäts­klinikums Tübingen. Renner gehört dem Vorstand der Deutschen ­Gesellschaft für Kinder- und ­Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und ­Psychotherapie an.

Warum ist das so?

Zum Lebensumfeld von Kindern und Jugendlichen gehören die Familie, die Peer-Kontakte, Bezugsgruppen mit Gleichaltrigen, also Freundinnen und Freunde. Und natürlich die Schule. All diese Bereiche waren von der Pandemie betroffen. Kinder und Jugend­liche lebten in Unsicherheit: Was darf ich machen, wen kann ich treffen?

Das ist schon eine Weile her . . .

Aber diese Zeit hat auf ein Belas­tungs­konto eingezahlt, das nicht gelöscht worden ist. Die meisten Kinder und Jugendlichen haben diese Zeit gut verarbeitet. Aber wer verletzlicher ist, hat Probleme. Und die psychische Gesundheit der jungen Menschen war schon vor Corona ein Thema.

Inwiefern?

Viele Kinder litten in den Schulen ­ unter Leistungsdruck. Es gibt beispiels­weise eine Studie, die Belas­tungen von Dritt- und Viertklässlern in Bayern und in Hessen vergleicht. In Bayern können Kinder nur aufs Gymnasium, wenn sie eine ­Empfehlung be­kommen. In Hessen können die Eltern mit dem Kind entscheiden. Der Leistungsdruck, der in Bayern entsteht, hat negative ­Effekte auf die psychische Gesundheit, die in dieser Studie klar aufgezeigt wurden.

Wie können Eltern Leistungsdruck vermeiden?

Sie dürfen Kindern nicht vermitteln, dass ihr Wert von einer Leistung ­abhängt. Das ist entscheidend. Kein Elternteil wünscht sich, dass das Kind mit einer Fünf nach Hause kommt. Da können die Gesichtszüge schon mal entgleisen. Kinder sind feinfühlig, sie merken so etwas sofort. Man kann als Elternteil durchaus die Rückmeldung geben, dass man nicht begeistert ist von einer Note. Und sagen: "Das war nicht so toll, wir müssen schauen, wie du wieder auf den Damm kommst." Aber man darf den Wert eines Menschen nie an Leistung oder eine Note koppeln. Auch für Lehrkräfte ist es wichtig, zwischen Kind und Leistung zu trennen.

Was können wir noch tun, damit es den jungen Leuten bessergeht?

Die Selbstwirksamkeit fördern. Wer in Mathe eine Fünf schreibt, erlebt das als Niederlage – nicht als Selbstwirksamkeit. Umso wichtiger sind ­Erfolge. Wer nicht Königin oder ­König in ­Mathe ist, hat bestimmt andere ­Talente. Kinder sollten die Möglichkeit erleben, ihre Talente zu leben und auch Erfolge haben zu können. Die Konzentration auf Defizite ist nicht hilfreich. Leider ist das nach Corona in einigen Bereichen schiefgelaufen.

Was ist passiert?

Viele Programme, die seit der Pan­demie an den Schulen aufgenommen wurden, beinhalten die Worte "Nachholen" und "Aufholen". Als wären ­alle zu lange im Urlaub gewesen. Aber die Kinder und Jugendlichen kamen ­hochbelastet in die Schulen zurück. Ich hoffe, wir als Gesellschaft ver­stehen endlich, dass Schule ein Lebens­ort ist. Und nicht nur ein Ort, an dem Fachwissen vermittelt wird.

Wie wird Schule ein guter Lernort?

Man kann Projekte anstoßen, in ­denen Kinder und Jugendliche ihre ­eigene Selbstwirksamkeit erfahren. Die klassische Projektwoche ist aber zu wenig. Es geht um einen Geist, der am Entwicklungsort Schule gelebt werden muss. Und um individualisiertes Lernen, denn Begabungen sind unterschiedlich verteilt.

Das ist nicht leicht in einer Klasse mit 25 bis 30 Kindern . . .

Stimmt, zumal auch viele Lehr­kräfte am Ende ihrer Kräfte sind. Aber schon kleine Änderungen können viel in Gang bringen, beispiels­weise die Einführung von Bewegungseinheiten. Wir wissen, dass fünf bis sechs Prozent der Kinder unter der Aufmerksamkeits­defizit-/Hyperaktivitäts­störung leiden. Schon kurze Bewegungseinheiten können speziell diesen Kindern enorm ­helfen, Bewegung ist gut für alle, zwei Stunden Schulsport die Woche reichen nicht!

Die Leipziger Schüler*innen kritisieren Ziffernnoten und schlagen wertschätzende Beurteilungen vor. Klingt nicht nach Bildungsrevolution.

Oh doch, das wäre eine Revolution (lacht). Gerade in den südlichen Bundesländern gibt es die Überzeugung, dass es eine klare Rückmeldung über den Leistungsstand geben muss, der auch messbar ist – also eine Ziffernnote. Vielleicht sind Ziffernnoten aber auch eine Lebensrealität, mit der Kinder lernen müssen umzugehen?

"Bleiben Sie in Kontakt mit Ihrem Kind"

Wie gelingt das?

