Die Autorin bei ihrer Rückkehr vor dem Bahnhof in Neuwied
Die Autorin bei ihrer Rückkehr vor dem Bahnhof in Neuwied.
Marina Friedt
Ein "Verschickungskind" erinnert sich
"Das Essen ist aus Schlamm gemacht . . ."
"...kotzen tun wir jede Nacht", notierte Marina Friedt in ihr Reisetagebuch. Mit elf wurde sie zum Aufpäppeln nach Langeoog verschickt. Was sie und viele andere Kinder erlebten, war keine Erholung
Marina Friedt, Journalistin und Erste Vorsitzende des Deutschen Journalisten Verband in Hamburg. Europa, Deutschland, Hamburg.18.09.2012 ; HF; Christian O. Bruch Kontakt: Christian O. Bruch Dorotheenstraße 5/b 22301 Hamburg mail@christianbruch.de Tel: +49 – (0) 40 – 22 90 291 Mobil: +49 – (0) 172 – 41 32 563 Um Belegexemplar wird gebeten! SPARDA - Bank Knt.-Nr.: 000 250 52 82 BLZ : 206 905 00Christian O. Bruch / laif
Aktualisiert am 10.01.2026
10Min

Der Linoleumboden ist hart und eiskalt. Ich hocke auf einem Stuhl, barfuß, und schlinge mein Bettzeug enger um mich. Weil ich dem harschen Einschlafbefehl "Augen zu!" nicht folgte, sperrten mich die "Tanten" in diesen kargen Raum. Ich schaue durchs Fenster auf ein Wäld­chen, bin traurig und wütend und stelle mir vor, wie ich abhauen könnte: über die Dachrinne runter und zurück aufs Schiff. Aber ich blieb, sechs Wochen lang, die gesamten Sommerferien 1975. Ich war elf Jahre alt, ein "schlechter Esser", und man hatte mich zum Aufpäppeln ins "Haus Sonnenschein" auf Langeoog geschickt.

In der Nachkriegszeit und bis in die 1980er, teilweise sogar bis in die 1990er Jahre war es bundesweit üblich, Kinder bis 14 Jahre zur Erholung in Heime an die Nordsee, in den Schwarzwald, nach Bayern oder in den Harz zu senden. Schätzungen gehen von bis zu acht Millionen "Verschickungskindern" aus.

Viele waren im Vorschulalter, aber auch Kleinkinder von zwei Jahren schickte man getrennt von den Eltern auf Reisen. Meist für sechs bis zwölf Wochen nach ärztlicher Diagnose, weil sie zu dünn oder zu dick waren, Asthma oder andere Lungenprobleme hatten oder zum Beispiel an Neurodermitis litten. Doch statt sich zu erholen, machten viele dort Erfahrungen, die sie bis heute verfolgen.

Als ich während des ersten Lockdowns gründlich aufräumte, entdeckte ich in einer Kiste mein Reise­tagebuch von damals und den Briefwechsel mit ­meiner Familie. Da kamen die Erinnerungen ­wieder hoch, und ich fing an zu recherchieren. Früher dachte ich, nur ich und die Kinder, die mit mir in Haus Sonnenschein waren, seien zur Kur gewesen.

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Lesetipps:

  • Sabine Ludwig: "Schwarze Häuser" (Dressler);
  • Hilke Lorenz: "Die Akte Verschickungs­­- kinder" (Beltz);
  • Anja Röhl: "Das Elend der Verschickungs- kinder" (Psycho- sozial-Verlag);
  • Felicitas Hoppe: "Fieber 17" (Doerlemann).

Weitere Infos unter verschickungsheime.de.