Ich habe Schülerinnen und Schüler kennengelernt, die ihre Note hinterfragt und aktiv das Gespräch mit den Lehrenden gesucht haben. Und wenn diese Gespräche wertschätzend, ehrlich und differenziert waren, spielte die Ziffernnote hinterher gar nicht mehr die große Rolle. Die Bereitschaft der Lehrkräfte, den individuellen Stand mit den Schülerinnen und Schülern gemeinsam einzuordnen, erscheint mir als ein richtiger Weg.

Woran merke ich als Elternteil: Es geht meinem Kind wirklich nicht gut?

Ein Warnzeichen ist, wenn ein Kind sich auch von seinen Freunden zurückzieht und auch nichts mehr unternimmt, was vorher Spaß gemacht. Mein wichtigster Rat: Bleiben Sie in Kontakt mit Ihrem Kind. Wenn Sie das Gefühl haben, keinen Zugang mehr zu Ihrem Kind zu finden, sollte man möglichst frühzeitig eine Beratungsstelle aufsuchen.

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Wenn Leistung ausschließlich von und für die Gemeinschaft / das ganzheitliche Wesen Mensch im globalen Gemeinschaftseigentum belohnt/erfolgen würde, also das "gesunde" Konkurrenzdenken von und für den nun "freiheitlichen" Wettbewerb keine Macht mehr hätte, dann bräuchte es auch keine ... Fragen nach dem Warum mehr!!!

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Wir haben ja ein Trommelfeuer an Angst vor Klimakollaps, obwohl CO2 nur in Modellen, die die Vergangenheit nicht vorhersagen können, für die Erderwärmung sorgt und alle Horrormeldungen (von 2010 wird der letzte Baum sterben) nicht eingetroffen sind.

Dann Angst vor Pandemien, die man erst durch die Änderung des Pandemiebegriffes zu solchen machen konnte. Früher waren das schlicht Grippewellen, die man überstehen durte und dann mit gestärktem Immunsystem ins weitere Leben hinausgehen konnte.

Dann Angst um den Wohlstand und die eigene Zukunft in Deutschland. Nicht ganz unbegründet, wenn man sich die Poltik und die Preisentwicklung ansieht. Auch die Zukunft hinsichtlich Robotorisierung und Wegfallen vieler Tätigkeiten, ist sicherlich für junge Menschen besonders beängstigend.

Dann Angst vor Krieg oder Atomkrieg. Dazu kann man nur sagen, dass es ja auch nicht völlig unbegründet ist, sich da Sorgen zu machen.

Dann Angst vor Überfremdung oder neutraler, der Zerstörung der eigenen Kultur und des Zusammenhaltes durch Islamisierung.

Dann Angst vor Sinkendem Wohlstand durch den Zuzug von dauerhaften Nettotransferempfängern nicht selten ohne grundlegende Schulbildung.

Angst vor Kriminalität, die Teilweise durch die Überalterung sinkt, aber bei den Schwerpunktdelikten Zugezogener stark steigt. Wer möchte schon gerne sexuell belästigt oder Opfer eines Einbruchdiebstahls in Einzugsgebieten von Migrationsschwerpunkten werden...

Angst vor immer totalerer Überwachung und immer stärkeren Eingriffen ins Private, wie es sie 100te Jahre nie gegeben hat. Wer hat hier das Recht mir meine Heizung zu verbieten, usw...

Angst vor Rechtsextremismus. Also Leuten, die für Frieden demonstrieren, die auf schwere Schäden durch Impfstoffe hinweisen, die auf die Folgen langfristig falscher Entscheidungen hienweisen und in nationalem Zusammenhalt und Gesellschaften mit großer Homogenität Vorteile für all sehen. Denn dort ist die gegenseitige HIlfsbereitschaft am größten.

Angst vor eine Politik, die ausschließlich Oligarchen bedient und nachweisslich die Interessen von 99% der Wähler völlig ignoriert.

Da kann man schon auf die Dauer irre werden.
Leider sind Schulen in erster Linie Indoktrinationsorte.

Und so haben wir die besten Klimakleber der Welt, aber Schulabsolventen, die sonst noch nie im Durchschnitt so schlecht waren, wie heute.
Mathematik, da würde praktisch keiner die Zulassungvoraussetzungen für ein Studium an einer indischen Universität schaffen.

Die Jobs können wir ja nach Indien aussourcen.
Industrie brauchen wir ja eh nicht. Die kann auch in die USA.

Solange der Staat die Kirchendiener fürstlich bezahlt und dafür immer neue Steuern und Abgaben erfindet, darf die unchristlich reiche Kirche nur auf Linie des Staates sein, egal wie falsch und verlogen das ist.

Oder beten...

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Ich habe noch nichts von neuartigen Genen gehört, die in einer psychosomatischen Epedemie fächendeckend Angstörungen bei Jugendlichen erzeugen. Wohl aber die immer Einfühlsamen, die bei jedem Überschnallknall und Gewitterdonner nach der Schallschutzmauer rufen. Es ist diese infantilisierte Weichspüler-Gesellschaft, die letztlich dazu führt, dass unsere Leistungsbereitschaft leidet. Ob He. oder Fr.-Fussball, Leichtathletik WM oder Rudern, wir verlieren. Nur Einzelkämpfer überleben. H. Watzke v. Borr. Dortmund: "Wer nicht gelernt hat zu verlieren, kann nicht gewinnen" .

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