Dieser Text erschien erstmals am
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Das Heft öffnete sich zufällig beim Thema „Verschickungskinder,“ zunehmend entsetzt las ich mich fest, und viele Erinnerungen erwachten: Im Sommer 1948 (oder 1949) war ich in einem Kinderferienheim der Stadtmission Nürnberg, das Schülerheim in Wunsiedel im Fichtelgebirge nahm erholungsbedürftige Kinder für vier Wochen auf. Meine Erfahrungen dort können nicht negativ gewesen sein, sonst hätte ich nicht später als Schülerin für die Betreuung von Ferienkindern gemeldet und jahrelang als „Tante“, vorher pädagogisch geschult und gut vorbereitet, diese Art von Ferienarbeit gemacht.
Die Kinder wurden von den Entsendestellen des Landesverbandes der Inneren Mission zum Bahnhof in Nürnberg gebracht und einem kleinen Team mit erfahrener Leitung für vier Wochen anvertraut. Mit dem Zug gelangten wir an den Zielort, ich hatte mich wiederholt für eine Hütte im Kleinwalsertal entschieden, als Studentin später für Häuser auf der Insel Föhr - wie sonst hätte ich überhaupt in den Ferien verreisen können?
Unsere Kinder wurden mit Sportspielen, mit Heimspielen, mit Wanderungen und Spaziergängen, mit Singen, Vorlesen, Theaterspielen, usw. beschäftigt, ein Morgenkreis vor dem Frühstück, ein Abendkreis vor dem Zubettgehen umrahmten den Tag, den Sonntag feierten wir mit einem Gottesdienst in der Ortskirche oder gestalteten einen Kindergottesdienst irgendwo im Freien: auf einem Berg, einer Almwiese, am Strand oder auch im Haus.
Von einer Köchin ausreichend versorgt bis verwöhnt, war ärztliche Betreuung selten notwendig, alle Kinder zeigten bei der Schlussuntersuchung eine Gewichtszunahme, und natürlich freuten sich alle auf die Heimreise – die „Tanten“ inbegriffen .
Einmal entdeckte ich auf dem Bahnsteig meine kleine Cousine! Ihr Vater war erst vor kurzem gestorben, das sichtlich verängstigte Kind blühte geradezu auf, als es mir nach vielen Jahren wieder begegnete. Heimweh kam somit erst gar nicht auf.
Für mich als zukünftige Lehrerin war die Zeit der Kinderferienheime auch eine unschätzbare Praxisvorbereitung für alle Schulfächer, viele Erfahrungen flossen in meinen Unterricht ein, etwa der Morgenkreis zur Sammlung als Beginn des Schultags.
In den 70er-Jahren hatte sich die Kinderferienheim-Arbeit überlebt und wurde aufgegeben.
Mit freundlichen Grüßen
Ilse Vogel

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Mit Entsetzen las ich, was den Kindern in manchen „Erholungsheimen“ angetan wurde.
Ich hatte wohl großes Glück, als ich 1971 ( 12 Jahre alt ) nach Langeoog zum Abnehmen geschickt wurde. Wie das Heim hieß, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere aber, dass die Inselbahn dicht vorbeifuhr und die Gebäude die letzte / erste Bebauung am Ortstaus – bzw. eingang. Es wurde glaube ich von der AWO betrieben.
Mit mir reisten auch zwei Klassenkameradinnen, aber Heimweh hatte ich trotzdem. Die Ernährung war zum Abnehmen gedacht und ich gewöhnte mich an die kleinen Portionen. Hungern oder dursten mussten wir nicht.
Wir machten Frühsport, lange Spaziergänge und gingen regelmäßig ins Meer, was mich sehr beeindruckte. An einen Ausflug nach Baltrum kann ich mich auch erinnern.
Abends spielet Tanta Maria oft Gitarre und sang mit uns Lieder aus der „Mundorgel“.
Die Betreuerinnen einschl. der Heimleitung ( „ Tanta Maria“ ) waren sehr nett, aber auch konsequent, was bei so vielen Kindern unterschiedlicher Herkunft Not tat. Es wurde nicht bestraft und schon gar nicht geschlagen….
Langer Rede kurzer Sinn: ich nahm in fünf Wochen 7,5 kg ab und weinte beim Abschied mindestens so sehr, wie am Anfang vor Heimweh.
GLÜCK GEHABT!!!!!!!
Mit freundlichen Grüßen
Heike Sünnemann

Ich war auch 2 x zur Kindererholung auf Langeoog ! Einmal vor der Schule 1972 und dann noch mal 1979..erinnere mich vom ersten mal auch noch an Tante Maria ...glaube es war Haus Sonnenschein., und das ich Heimweh hatte. War mit meinem Zwillingsbruder da. Aber in getrennten Gruppen. Ich zum Abnehmen ...mein Bruder zum Zunehmen.Sonst hab ich mehr Erinnerungen vom 2 x 1979...da war ich schon 13 Jahre alt und fand es eigentlich wie ein langen Schullandheim Aufenthalt...
Schade das es in den Jahren noch nicht so mit Fotos war. Hab nur 1 Gruppenbild vor dem Heim

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Warum werden über die Verschickungsheime nur Negativberichte veröffentlicht? So jedenfalls ist mein Eindruck. Mir ist klar, dass Menschen mit schlimmen Erinnerungen an ihre Zeit in solchen Heimen ein Forum brauchen, um endlich darüber sprechen und schreiben zu können. Aber vielleicht sollten doch auch positive Erfahrungen erwähnt werden, auch wenn sie sich meist weniger spannend und aufwühlend anhören. Ich jedenfalls erinnere mich voller Dankbarkeit an die 6 Wochen, die ich 1955 als 11jähriges Flüchtlingskind im Kinderverschickungsheim Miralago in der Schweiz verbrachte. Es gab gut und ausreichend zu essen, Schwestern und "Tanten" waren engagiert und liebevoll. Wo sonst konnte man damals so viel Gemeinschaft erleben mit Singen, Spielen, Tanzen, Basteln, Wanderungen und Theaterspiel? Für mich war es eine unvergessliche, wunderschöne Zeit, ich schrieb damals begeisterte Briefe nach Hause, die ich noch heute aufbewahre. Träger des Heimes war von 1946 bis 1956 die Kinderhilfe des Schweizer Roten Kreuzes, danach die Württembergische Kinderhilfe e.V. Esslingen.

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Sehr geehrte Damen und Herren,
die Geschichte hat mich sehr bewegt. Ich muss Ihnen einfach meine Erinnerungen schreiben.
In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre wurde ich, 1950 geboren, zweimal nach Bad Sachsa in das Haus "Bergfrieden" verschickt. Ich habe einige schöne Erinnerungen, Wanderungen und Spiele, unauslöschlich sind aber zwei Dinge, an die ich noch heute nur mit Entsetzen denke. Morgens gab es widerliches "Müsli", weigerte ich mich es zu essen, wurde ich von einer "Tante" auf den Schoß genommen und mit Zwang gefüttert; erbrach ich in den Teller, musste ich auch das noch einmal essen. Es war strikt untersagt, während der Schlafenszeit die Toilettenspülungen zu benutzen; eine Schilderung der Zustände in der Toilettenanlage in den Morgenstunde erspare ich mir. Auch erinnere ich mich, dass ein Mädchen, sie hieß Elfie, vor versammelter Mannschaft von den "Tanten" bloßgestellt und veralbert wurde.

Vor wenigen Jahren habe ich einen Kurzurlaub mit meiner Frau in Bad Lauterburg genutzt, den schrecklichen Ort zu besuchen. Die Auffahrt war kaum mehr befahrbar, der große Garten völlig verwildert, das Gebäude anscheinend baufällig, ein Sprung Rehe auf dem Grundstück flüchtete vor uns. Mit großer Befriedigung habe ich den Ort wieder verlassen.
Mit freundlichen Grüßen
Joachim Lüdeke

Lieber Herr Lüdeke, vor wenigen Tagen haben wir bei einer kleinen Tour in den Harz dieses Kinderheim entdeckt und viele Fotos/Videos gemacht. ( mein geliebter Sohn verunglückte tödlich und ich führe zur Verarbeitung und Trauerbewältigung unser gemeinsames Hobby "Lost place erkunden" weiter) Nun bin ich auch ein sehr wissbegieriger Mensch,möchte wissden,was ich da gerade erkunde und versetze mich dann oft hinein und dort fühlte ich an vielen Stellen nichts Gutes und ich fing nun an zu recherchieren....was sehr schwierig ist und ich möchte auch niemandem zu nahe treten.....falls sie aber Interesse an einem Kontakt haben.können sie sich gern bei mir melden. Liebe Grüße Mandy mit Kevin im Herzen